Der Stadtfriedhof: Erholung und Kunstgenuss

Wenn ich Menschen frage, warum sie gerne in Göttingen leben, ist die Antwort „weil die Stadt so grün ist“ stets unter den Top drei. Stimmt aber auch. Der Wall, der Cheltenham-Park, die Schillerwiesen, die Grüngürtel an Leine und Leinekanal, der Levinsche Park, der Kiessee, der Hainberg mit Kehr und Bismarckturm. Alles wunderschöne grüne Ecken, wo ich mit der Familie gerne unterwegs bin. Die schönste Parkanlage der Stadt allerdings dient eigentlich einer anderen Bestimmung: der historische Stadtfriedhof zwischen Jheringstraße, Kasseler Landstraße und Lütjen Feldsweg. Es gibt in meinen Augen keine schönere und vor allem ruhigere Grünanlage. Ein paar Mal im Jahr zieht es mich aus privaten oder beruflichen Gründen hierher. Egal zu welcher Jahreszeit, ich liebe diesen friedlichen Ort. Neben der üppig grünenden Pflanzenwelt und den zahlreichen Tieren, denen ich hier stets begegne, bietet der Friedhof noch ein kulturelles Kleinod: die Torhaus-Galerie an seiner Nordseite, direkt an der Kasseler Landstraße. Doch dazu später mehr.

Keine Spur von Hektik

Imposant: prachtvolle Grabmale unter üppigem Baumbestand. Foto: Christoph Mischke

Im vergangenen Jahr war ich einige Male auf dem Stadtfriedhof, weil ich unter anderem Gräber für ein Buchprojekt fotografieren wollte. Nun, ich habe zwar einen Friedhofsplan dabei, aber der ist wohl schon älteren Datums und ich finde manche Grabstätten nicht dort, wo sie eingezeichnet sind. Da heißt es dann: suchen. Weil ich keinen Zeitdruck habe, bummele ich erst einmal die Birkenallee entlang. Einige Kinder kommen mir lachend entgegen, vermutlich auf dem Heimweg von der Schule. Ein Radfahrer überholt mich ganz gemächlich und seine Reifen knirschen auf dem Kies. Keine Spur von Hektik.

Stieglitze und Bachstelzen

500 Kilogramm Stahl: Engel-Installation von Frank-Helge Steuer. Foto: Christoph Mischke

Mein Auto habe ich auf dem kleinen Parkplatz an der Jheringstraße abgestellt. Rechts und links sehe ich einige Gräber auf dem sattgrünen Rasen. Eichhörnchen flitzen die Baumstämme rauf und runter und zwischen den Grabsteinen hindurch. Kreischende Eichelhäher, Dompfaffen mit leuchtend roter Brust, bunte Stieglitze und Bachstelzen mit ihren wippenden Schwänzen sind allgegenwärtig. Vögel, die ich ansonsten im Stadtbild schon länger nicht mehr gesehen habe. Sogar einen Kleiber kann ich beobachten, meines Wissens der einzige Vogel, der kopfüber einen Baumstamm hinunterlaufen kann. Für eine Fotopirsch auf Tiere reicht meine Zeit dann allerdings doch nicht.

Nobel-Rondell

Rondell: Gedenkstätte für neun Göttinger Nobelpreisträger. Foto: Beate Ohm

Am Hinweisschild, das in Richtung Nobel-Rondell weist, biege ich ab. Die Lebensläufe von 44 Nobelpreisträgern sind eng mit der Stadt und der Universität verbunden. Neun der Geistesgrößen liegen an unterschiedlichen Stellen auf dem Stadtfriedhof begraben. Ihnen zu Ehren ist 2006, zum 125-jährigen Bestehen des Friedhofes, diese gemeinsame Gedenkstätte errichtet worden. Damit soll der Wissenschaftler und Nobelpreisträger Otto Wallach (Nobelpreis für Chemie 1910), Max Planck (Nobelpreis für Physik 1918), Walther Nernst (Nobelpreis für Chemie 1920), Richard Zsigmondy (Nobelpreis für Chemie 1925), Adolf Windaus (Nobelpreis für Chemie 1928), Max von Laue (Nobelpreis für Physik 1914), Otto Hahn (Nobelpreis für Chemie 1944), Max Born (Nobelpreis für Physik 1954) und inzwischen auch Manfred Eigen (Nobelpreis für Chemie 1967) gedacht werden.

Göttingens kluge Köpfe

Viele kluge Köpfe liegen auf dem Stadtfriedhof begraben, wie beispielsweise Otto Hahn…

…oder Ehrenbürger Manfred Eigen, Unterstützer des Nobel-Rondells. Fotos: Christoph Mischke

Während der Enthüllung nannte Göttingens Ehrenbürger Manfred Eigen die Auswahl der Vorzeigewissenschaftler „willkürlich, aber beispielhaft“. Am 6. Februar 2019 verstarb Professor Eigen im Alter von 91 Jahren und hat nun selbst seine letzte Ruhestätte hier auf dem Friedhof, nicht weit vom Rondell entfernt, gefunden. Diese Idee, eine Gedenkstätte für Göttingens kluge Köpfe zu installieren, finde ich großartig. Leider haben irgendwelche Schwachköpfe das Rondell 2018 zweimal stark beschädigt, die Gedenktafeln von ihren Steinsäulen abgerissen und zerstört. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, warum Menschen so etwas tun.

Imposante Platanenallee

Oase der Ruhe: der große Teich auf dem Stadtfriedhof. Foto: Christoph Mischke

Besonders im Herbst ein Highlight: die Platanenallee. Foto: Christoph Mischke

Ich gehe weiter zum großen Teich, an dessen Ufer einige Gräber der genannten Nobelpreisträger liegen. Es ist herrlich hier. Nur das Plätschern der Fontäne, die den Teich mit Sauerstoff versorgt, die zwitschernden Vögel und ab und zu ein Quak-Konzert der Frösche durchbrechen diese himmlische Ruhe. Ein junges Paar hat sich auf einer der Bänke niedergelassen und genießt die Nachmittagssonne, eine Frau ist ganz in ihr Buch vertieft und erschrickt ein wenig, als sie mich mit der Kamera bemerkt. Nach und nach finde ich die Gräber, die ich suche, und schlendere weiter in Richtung der Kapelle, die im Jahr 1900, am Ende der imposanten Platanenallee, direkt gegenüber des Haupteingangs gebaut wurde. Ganz plötzlich taucht sie aus dem dichten Laub des größtenteils alten Baumbestandes auf. Mich erinnert der symmetrische Kalk- und Sandsteinbau mit seinem wuchtigen Turm eher an ein kleines Schloss.

Wöhler, Hilbert und Merkel

International: chinesisches Grabmal für den Studenten Liu Ching-Jü. Foto: Christoph Mischke

Oberbürgermeister Georg Merkel hat 1881 den Stadtfriedhof eröffnet. Foto: Christoph Mischke

Auf meinem Rückweg, den ich teils auf den Wegen, teils aber auch mit dem gebotenen Respekt auf der Wiese zwischen den Gräbern zurücklege, fallen mir zahlreiche uralte und sogar eine chinesische Grabstätte auf. Imposante Grabanlagen, die ganzen Familien als letzte Ruhestätte dienten und dienen. Manche gepflegt, manche in unterschiedlichen Verfallszuständen. Ich entdecke viele Göttinger Namen von Firmen, die vielfach immer noch existieren. Zahlreiche Geistesgrößen und Forscher wie Friedrich Wöhler, David Hilbert oder Max Planck liegen hier begraben. Ebenso ehemalige Göttinger Bürgermeister wie Georg Friedrich Calsow, Hermann Föge oder Georg Merkel, in dessen Amtszeit 1881 der Stadtfriedhof eröffnet wurde und dem wir auch die Aufforstung des Hainbergs zu verdanken haben. Als ich am Ehrenfriedhof mit seinen großen Kriegsgräberfeldern vorbeigehe, wird mir wieder einmal die Sinnlosigkeit vor Augen geführt, warum Menschen sich gegenseitig umbringen – in wessen Namen und Befehl auch immer.

Schicksalsfrauen

Germanische Mythologie: Nornenbrunnen an der Birkenallee. Foto: Christoph Mischke

Kurz vor dem Parkplatz, ich laufe wieder auf der Birkenallee, stehe ich vor dem Nornen-Brunnen, der drei sitzende Frauen zeigt. Bemoost und ziemlich erodiert sind ihre Gesichtszüge, aber noch recht deutlich zu erkennen. Da ich mit dem Begriff „Nornen“ überhaupt nichts anfangen kann, recherchiere ich online ein wenig. Und, siehe da: Der Brunnen wurde von dem Bildhauer Jacob Wilhelm Fehrle als Sinnbild der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens geschaffen. Nornen (vom altnordischen nornir) sind in der germanischen Mythologie Wesen, die von Göttern, Zwergen oder Elben abstammen sollen. Hier sind die drei Schicksalsfrauen Urd, Verdandi und Skuld abgebildet, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren. Wieder etwas gelernt.

Kunst im Leichenhaus

Wechselvolle Geschichte: die Torhaus-Galerie ist eine beliebte Kulturinsel. Foto: Mattern

Mitinitiator: Nobelpreisträger Manfred Eigen spricht 2011 zur Eröffnung. Foto: privat

Man sagt ja immer: das Beste kommt zum Schluss – und das ist auch in meinem Beitrag so. Der Göttinger Stadtfriedhof bietet nämlich nicht nur üppige Natur und einen hohen Erholungsfaktor. Seit über acht Jahren können Besucher der Torhaus-Galerie an der Nordseite des Friedhofs ein hochkarätiges, abwechslungsreiches Kulturangebot genießen. Und wieder war es Nobelpreisträger Manfred Eigen, der das Vorhaben mit initiierte, nach Kräften unterstützte und auch im November 2011 die Eröffnungsrede hielt. Ich bin bei jedem Besuch fasziniert, welches Kleinod hier in jahrelanger Sanierungsarbeit entstanden ist.

Objektkunst: Reinhold Wittig stellte im Februar 2017 im Torhaus aus. Foto: Christoph Mischke

Diente doch das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1881 über die Jahre als Friedhofskapelle, Leichenhalle, Pförtnerhaus, Blumengeschäft und als Dienstsitz der städtischen Friedhofsverwaltung. Sämtliche Arbeiten an und im Torhaus verdanken die Initiatoren großzügigen Sponsoren und Unterstützern aus der Stadt und der Region. Ich freue mich, dass so etwas gerade im Bereich der Kultur heute noch möglich ist. Spüre ich doch das Herzblut, mit dem die Macher zu Werke gehen. Und das sind Mitglieder des Göttinger Verschönerungsvereins (GVV) sowie des Initiativkreises Torhaus-Galerie, die für das vielfältige Kulturprogramm in den Bereichen Grafik, Bildhauerei und Malerei verantwortlich zeichnen.

Beliebte Kulturinsel

Macher: (v.l.): Wolfgang Gieße, Herting von Buttlar und Norbert Mattern. Foto: Christoph Mischke

„Vor allem regionalen Künstlern, die einen Bezug zu Göttingen haben und sich mit der Stadt identifizieren, wollen wir hier eine Plattform bieten“, berichtet Herting von Buttlar, Vorsitzender des GVV. Norbert Mattern vom Initiativkreis, der seinerzeit der Ideengeber für das neue Nutzungskonzept gewesen ist, erinnert sich noch gut an die erste Ausstellung „Energiewände“ mit Bildern des Malers Dietmar Robert Schröter zur Eröffnung der Galerie. „Wir waren überwältigt von dem Andrang, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Es kamen rund 250 Besucher zur Vernissage.“ Bei der Planung des Programms können die Veranstalter aus dem Vollen schöpfen, denn die Torhaus-Galerie hat sich auch bei den Künstlern zu einer beliebten und erfolgreichen Kulturinsel entwickelt. „Wir machen vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr und derzeit stehen rund 25 Künstler auf der Warteliste.“, ergänzt Wolfgang Gieße, Leiter des Fachdienstes Friedhöfe der Stadt Göttingen. „Jede Ausstellung wird von einer musikalischen Veranstaltung zur Mitte ihrer Laufzeit begleitet“, berichtet Mattern.

Für jeden etwas dabei

Vernissage: Berthold Grzywatz (2. v. r.) spricht mit Ausstellungsbesuchern. Foto: Christoph Mischke

Das Programm für das Jahr 2020 steht natürlich schon lange fest und da ist wirklich für jeden Kunstliebhaber etwas dabei: Die Torhaus-Besucher werden im Lauf des Jahres Gemälde, Assemblagen, Glaskunst, Fotografien, Skulpturen und Objekte bestaunen können. Die musikalische Bandbreite reicht von Gospelgesang über Bluegrass und Irish Folk bis hin zu Swing, Latin und Jazz. Highlight wird mit Sicherheit wieder der musikalische Rundgang über den Stadtfriedhof sein, wenn die New Orleans Syncopators zum „Lazy Sunday afternoon“ einladen.

Über Kommentare zu unseren Blog-Beiträgen freuen wir uns jederzeit. Schickt uns dazu gerne eine Nachricht auf unserer Mein Göttingen Facebook-Seite.