Science and Fiction (Faust II)

Am 3. April 2009 schätzte der Internationale Währungsfonds (IWF) die weltweiten Wertpapierverluste infolge der globalen Finanzkrise auf vier Billionen US-Dollar. Für die meisten Menschen, so auch für mich, ist das eine unvorstellbar hohe Zahl: 1000 Milliarden Dollar, eine 1 mit 12 Nullen. Was war geschehen? Wie konnte es zu diesem Zusammenbruch kommen? Antworten versucht das Theaterstück „Science and Fiction (Faust II)“ zu geben, das am 25. April im Hörsaal 011 auf dem Campus uraufgeführt wurde. Unter der Regie von Jan-Philipp Stange agieren DT-Schauspieler Nikolaus Kühn als Mephisto und Professor Sascha Münnich als Faust. Das Bühnenbild und die Kostüme hat Jakob Engel entworfen, die Dramaturgie liegt in den Händen von Jascha Fendel. Münnich hat sich als Sänger in unterschiedlichen Formationen weit über Göttingen hinaus einen Namen gemacht hat und tritt nun erstmals als Schauspieler auf. Da ich weder den Faust allzu gut kenne, noch in den Tiefen der Finanzwelt zuhause bin, war ich umso neugieriger, was es mit dieser Kooperation der Universität Göttingen mit dem Deutschen Theater (DT) auf sich hat.

Begeisterung und Enttäuschung

Theater im Hörsaal (v.l.): Nikolaus Kühn und Sascha Münnich. Foto. Christoph Mischke

Die Premiere am vergangenen Donnerstag wird von zahlreichen Lachern begleitet und das aufmerksame Publikum hat seinen Spaß, vor allem an den Vorträgen von Sascha Münnich. Kräftiger und langanhaltender Applaus bescheinigen dem gesamten Team, einen großen Erfolg gelandet zu haben. Eine heterogene Besucherschar erlebt die Uraufführung, viele Altersklassen und unterschiedliche Interessengruppen sind im 011er vertreten. DT-Abonnenten ebenso wie Premierenbesucher aus Theaterfachkreisen, Interessierte aus dem universitären Milieu und Studierende. Vor allem Letztere zeigen sich absolut begeistert und beschreiben, dass einige Effekte ihnen Gänsehaut bereitet haben. Der Projektcharakter und vor allem die Vermischung von Theater und Wissenschaft wird vielfach gelobt. Es gibt allerdings auch ein paar enttäuschte Gesichter zu sehen, denn einige Besucher haben augenscheinlich erwartet, Goethes Faust II zu sehen. Von einer klassischen Faust-Inszenierung ist diese Produktion allerdings so weit entfernt wie das Proletariat vom Kapitalprofit.

 Schuldverstrickungen

Abhängigkeit: Alles dreht sich nur ums Geld. Foto: Christoph Mischke

“A mark, a yen, a buck or a pound… is all that makes the world go around” singen Liza Minnelli und Joel Grey im Hollywood-Film-Musical „Cabaret“. Und genau darum geht es in „Science and Fiction (Faust II)“: Das Stück möchte dem Geheimnis des Geldes auf die Spur kommen, dem großen Mythos des Stoffes nachspüren, der die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Damit wäre die Rolle von Sascha Münnich geklärt. Schließlich beschäftigt sich der Wissenschaftler seit seinem Studium der Sozialwissenschaften, das er 1998 an der Uni Göttingen begann, mit nichts anderem, als unserem Wirtschaftssystem und seiner moralischen und ethischen Legitimation. Den klassischen Theaterpart als Mephisto übernimmt der ebenso intensiv wie lässig spielende Nikolaus Kühn, der seit der Spielzeit 2004/2005 am DT engagiert ist. Beide Akteure treffen sich beim Thema Geld und spielen nicht nur ihre Rollen, sondern irgendwie auch sich selbst. Sind sie doch als bezahlte Mitarbeiter ihres Arbeitgebers ebenso den Schuldverstrickungen, die das Geld mit sich bringt, unterworfen.

Stabilität und Sicherheit

Mitunter ziemlich frech: Nikolaus Kühn als Mephisto. Foto: Christoph Mischke

Kernkompetenz: Professor Sascha Münnich spielt den Faust. Foto: Christoph Mischke

Warum aber gerade der verwirrende Faust II als Basis für die ewige Jagd der Menschen nach Stabilität und Sicherheit? „Der Faust II ist eigentlich unleserlich“, sagt mir Sascha im Gespräch, „aber Goethe hat darin bereits 1831 das 20. Jahrhundert vorweggenommen, bis hin zum Kapitalismus seiner eigenen Zeit.“ Schließlich wollte der junge Goethe ebenfalls Professor in Göttingen werden, aber die Abneigung seines Vaters hinderte ihn daran. So befasste sich der Dichter, der seinen Lebensunterhalt viele Jahre als Finanzminister am Hof von Weimar verdiente, in seinen Werken mit dem Thema Geld. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Wir Armen.“, schrieb er bereits im ersten Teil des Fausts. Diese Verbindung von Theater und Wissenschaft lag der Idee von DT-Intendant Erich Sidler für ein Kooperationsprojekt mit der Uni Göttingen zugrunde. Das Thema Geld stand spätestens zum 10-jährigen Jahrestag der Weltfinanzkrise im Raum, die 2008 mit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers ihren traurigen Höhepunkt erreicht hatte.

Musikalisches Schwergewicht

Mächtiger Resonanzkörper: Sascha Münnich mit seinen G-Fonics. Foto: Christoph Mischke

Vielseitig: Münnich tritt mit dem Göttinger Symphonie Orchester auf. Foto: Christoph Mischke

„Sascha der Wissenschaftler ist als Faust für uns die absolute Besetzung und als Widerpart von Nikolaus‘ Mephisto ideal“, berichtet mir Regisseur Jan Philipp Stange. „Wir haben die Rolle um seine Kernkompetenz herumgebaut.“ Ich bin mir sicher, dass seine Bühnen-Affinität die Besetzung nicht eben erschwert hat. „Für uns Theaterleute“, so Stange, „ist er der Wissenschaftler, aber für ihn ist das, was wir hier machen, natürlich Theater.“ Und so findet zusammen, was auf den ersten Blick nicht zwingend vereinbar ist. Ich kenne Sascha noch aus den Neunzigerjahren, in denen es wesentlich mehr Live-Clubs in Göttingen als heute und darunter wohl keine Bühne gab, auf der dieses musikalische Schwergewicht nicht gesungen hat. Mann, was habe ich seine erste Band „Soul Cake and the Horns Deelite“ geliebt. Soul der 60er und 70er, exzellente Coverversionen, treibende Riffs von Ulf Nolte an der Gitarre, ein fetter Bläsersatz, ein tierischer Groove und dazu Saschas Gesang der traumwandlerisch zwischen zart und hart changierte. 2009 trennte sich diese Formation zum Leidwesen der Musikfreunde, weil sich die Musiker beruflich in alle Himmelsrichtungen orientiert hatten. Heute singt Münnich hauptsächlich in der Formation „Men in Black“ und bespielt mit seiner Band „G-Fonics“ die Bühnen der Nation. Soul und Motown pur, Four Tops, Temptations und Aretha Franklin lassen grüßen. Aber halt, ich schweife etwas ab.

Konzept des Scheiterns

Gescheitert: Nein, dort oben fliegt kein Wesen. Foto: Christoph Mischke

Proben: Regisseur Jan Philipp Stange (links) gibt letzte Anweisungen. Foto: Christoph Mischke

Nun steht dieser Berg von einem Mann vor einem nur zu rund einem Zehntel gefüllten Hörsaal und hält quasi eine Soziologie-Vorlesung. Die lichten Reihen sind aber nicht dem mangelnden Interesse der Zuhörer geschuldet. Die Karten pro Aufführung sind schlichtweg auf 100 Stück limitiert. Das gehört zum Konzept. „Wir wollen mit der Leere des Raumes umgehen, genauso, wie es viele Studierende tagtäglich erleben“, erklärt Sascha. Zum Konzept gehört auch das ständige Scheitern. „Die gigantischste Vorstellung, die das Publikum je gesehen hat“, so erklärt es Mephisto zu Beginn, mit riesigen Bäumen, grünen Wiesen, plätschernden Bächlein, Schäfchenwolken, ferngesteuert versenkbarem Zuschauerraum und dem künstlichen Wesen, das durch den Hörsaal schweben soll, gerät dann doch ein paar Nummern kleiner, aber nicht weniger intensiv. Hier ist doch etwas faul, denken die Besucher und liegen damit dort wo sie sollen, nämlich richtig. „Im Stück gibt es keine Zufälle“, beschreibt Sascha, „jedes Scheitern haben wir uns mühsam erarbeitet.“

Es irrt der Mensch

Faust kann’s belegen: Papiergeld schafft Schuldverhältnisse. Foto: Christoph Mischke

Lässig überheblich: Auch Mephisto findet seinen Meister. Foto: Christoph Mischke

Spielerisch ergänzen sich die beiden Protagonisten hervorragend. Kühn gibt seinen Mephisto besserwisserisch und sehr leger, mitunter vorlaut und überheblich frech. Zumindest solange, bis ihn Münnichs Faust, sachlich-nüchtern, aber nicht ohne Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Humor von seinem hohen Ross herunterholt. Schließlich muss auch er erkennen, dass, bei aller Poesie, der ewige Kreislauf von Papiergeld, Party, Krise, Zerstörung und dem sich anschließenden Wirtschaftswunder nicht zu durchbrechen ist. Eine Utopie von einer besseren Welt jagt die nächste, aber die bessere Welt endet an der Theaterpforte. „Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt.“

Ohrwurm zum Schluss

Ohrwurm: Musikalischer Schluss mit Kühn (li.), Chor und Kerkmann (re.). Foto: Christoph Mischke

Die Hoffnung, die zumindest alle Zuschauer, die Sascha Münnich kennen, hegen, erfüllt sich am Schluss dann auch noch, mit Unterstützung eines zehnköpfigen Chors der sich aus unterschiedlichen Göttinger Gesangsensembles rekrutiert und dessen musikalischem Leiter Fred Kerkmann. Gemeinsam mit dem nun Geige spielenden Mephisto gibt der Faust einen zum Niederknien schön gesungenen Ohrwurm zum Besten, der noch lange nachhallt – versprochen. Den Titel verrate ich euch nicht, nur so viel: man kann darauf kommen. Weitere Aufführungen von „Science and Fiction (Faust II)“ sind am 3., 4., 5., 8., 24., 25. und 26. Mai sowie am 5., 7. und 12. Juni angesetzt, jeweils ab 20 Uhr. Tickets gibt es in der Tourist-Information am Alten Rathaus, beim Deutschen Theater unter Telefon: 0551/4969300 sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.

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