Besondere Exponate in Göttinger Kirchen

Kirchen sind nicht nur für die Gläubigen ein Ort der Stille, Einkehr und Besinnung. Auch für viele Touristen sind sie Anziehungspunkt auf ihren Reisen. Göttingen bildet da keine Ausnahme. Die fünf Innenstadt-Kirchen verzeichnen rund ums Jahr eine große Besucherzahl. Manche kommen, um zu beten, manche suchen nur eine kleine Auszeit vom hektischen Alltag und andere interessieren sich für die Architektur, die Inneneinrichtung oder kirchliche Kunstschätze. Ich habe die Geistlichen der Kirchengemeinden gebeten, mir jeweils ein Exponat aus ihrem Gotteshaus für unseren Blog vorzustellen.

Marias wechselvolle Geschichte

St. Marien nach einem Gewitterschauer im Abendlicht. Foto: Christoph Mischke

In der St. Marienkirche treffe ich Markus Wackernagel. Er ist seit 18 Jahren Pastor in der Gemeinde. Er zeigt mir die Marienstatue, die an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs befestigt ist. Alleine hängt sie dort in ihrer ganzen Schönheit, ohne störenden Zierrat. Häufig nehmen Gläubige auf den davorstehenden Bänken Platz, um zu beten oder einfach friedliche, ungestörte Momente im Anblick von Maria zu genießen. Dabei hat die Statue eine wechselvolle Geschichte hinter sich, wie mir der Pastor berichtet. „Das Marienbildnis wurde erst im Jahr 2000 im Seitenschiff angebracht“, erklärt mir Markus Wackernagel, „ursprünglich war sie der Mittelpunkt des Hauptaltars, der im Jahr 1526 fertiggestellt wurde.“ So zeigt es auch ein verkleinertes Modell, das im Altarraum hängt. Als Doppelwandelaltar verfügt er pro Seite über zwei aufklappbare Bildtafeln aus der Passions- und Mariengeschichte. „Maria wird hier als apokalyptische Himmelskönigin dargestellt“, erläutert mir der Pastor, „als weiblicher Gegenpart zu Jesus Christus, den sie, in allerdings völlig unnatürlicher Haltung, mehr auf der Schulter als auf dem Arm trägt.“

Altar zersägt

Namenspatronin: Maria mit Jesuskind steht auf der Mondsichel. Foto: Christoph Mischke

Während Jesus die Sonne darstellt, symbolisiert Maria den Mond. Das erklärt, warum sie auf einer Mondsichel steht und ihr goldener Mantel mit dem dunkelblauen Futter mit Sternen verziert ist. Ein ehemals vorhandener Strahlenkranz um die Madonna ist im Lauf der Jahrhunderte abhandengekommen. Wackernagel weiß von einem Altarumbau im Jahr 1783, in dessen Zuge die Marienstatue als Bekrönung oben auf den Altar gesetzt wurde und an ihrer Stelle dort eine Kanzel integriert wurde. „Der Altar wurde damals quasi komplett zersägt und die Bildtafeln entfernt“, berichtet Wackernagel. „Manche Bilder sind seitdem verschollen, andere hat man gut 50 Jahre später während eines erneuten Umbaus an der rückseitigen Altarverkleidung wiedergefunden und manche dienten gar als Kellertür. Doch auch die Kanzel wurde im Verlauf dieses Umbaus wieder entfernt und an ihren heutigen Standort an der Vierung verlegt. Maria verschwand aus der Altarbekrönung und fand nach verschiedenen Standorten innerhalb des Altarraums dann viel später ihren heutigen Platz. Ich persönlich finde diese Position sehr passend, gerade weil sie ohne eine optische Ablenkung im Seitenschiff ihre Präsenz ausstrahlen kann. Eine Meinung, die allerdings nicht alle, vor allem ältere Gemeindemitglieder, teilen, wie mir der Pastor sagt.

Historisches Turmkreuz gerettet

Ihren Turm krönt eine Nachbildung: St. Albani. Foto: Christoph Mischke

Seit 1995 schmückt eine Kopie des ehemaligen Kreuzes den Kirchturm von St. Albani. „Wir wollten das Original-Kreuz retten und erhalten“, erklärt mir Pastor Martin Hauschild, „denn es ist ja schon seit Mitte des 14. Jahrhunderts den Unbilden des Wetters wie Regen, Frost und Blitzschlägen ausgesetzt.“ Seitdem hat es einen trockenen Platz in einer Nische der Sakristei gefunden. Der Göttinger Ratsherr und Goldschmied Hans hatte mit dem Kreuz seinem ertrunkenen Vater ein Denkmal gesetzt, das gleichzeitig an das größte Hochwasser des vergangenen Jahrtausends in Mitteleuropa erinnert. Die Inschriftentafel des Kreuzes, die zu den ältesten erhaltenen Epigraphen in deutscher Sprache zählt, ist der einzige schriftliche Beleg, dass das sogenannte Magdalenenhochwasser 1342 auch Göttingen heimsuchte. Diese Naturkatastrophe brachte damals unter anderem auch die Judithbrücke in Prag zum Einsturz. Bald darauf wurde dort eine neue Steinbrücke über die Moldau gebaut, die heute wohl jeder Besucher der Stadt kennt – die Karlsbrücke.

Einschüsse von unten

Guter Zustand: Das Original Turmkreuz aus dem 14. Jahrhundert. Foto: Christoph Mischke

Die Inschriftentafel des Bronzekreuzes ist, wie auch der Rest, in einem erstaunlich guten Zustand. Ich bin zwar kein Experte, aber die fast 700 Jahre unter Wind und Wetter sieht man der Bekrönung kaum an. Sogar die Gesichtszüge des Corpus Christi sind deutlich erkennbar. Die drei Kugeln an den Enden, es handelt sich um Reliquien-Gefäße, wie mir der Pastor erklärt, wirken zwar ein wenig porös, haben aber durch die angesetzte Patina nur wenig von ihrem ursprünglichen Glanz verloren. In der rechten Kugel fällt mir an der Unterseite allerdings ein großes Loch auf, das ich für einen Witterungsschaden halte. Der wahre Grund versetzt mich dann aber doch in Erstaunen, wenn nicht gar Entsetzen. „Das ist ein Einschussloch“, lässt mich Martin Hauschild wissen. „Kirchtürme und ihre Bekrönungen waren früher ein beliebtes Ziel von Hobby-Schützen, Jägern oder auch Stadtwachen. Wer sich das historische Kreuz persönlich anschauen möchte“, verspricht der Pastor, „ist herzlich eingeladen, sich vorab im Gemeindebüro anzumelden.“

Tuchfabrikant stiftet Kirchenfenster

Von der Nordseite her angestrahlt. St. Jacobi bei Nacht. Foto: Christoph Mischke

In St. Jacobi bin ich schon häufiger als in den anderen Innenstadtkirchen gewesen, sowohl privat, als auch schon für den einen oder anderen Blog-Beitrag („Auf Motivjagd in Göttingen“, „Symbolik in der Hand“), weil mich die geometrisch irritierende Bemalung der Säulen immer wieder fasziniert. Manchmal lockt mich auch nur der grandiose Ausblick vom 72 Meter hohen Kirchturm. Heute treffe ich Pastor Harald Storz, der mir exemplarisch eines der wunderbaren rund acht Meter hohen Kirchenfenster im Südschiff näher erläutert, die alle einen unmittelbaren Göttingen-Bezug haben und um 1900 überwiegend von der hannoverschen Werkstatt Henning und Andres hergestellt wurden. Das erste Fenster im Südschiff der Kirche zeigt die Störung einer altgläubigen Prozession am Bartholomäustag im Jahr 1529 durch die evangelisch gesinnten Wollenweber. Anlass der Prozession war der seinerzeit in Göttingen grassierende „Englische Schweiß“, eine Art Pest-Epidemie. „Die Idee zu diesem Thema stammt weder von der Kirche, noch vom Gestalter“, weiß Storz, „sondern von dem Stifter des Fensters selbst. Der Göttinger Tuchfabrikant Ferdinand Levin wollte damit an seine beruflichen Vorfahren erinnern.“

Wollenweber stören Bitt-Prozession

Gestiftet: Die Wollenweber demonstrieren gegen die Altgläubigen. Foto: Christoph Mischke

Den weitgereisten Wollenwebern, die mehrheitlich aus dem Rheinland oder den Niederlanden nach Göttingen gekommen waren, sagte man einen weiteren Horizont zu und sie waren hier auch nicht wirklich integriert, berichtet der Pastor. Sie brachten beispielsweise den Blaudruck nach Göttingen und waren hier die Ersten, die Lutherschriften gelesen haben. Zum Unmut des vorreformatorischen Rats, der das unterbinden wollte. Mit lautem Gesang übertönten die Wollenweber die Bitt-Prozession der Altgläubigen, die sie in der Groner Straße abfingen. Ich finde es faszinierend, wieviel Symbolik der Gestalter in dieses Fenster gepackt hat. Je länger ich es betrachte, desto mehr Details erschließen sich mir. Die Altgläubigen, grauhaarig und in schwere Gewänder gehüllt, mit Baldachin, Monstranz und Großer Fahne, die Maria mit dem Kind zeigt, auf der linken Seite. Auf der rechten Fensterseite hingegen die jung anmutenden, kurz geschürzten und als Handwerker erkenntlichen Wollenweber. Den Kopf zum Gesang erhoben, der mit Schriftbändern „Aus tiefer Noth schrei‘ ich zu dir“ dargestellt wird. Wer sehr genau hinsieht, kann sogar den Anlass der Prozession erkennen. In der oberen Bildmitte tragen zwei schwarz gekleidete Personen einen Sarg aus einem Haus. Ferdinand Levin hat die Fertigstellung seines Fensters übrigens nicht mehr erlebt, er starb am 8. Januar 1901.

Ein Pater als Metallbaumeister

Blick hinauf: Die Citykirche St. Michael in der Kurzen Straße. Foto: Christoph Mischke

Benediktinerpater Abraham Fischer, Prior der Abtei Königsmünster im sauerländischen Meschede, und zugleich Metallbaumeister der dortigen Schmiede, orientiert sich an der alten Regel des Ordensgründers „Ora et Labora – Bete und Arbeite“. „Er ist in ganz Deutschland unterwegs und hat als Geistlicher und Mönch ein gutes Gefühl für sakrale Räume“, sagt mir Jesuitenpater Ludger Joos, seit September 2017 Pfarrer in St. Michael. Vor seiner Zeit in der Citykirche, in den Jahren 2014/15, wurde die Kirche einer Grundsanierung unterzogen, wobei der gesamte Innenraum neugestaltet wurde. So auch der komplette Altarraum, der, ebenso wie die übrigen Wände und Decken, nahezu komplett in Weiß gehalten ist. Hinter dem Altar und in den Fensternischen sind dreiteilige blaß-grünlich schimmernde Alabasterwände aufgestellt. Integrierte Leuchtdioden lassen den hauchdünnen Stein während der Gottesdienste erstrahlen.

Kreuz schwebt im Kreuz

Symmetrie und Symbolik pur: das Altarkreuz von St. Michael. Foto: Christoph Mischke

Und hier kommt Pater Fischer ins Spiel, denn aus seiner Kunstschmiede stammt das wunderschöne Kreuz aus vergoldetem Messing und mundgeblasenem Glas, das im Zentrum der Apsis hängt. Eigentlich sind es zwei Kreuze, denn im Zentrum scheint ein kleines Kreuz wie ein vierstrahliger Stern zu schweben. Drumherum sind 12 mundgeblasene, kubische Glassteine angeordnet, die ein wenig an Eiswürfel erinnern. Auch die gleich langen und gleich breiten Arme des Kreuzes schmücken wiederum je ein Dutzend Glassteine, die nach außen hin kleiner werden – Symmetrie und Symbolik pur. „Die 12 Glassteine symbolisieren die 12 Stämme Israels“, erklärt mir Pater Joos, „während das Zentrum für die Begegnung zwischen Gott und Mensch steht. Das Sakrament als Zeichen des Heils für die gesamte Schöpfung“.Die Kirche ist, wie der Jesuitenpater versichert, ein Ort der Begegnung, der den Blick öffnet, wie Gott mit uns umgehen will. „Schlussendlich geht es um die Versöhnung.“

Illusionsmalerei als Staubschutz

Wird derzeit innen komplett renoviert: St. Johannis. Foto: Christoph Mischke

Etwas schwierig ist es, derzeit ein Kirchenexponat in St. Johannis zu finden, steckt die Innenstadtkirche doch gerade mitten in der kompletten Renovierung ihres Inneren. Pastor Gerhard Schridde macht kurzerhand aus der Not eine Tugend und stellt mir die Staubschutzwand vor, die den bereits fertiggestellten Altarraum vom Hauptschiff trennt. „Die Handwerker sind nämlich in diesen Wochen dabei, die Gewölbe zu reinigen“, berichtet mir der Pastor vom derzeitigen Stand der Arbeiten. Bei der Staubschutzwand handelt es sich allerdings nicht um eine der bauüblichen grauen Planen, die man häufig vor Gerüstwänden gespannt sieht. Nein, diese Wand ist ein Bild, eine deckenhohe Illusionsmalerei, die den Innenraum so zeigt, wie er später entstehen wird – samt neuem Gestühl und neuer Beleuchtung.

Wo endet die Wirklichkeit

Blick in die Zukunft: Großposter im Hauptschiff als Staubschutzwand. Foto: privat

„Die Scheinarchitektur verblüfft durch ihren Realismus und sie zwingt den Betrachter zu genauem Hinsehen“, befand Landessuperintendent Eckhard Gorka, der den Umbau von Beginn an unterstützt hat, anlässlich eines Besuchs. „Wo endet die Wirklichkeit, wo beginnt die Illusion?“ In der Tat, das Großposter, dass von der Göttinger Firma Klartext produziert wurde, beeindruckt auch mich in seiner Realitätsnähe und Detailtreue. Die überdimensionale Architektenskizze ist wirklich mehr als einen Blick wert. Zumal der Kirchenbetrieb, wenn auch etwas eingeschränkt, weitergeht. „Wir wollen natürlich weiterhin präsent sein“, sagt Pastor Schridde, „und wir feiern unsere regelmäßigen Gottesdienste und Andachten vorübergehend im fertiggestellten Altarraum, der Platz für 100 Personen bietet.

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