Der härteste Feuerwehrmann der Welt

Für die Sicherheit von gut 130.000 Bürgerinnen und Bürgern zu sorgen, ist keine leichte Aufgabe. Wenn etwas passiert ist, wünscht sich jeder schnelle und unkomplizierte Hilfe. Rund um die Uhr ist die Feuerwehr bereit, das Leben der Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Sicherheit für 130.000 Bürger: Die Feuerwache an der Breslauer Straße. Foto: Christoph Mischke

Auf der Wache der Berufsfeuerwehr Göttingen an der Breslauer Straße arbeiten drei Wachabteilungen abwechselnd im 24-Stunden-Dienst. Rund 120 Einsatzkräfte sind für den Rettungsdienst und abwehrenden Brandschutz verfügbar. Hauptbrandmeister Joachim Posanz ist einer von ihnen. Zugleich trägt er den Titel „Toughest Firefighter Alive“, den er bereits in mehreren nationalen und internationalen Wettbewerben verteidigen konnte. Ich habe den härtesten Feuerwehrmann der Welt auf der Wache und beim Training besucht.

Eher zufällig zur Feuerwehr

Wache: Die Feuerwehrleute sind rund um die Uhr bereit zu helfen. Foto: Christoph Mischke

Fahrzeugübernahme: Check des Schlauchpakets für den Innenangriff. Foto: Christoph Mischke

„Wollen wir zum Du übergehen“, fragt Posanz gleich zur Begrüßung. Na klar, kein Problem, da spricht es sich lockerer. Joachim stammt aus einem kleinen Ort am Harzrand und lebt dort mit seiner Familie. Er ist verheiratet und Vater einer fünfzehnjährigen Tochter und eines 18 Jahre alten Sohns. Seit 1997 ist der heute 46-Jährige bei der Berufsfeuerwehr beschäftigt und pendelt jeden Tag zwischen Göttingen und Osterode. Zur Feuerwehr ist der ausgebildete Telekommunikations-Elektroniker eher zufällig gekommen. „Über mein früheres Hobby Motorradfahren“, sagt er, „denn zu der Zeit habe ich viele Touren mit Feuerwehrleuten unternommen.“ Zehn 24-Stunden-Dienste leisten er und seine Kollegen pro Monat im Einsatzdienst.

Einsätze ordnen Weltbild neu

Atemschutzwerkstatt: Posanz und Kollegen prüfen die Ausrüstung. Foto: Christoph Mischke

Kann Leben retten: der Bodyguard am Atemschutzgerät. Foto: Christoph Mischke

Joachim berichtet mir über ständige Neuerungen bei der technischen Ausstattung, und dass die Feuerwehr in den vergangenen Jahren personell sehr gewachsen sei. Seine Augen leuchten, wenn er über seinen Beruf spricht. Über die Tatsache nicht zu wissen, was der Tag bringen wird und über Einsätze, die sein Weltbild neu geordnet haben. Die Arbeit bei der Feuerwehr ist nach Joachims Worten extrem ausbildungsintensiv und er unterstützt die Kollegen im Sportbereich, im abwehrenden Brandschutz, bei der Einsatz- und Vorgehenstechnik, beim Gebrauch der Wärmebildkamera und im Schlauchmanagement. Wie alle anderen Kollegen auch, verrichtet Joachim, wenn keine Einsätze anliegen, in der Geräte-, Atemschutz-, Schlauch-, KFZ-oder Funkwerkstatt seinen Dienst. Durch die vielfach in handwerklichen Berufen ausgebildeten Feuerwehrbeamten ist die Berufsfeuerwehr in der Lage, Fahrzeuge, Geräte und die Wachgebäude größtenteils selbstständig instand zu halten.

World Firefighter Games

Erfolgreich in Südkorea: Joachim Posanz mit Goldmedaille. Foto: privat

Wann immer es seine Bereitschaftszeit erlaubt, trainiert Joachim für seine zweite große Leidenschaft, den sportlichen Feuerwehr-Wettkampf. „Wie kommt man denn auf so etwas“, möchte ich wissen. „1988 haben die verrückten Neuseeländer die „World Firefighter Games“ ins Leben gerufen, um eine Community für Feuerwehrleute aus aller Welt zu schaffen. Alle zwei Jahre werden an wechselnden internationalen Veranstaltungsorten, nach Art der Olympischen Spiele, über 50 Sportarten angeboten: vom Rugby über Leichtathletik bis zu Fußball, Angeln oder gar Poker. In die Spiele integriert ist der wohl härteste Feuerwehr-Wettkampf der Welt um den Titel „Toughest Firefighter Alive“ (TFA). Die vier Stationen dieses Wettbewerbs werden in kompletter Einsatzkleidung ausgetragen: Anzug, Stiefel, Handschuhe, Helm und Atemschutzgerät. Das macht summa summarum 20 bis 25 Kilogramm Mehrgewicht aus.

Grenzen der Leistungsfähigkeit

Grenzerfahrung: 130 Kilo Schlauchgewicht über 160 Meter im Sprint. Foto: Privat

„Die Stationen“, erklärt mir Joachim, „orientieren sich dabei eng an tatsächlichen Situationen, die ein Feuerwehrmann tagtäglich erleben kann.“ 1998 brachte Armin Taube, Feuerwehrmann der Berufsfeuerwehr Mönchengladbach, den TFA in seine Stadt. Einen Wettkampf, der zeigt, was Feuerwehrleute im Einsatz leisten müssen, der der Bevölkerung zeigt, wie fit Feuerwehrleute sind, der die teilnehmenden Männer und Frauen bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringt und der Sport-und Show-Event gleichermaßen ist.

„Posis“ Erfolgsliste ist lang

Schweißtreibend: Lauf in voller Montur. Foto: Privat

Der Wettkampf in Mönchengladbach wird jährlich veranstaltet und als Deutsche Meisterschaft und Europameisterschaft gewertet. 2001 gab „Posi“, wie ihn die Feuerwehrkollegen in Göttingen nennen, dort sein Wettkampfdebüt und wurde auf Anhieb Zweiter in der Gesamtwertung. Seine Erfolgsliste ist seitdem sehr lang geworden. Den Weltmeistertitel bei der TFA konnte er 2010 in Südkorea und 2012 in Australien erringen. Zweimal war er Europameister, siebenmal Europameister in seiner Altersklasse, neunmal Deutscher Meister, zuletzt 2017. Darüber hinaus konnte er zahlreiche Siege in diversen anderen Firefighter Challenges für sich verbuchen. Das ganze Winterhalbjahr hat Joachim hart trainiert, mindestens viermal pro Woche. Denn, wie er sagt: „Der Wettkampf wird bereits im Winter gewonnen.“ Joachim will seine Grenzen nicht nur kennenlernen, sondern auch überschreiten, um die Big-Points zu machen. „Ich habe das Quäl-Gen in mir“, sagt er lachend.

Treppenlaufen im Neuen Rathaus

Umziehen zum Training: 20 bis 25 Kilogramm wiegt die Ausrüstung. Foto: Christoph Mischke

Heute zeigt mir Joachim ein paar Auszüge aus seinem Trainingsprogramm – auf meinen Wunsch wegen der Fotos ausnahmsweise ohne Atemschutzmaske. Es ist kalt, jedenfalls mir, und es hat zu nieseln begonnen. Um sich auf die einzelnen Stationen des Wettkampfs vorzubereiten nutzt er unter anderem einen riesigen Treckerreifen. Alleine wie er das 70-Kilo-Gummi-Ungetüm locker aufhebt und über den Hof der Wache rollt, nötigt mir schon gehörigen Respekt ab. Unablässig schlägt er anschließend mit einer Art schwerem Vorschlaghammer auf den Reifen ein. Im Wettbewerb selbst wird er an der Schlagmaschine mit dem Hammer ein 80-Kilo-Gewicht nach hinten treiben müssen. Als zweite Trainingseinheit flitzt Joachim flink in die vierte Etage des acht Stockwerke hohen Schlauchturms. Treppensteigen ist er gewohnt. „Um für den Stair-Run zu üben laufe ich manchmal vor der Arbeit im Neuen Rathaus ein paarmal durchs Treppenhaus in den 16. Stock und zurück“. In Einsatzkleidung, versteht sich. Ich dächte nicht einmal im Traum daran, es ihm nachzutun.

Schlauchpakete und Menschenrettung

Schlagkräftig: Ein Treckerreifen dient Joachim als Trainingsgerät. Foto: Christoph Mischke

Wie ein Aufzug: 20-Kilo-Schlauchpakete per Hand in den vierten Stock. Foto: Christoph Mischke

Am Geländer des Schlauchturms sind Seile angebracht, an denen jeweils 20 Kilogramm schwere Schlauchpakete hängen, die Joachim in atemberaubender Geschwindigkeit nach oben zieht. Während ich regengeschützt meine Kamera bediene, sehe ich die Schläuche nach oben sausen, wie es ein elektrischer Aufzug wohl nicht schneller könnte. Die letzte Übung für heute ist der Menschenrettung angenähert. Im Keller der Wache, wo Joachims Trainingsequipment lagert, schnappt er sich einen 80 Kilogramm schweren Dummy in Feuerwehrkleidung. Als wenn es nichts wäre zieht er die Puppe durch den neonhell erleuchteten langen Flur. Immer und immer wieder. Mir wird alleine vom Zuschauen warm. Joachim wird den Rest des Tages, solange kein Einsatz erfolgt, weitertrainieren, denn am 8. und 9. Juni steht in Mönchengladbach der nächste „Toughest Firefighter Alive“ an und da will er natürlich wieder ganz vorne mitmischen.

Buch mit Trainingstipps

Rettung: Mit dem 80-Kilo-Dummy durch den Kellerflur. Foto: Christoph Mischke

Am 25. April erscheint das Buch „fit for fire“, das Joachim Posanz gemeinsam mit Autor Jan Finken geschrieben hat. Nach seinem Motto „Your workout is my warmup“ zeigt Posanz in diesem Buch sein speziell aus dem Feuerwehrsport abgeleitetes Ganzkörpertraining TFAXcross. Das Buch ist nach seinen Worten „ein reich bebilderter Ratgeber nicht nur für Feuerwehrleute, sondern für alle Sportler, die gern mit freien Gewichten trainieren.“ Vielleicht muss man ja im positiven Sinne ein bisschen verrückt sein, um solche Strapazen freiwillig auf sich zu nehmen, aber vielleicht sehe auch nur ich das aus meiner ziemlich unsportlichen Perspektive so. Mein Besuch bei Joachim und seinen Kollegen auf der Wache hat mir jedenfalls einmal mehr gezeigt, dass die Arbeit der Feuerwehrmänner und -frauen unseren höchsten Respekt verdient hat.

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