120 Jahre Stadtgeschichte: das Gänseliesel

Liebe Leser,
der folgende Blog-Beitrag ist vor den zur Zeit geltenden Restriktionen wegen des Corona-Virus entstanden.

Ganz ehrlich: Während meiner Studienzeit spielte das Gänseliesel für mich keine Rolle. Man traf sich gelegentlich dort oder saß an warmen Sommertagen auf dem Brunnenrand. Aber welche Bedeutung die Figur für die Stadt hatte, war mir nicht bewusst. Das änderte sich ein paar Jahre später schlagartig, als ich die Leitung des Göttingen Tourismus übernahm. Von nun an war das Gänseliesel allgegenwärtig. Schon beim ersten Besuch in der Tourist-Information war es nicht zu übersehen. Sein Konterfei schmückte Tassen, Handtücher, Teller, Gläser, Taschen, Postkarten, Aufkleber, Broschüren und vieles mehr. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Und nicht nur Tourist*innen kaufen die Artikel, auch viele Einheimische, weil sie sich mit ihrer Stadt und ihrem inoffiziellen, aber doch offensichtlichen Wahrzeichen identifizieren. Grund genug, sich einmal näher mit der Geschichte des Gänseliesels und seiner Rolle in der Stadt zu beschäftigen.

Wie alles begann

1898 rief der Magistrat der Stadt Göttingen einen Wettbewerb zur Gestaltung des Brunnens auf dem zentralen Marktplatz ins Leben. Der Entwurf „Gänseliesel“ von dem Bildhauer Paul Nisse und dem Architekten Paul Stöckhardt landete in der Jurywertung zwar nur auf Platz 2, stieß aber bei der Bürgerschaft auf weit mehr Zustimmung als der erstplatzierte. Der Magistrat der Stadt entschied daraufhin, den Gänseliesel-Brunnen zu realisieren. Er wurde am 8. Juni 1901 sang- und klanglos aufgestellt.

Am 8. Juni 1901 auf dem Marktplatz aufgestellt: das Gänseliesel. Foto: Angelika Daamen

Küssen unter Strafe

119 Jahre ist das nun her, und in dieser Zeit hat sich das Gänseliesel zur meistgeküssten Frau der Welt gemausert. Bald nach der Aufstellung fanden nämlich die Studenten Gefallen an der Brunnenfigur. Es wurde Brauch, dass jeder Neuimmatrikulierte dem Gänseliesel einen Besuch abstatten und es küssen musste. Das damit verbundene lautstarke Treiben versuchte die Obrigkeit zu unterbinden. Hierzu erließ sie 1926 eine Verordnung, in der das Küssen unter Strafe gestellt wurde. Auch Graf Henckel von Donnersmarck, ein Vorfahre des bekannten Regisseurs und Oscar-Preisträgers, wurde erwischt. Als ambitionierter Jurastudent focht er die Rechtmäßigkeit der Polizeiverordnung an. Das als „Kuss-Prozess“ in die Stadtgeschichte eingegangene Verfahren verlor er allerdings. Das Verbot hatte weiterhin Bestand und ist, entgegen anderslautender Meinungen, sogar bis heute in Kraft.

Blumen für das „Liesel“

Mit den Jahren hat sich der Brauch etwas verändert. Heute kommen nicht mehr die Neuimmatrikulierten, sondern die Doktorand*innen um das Gänseliesel zu küssen – Verbot hin oder her. Manche kommen alleine, manchmal sind es 60 und mehr. Und natürlich bringen alle dem Gänseliesel als Dankeschön Blumen mit und schmücken damit den Baldachin.

Warten auf den Kuss: Doktorand*innen auf dem Marktplatz. Foto: Ronald Schmidt

Frauen auf dem Vormarsch

 

Längst ist das Küssen des Gänseliesels nicht mehr nur den Männern vorbehalten. Auch Doktorandinnen frönen dem Brauch begeistert und kommen, ebenso wie ihre männlichen Pendants, in geschmückten Bollerwagen oder Treckern zum Brunnen.

Natürlich auch für die Damen gilt: Runter vom Wagen und…

rauf aufs „Liesel“. Fotos: Angelika Daamen/Ronald Schmidt

Gut behütet

Ein echter Hingucker sind die bunt geschmückten Doktorhüte, bei deren Gestaltung der Phantasie freien Lauf gelassen wird und die bei genauem Hinsehen viel über die Träger*innen verraten. Da gibt es Anspielungen auf den Herkunftsort, das Studienfach und natürlich auf die vielfältigen Hobbies der Träger*innen.

Geduld: Mitunter bilden sich lange Warteschlangen vor dem Gänseliesel. Foto: Christoph Mischke

Der Phantasie freien Lauf gelassen: lustige, farbenfrohe Doktorhüte. Foto: Ronald Schmidt

Ein ganzes Jahrhundert

Der 100. Geburtstag des Gänseliesels 2001 wurde groß gefeiert. Wahrzeichen und Märchenfiguren aus anderen Städten überbrachten ihre Glückwünsche. Für 100 Minuten war es auch der „normalen“ Bevölkerung ohne Doktortitel gestattet, das Gänseliesel zu küssen. Mitglieder des Rats der Stadt Göttingen bewiesen ihr schauspielerisches Talent und hoben in einer improvisierten Spaß-Ratssitzung das Kussverbot für diese Zeit auf. Damit alle „Kuss-Interessierten“ das Gänseliesel sicher erreichen konnten, hatte der städtische Bauhof eigens eine Holzkonstruktion angefertigt, die am Brunnen installiert wurde und den Aufstieg erleichterte. Ich weiß noch, dass ich nicht schlecht über die lange Schlange von großen und kleinen Göttinger*innen staunte, die sich am Fuß der Treppe bildete.

Jedermann durfte küssen: 100 Jahre Gänseliesel. Foto: Archiv Göttingen Tourismus

Zwar ist die Treppe nach dem Festakt wieder verschwunden, aber trotzdem hat sich die Stadtverwaltung in den letzten Jahren bemüht, die Gefahren, die das Hinaufsteigen zum Gänseliesel   mit sich brachten, abzumildern. Passierte es früher zur (Schaden)Freude der Zuschauenden häufiger, dass Doktoranden ins Wasser fielen, weil sie auf dem glitschigen Brunnenrand ausrutschten oder den Abstand bis zum rettenden Sockel falsch eingeschätzt hatten, ermöglicht heute ein Stein im Brunnen das Hinübersteigen trockenen Fußes.

Original und Kopie

Allerdings, und das wissen nicht viele Besucher*innen, steht längst nicht mehr das Original-Gänseliesel auf dem Sockel. Nach mehrfachen Beschädigungen wurde es 1990 durch eine Kopie ersetzt. Das restaurierte Original befindet sich im Städtischen Museum, von wo es gelegentlich, einen Ausflug unternimmt. Das war zuletzt im vergangenen Jahr der Fall. Gut verpackt in einer großen Holzkiste wurde es ins Deutsche Theater gebracht und war während der Internationalen Händelfestspiele Teil der Bühnendekoration der Oper „Rodrigo“.

Händels „Rodrigo“: das originale Gänseliesel im Bühnenbild. Foto: Alciro Theodoro da Silva

Weltweites Interesse

Aber nicht nur die Göttinger*innen lieben ihr Gänseliesel. Da es in jedem Reiseführer über Göttingen als Top-Sehenswürdigkeit vertreten ist, ist ein Fotostopp am Brunnen für in- und ausländische Tourist*innen, vor allem für diejenigen aus China und Japan, ein Muss. Und nahezu grenzenlos ist die Freude, wenn sie Augenzeug*innen einer echten Kuss-Zeremonie werden. Besonders großer Bekanntheit erfreut sich das Gänseliesel schon lange in Japan. Bereits 1989 wurde im Freizeitpark „Glückskönigreich“ in Obihiro auf der Insel Hokkaido eine Nachbildung des Göttinger Brunnens aufgestellt.

Nachbau: Gänseliesel-Brunnen im „Glückskönigreich“. Foto: Archiv Göttingen Tourismus

Medienstar

Doch nicht nur für Tourist*innen sondern auch für Medienvertreter*innen aus dem In- und Ausland ist das Gänseliesel ein wichtiges Motiv in touristischen Beiträgen über Göttingen. Und so geben sich Fernsehsender unter anderem aus Italien, China und Japan auf dem Marktplatz ein Stelldichein.

Dreharbeiten für das chinesische Kinder-Fernsehen. Foto: Angelika Daamen

Auch Blogger schauen vermehrt beim Göttingen Tourismus vorbei und fragen nach dem Gänseliesel. Nicht immer kommt zufällig gerade ein fotogener Doktorand vorbei, um das Gänseliesel zu küssen, wenn Medienvertreter vor Ort sind. Ein Problem, das leicht zu lösen ist: Im Schrank der Tourist-Information liegen Talar und Doktorhut bereit, und meist findet sich auch ein Mitarbeiter, der für das gewünschte Foto den Brunnen erklimmt.

Das offizielle Kuss-Foto von Göttingen Tourismus. Foto: Alciro Theodoro da Silva

Zeitzeugin

Heute gehe ich mehrmals täglich am Gänseliesel vorbei und frage mich manchmal, was es uns wohl aus seinem langen, bewegten Leben erzählen würde, wenn es denn könnte. Vielleicht ein paar Geschichten aus der Zeit, als es noch an anderer Stelle auf dem Marktplatzes stand und der Verkehr noch durch die Weender Straße fuhr.

Alter Standort: Marktplatz und Weender Straße 1928. Foto: Stadtarchiv

Oder von der Feier anlässlich seines 50. Geburtstags, als die Burschenschaften ihm ihre Aufwartung machten.

Burschenschaften am Brunnen: 50. „Liesel“-Geburtstag im Jahr 1951. Foto: Stadtarchiv

Oder von den vielen Demonstrationen, zu denen man sich am Brunnen traf, zum Beispiel zur Zeit der Studierenden-Proteste in den späten 60er Jahren und anlässlich der Atomkatastrophe 2011 im japanischen Fukushima.

Widerstand: Anti-Atomkraft-Proteste zur Fukushima-Katastrophe 2011. Foto: Angelika Daamen

Oder von den jubelnden Fans zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als es standhaft auf dem Sockel blieb, die Verzierungen des Baldachins allerdings hier und da Schäden davontrugen. Oder, oder, oder… Schade! Das Gänseliesel könnte so viel berichten, bleibt aber leider eine stumme Zeugin von 120 Jahren Göttinger Stadtgeschichte.

Belagert: Fußball-Fans stürmen das Gänseliesel während der WM 2006. Foto: Peter Heller

Zu guter Letzt: Der kleine Unterschied

Falls sich der aufmerksame Leser aus dem Süden der Republik bei der Lektüre des Artikels gewundert hat, hier noch ein letzter Hinweis: Es heißt „das Gänseliesel“ und nicht „die“, wie häufig von Touristen aus Bayern angenommen wird. Göttingen liegt zwar in der Mitte Deutschlands, aber wir fühlen uns sprachlich doch eher den Norddeutschen verbunden.

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