Auf Maß gefertigt: Schuhe mit Liesel

Das Handwerk hat mich schon immer begeistert. Ganz gleich, ob Metall, Holz, Glas oder Textilien, mich fasziniert es, wenn Menschen in der Lage sind, mit ihrer Hände Arbeit etwas von Bestand zu erschaffen. Da war es nur eine Frage der Zeit, dass ich auf Faical Souei aufmerksam wurde. Der gebürtige Tunesier fertigt in seinem Geschäft „Amir“ in der Theaterstraße seit 2008 rahmengenähte Schuhe auf Maß– ein Alleinstellungsmerkmal in Göttingen. Sein Markenzeichen ist das Gänseliesel, das der gelernte Schuhmacher nach Fertigstellung in die Sohle brennt. Für unseren Blog habe ich Faical bei seiner Arbeit ein wenig über die Schulter geschaut.

Schritt in die Selbstständigkeit

geordnetes Chaos: Der Arbeitsplatz eines Schuhmachers. Foto: Christoph Mischke

„Möchtest Du einen Kaffee“, fragt Faical gleich zu Beginn. Mit Milch, kann ich gerade noch sagen, da ist er schon aus der Tür – Richtung Bäcker. Zwei Minuten später plaudern wir bei Espresso und Milchkaffee über sein Geschäft. 1991 hat Faical in Tunesien den Beruf des Schuhmachers erlernt. 1994 hat er eine Weiterbildung durchlaufen, die mit dem deutschen Meister vergleichbar ist, wie er mir berichtet. 2001 kommt er nach Deutschland und findet in Göttingen Arbeit, unter anderem als Orthopädieschuhmacher bei Schuh-Henkel. 2008 wagt er den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnet sein Geschäft in der Theaterstraße. Auf das Gänseliesel als Logo ist er übrigens aus Dankbarkeit gekommen. „Ich habe damals im Rahmen meiner Existenzgründung so viel Unterstützung erhalten“ sagt Faical, „dass ich Göttingen davon gerne etwas zurückgeben möchte, in Form des Wahrzeichens.“

Handwerk live

Ein eingespieltes Team: Schuhmacher Faical Souei und…

…sein Mitarbeiter Zeri Yamali. Fotos: Christoph Mischke

Aus den Boxen tönt im Hintergrund entspannter Reggae. Im Laden, der gleichzeitig auch die Werkstatt ist, duftet es herrlich nach Leder. Die beiden schweren Nähmaschinen von Pfaff und Adler haben schon etliche Jahre auf dem eisernen Buckel, versehen aber immer noch tadellos ihren Dienst. Jeder, der mag und ein bisschen Zeit mitbringt, kann zusehen, wie handgemachte Schuhe entstehen. Handwerk live, ohne Netz und doppelten Boden. Faical selbst findet nur unregelmäßig Zeit, selbst mit Hammer, Zwickzange und Nähmaschine zu arbeiten, denn sein Haupterwerb sind die Reparaturen. Er hat allerdings tatkräftige Unterstützung. Zeri Yamali, ein Freund, der aus Eritrea stammt, hilft ihm, und ist ausgesprochen geschickt bei der teils kraftzehrenden Arbeit. Besonders das „Zwicken“, das Spannen des Schaftes, so heißt das Deckleder, um den Leisten ist sehr anstrengend.

Alles in Leder

Sehr zufrieden: Ursel Zeise gibt Stiefeletten zur Reparatur ab. Foto: Christoph Mischke

Anfangs beäugt mich Zeri etwas misstrauisch, als ich mit der Kamera in seiner Nähe hantiere. Er ist es nicht gewohnt „Model“ zu sein, erlaubt mir aber ihn abzulichten und findet zunehmend Gefallen daran. „Ich repariere Sohlen, Absätze, Lederjacken und Taschen“, sagt Faical, aber ich habe auch schon Sattlerarbeiten gemacht und Ledersitze von Oldtimern neu bezogen. Eigentlich mache ich alles in Leder.“ Manche Stammkunden bringen ihm ihre Lieblingsschuhe, von denen sie sich partout nicht trennen wollen, zur Aufarbeitung. „Meist sind das ältere Modelle, noch von guter Qualität“, berichtet der Schuhmacher, „das macht dann wirklich Spaß, sie wieder in Schuss zu bringen.“

Ambulante Dienstleistung

Service: Manchmal ist schnelle Hilfe gefragt. Foto: Christoph Mischke

Auf einmal fliegt förmlich die Tür auf. Ein Kurierfahrer der Citipost, der mit Faical gut bekannt ist, stürzt herein. Er hat sich am Schutzblech seines Dienstfahrrads die Kappe seines Sneakers eingerissen. „Kriegst Du das schnell in Ordnung“, fragt er. Faical lacht: „Na klar.“ Fix klebt er ein Stück Leder zur Verstärkung von innen ein, wirft die alte Adler an und zieht ein paar kurze Nähte in den Mesh-Oberstoff. Ich staune, das ist mal ambulante Dienstleistung. Fünf Euro wechseln den Besitzer und ein glücklicher Citipostler verlässt keine zehn Minuten später den Laden. So läuft das hier.

„Das kann kein Schnellschuster“

Seit zehn Jahren Kunden: Jutta Hermann-Huppertz und Werner Meyer. Foto: Christoph Mischke

Es gibt viel zu tun: Schuhe warten auf ihre Reparatur. Foto: Christoph Mischke

Im Laden geht es zu wie im Taubenschlag, ein ständiges Kommen und Gehen. Menschen bringen Schuhe oder holen sie ab. Für jeden hat Faical ein freundliches Wort und es wird viel gelacht. Ursel Zeise ist eine seiner Stammkundinnen. Die fröhliche Seniorin bringt schwarze Stiefeletten zur Reparatur. „Schaffen Sie das bis Montag“, fragt sie, auf ihren Rollator gestützt. „Kein Problem“, sagt der Schuhmacher lächelnd. „Ich bin sehr zufrieden mit seiner Arbeit“, bestätigt mir die Dame, „schreiben Sie das nur.“ Vor lauter Schwärmerei vergisst sie fast ihren roten Abholzettel. Auch Jutta Hermann-Huppertz und ihr Lebenspartner Werner Meyer kommen schon lange zu „Amir“. Amir ist übrigens der Name von Faicals ältestem Sohn. Meyer bringt gleich mehrere Paar Schuhe, die Faical in Ordnung bringen wird. „Wir sind schon seit 10 Jahren Kunden“, sagt Hermann-Huppertz und ihr Begleiter ergänzt: „Er kann Sachen in Ordnung bringen, die kein Schnellschuster kann. Er hat sogar den Schulranzen meiner Enkelin repariert.“

Konzentriert an der Nähmaschine

Auf Krepp-Papier: mit den Fuß-Maßen beklebter Leisten. Foto: Christoph Mischke

Noch viel Arbeit: schmaler Leisten mit einem genähten Schaft. Foto: Christoph Mischke

Doppelt hält besser: Faical näht mit ruhiger Hand. Foto: Christoph Mischke

Sobald es ruhiger wird, macht sich Faical wieder selbst an die Arbeit. Im Kundenauftrag fertigt er gerade ein Paar Budapester aus dunkelbraunem Wildleder. Der Budapester ist ein klassischer Herrenschuh, der auf einem breiten Leisten gefertigt wird, und dessen typische Merkmale die Doppelnähte und ein markantes Lochmuster auf der Vorderkappe sind. Faical zeigt mir die Lederstücke, die er nach einer Papp-Schablone zugeschnitten und ausgestochen hat. Vorher hat er den Fuß des Kunden vermessen. Konzentriert sitzt der Vater von fünf Kindern jetzt wieder an der alten Adler-Nähmaschine und näht die Stücke zum Schaft zusammen – mit Doppelnaht. Dieser wird anschließend gezwickt. Später folgen die Brandsohle und der Rahmen, die dann mit der Sohle vernäht werden und noch einige weitere Arbeitsschritte. Gut Ding braucht nämlich Weile. Faical und Zeri benötigen mindestens 40 Stunden Handarbeit für ein Paar Schuhe. Für aufwändigere Modelle auch mehr.

Schlicht, edel oder extravagant

Vielfältig: elegante Schuhe, auf Holz dekoriert. Foto: Christoph Mischke

Gewagt: eine rote Herren-Stiefelette. Foto: Christoph Mischke

Ich entdecke derweil die Modelle, die im Schaufenster dekoriert sind. Slipper, Schnürer, Halbschuhe und Stiefeletten in unterschiedlichen Leistenbreiten und Ledersorten stehen dort auf dicken Holzscheiben, die auf Ästen montiert sind. Manche schlicht, manche elegant und edel, einige auch sehr extravagant. Herrenschuhe in Hellblau, Gelb oder knalligem Rot sind nicht wirklich nach meinem Geschmack, aber sie finden ihre Abnehmer. Seine Designs entwickelt der Tunesier durchweg selbst, wenn er nicht Kundenwünsche umsetzt. Hat er einen Lieblingsschuh? „Nein“, sagt er lachend, jeder Schuh erzählt seine eigene Geschichte.“ Damenschuhe fertigt Faical nur im Kundinnenauftrag und auch nur dann, wenn sie flach sein sollen. „Hohe Absätze erfüllen meinen Anspruch an Qualität nicht“, erklärt er, „denn sie werden nur geklebt und nicht rahmengenäht.“

Kiez-Treffpunkt

Fertig: Zeri Yamali zeigt einen dunkelbraunen Budapester. Foto: Christoph Mischke

Faical ist stolz auf seine große Zahl von Stammkunden. „Gute Arbeit alleine reicht nicht“, meint er, „denn Göttingen ist wie eine große Familie, da läuft viel über Mundpropaganda.“ Seine Maxime sind persönliches Kümmern und vor allem Ehrlichkeit. Das finden auch die Nachbarn. Faicals Werkstatt ist nämlich auch so etwas wie einen Kiez-Treffpunkt für die umliegenden Geschäftsleute. „Eine gute Nachbarschaft ist sehr wichtig“, erklärt der Schuhmacher, „und wir in der Theaterstraße halten fest zusammen.“ Man empfiehlt sich gegenseitig, plaudert ein wenig oder trifft sich zum Feierabendgetränk. Im Sommer gerne auf der hölzernen Bank, die vor dem Eingang steht. „Unser zweites Wohnzimmer“, grinst Faical.

Lachen bis die Tränen kullern

Elegant: heller Schnürer auf Leopardenmuster. Foto: Christoph Mischke

Wie aufs Stichwort schneit die Mitarbeiterin einer benachbarten Boutique herein. Sie sucht dringend eine Niete. Steilvorlage. Das kann man auch bewusst fehlinterpretieren und schon lachen wir, dass uns die Tränen kullern. Dabei geht’s doch nur um die Befestigung eines Lederbands an einem Reißverschluss. Faical kramt in unzähligen kleinen Schubladen und Kästchen und wird – natürlich – fündig, in einer uralten Underberg-Blechdose. Diese eine Niete wird sicher der Beginn einer weiteren Kooperation unter Nachbarn sein. So läuft das hier.

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