Besuch im Märchenschloss

Ich folge dem Hinweisschild und der immer schmaler werdenden Straße durch eine beschauliche Landschaft. Auf einmal tauchen die Türme von Schloss Berlepsch auf. Von Göttingen aus sind es nur 25 Minuten Fahrzeit. Ich hatte gedacht, dass ich länger brauchen würde.  Etwas abseits liegt das Schloss schon. „Man kommt hier nicht einfach so vorbei“, bestätigt mir später der junge Baron, Fabian von Berlepsch. Die meisten Besucher wollen schon ganz gezielt hierher. Einmal angekommen, erleben sie ein ganz besonderes Ausflugsziel: Das Märchenschloss, wie es von vielen genannt wird.

Ein bisschen sieht es aus wie eine Filmkulisse, und das ist es gelegentlich auch. Wohl aufgrund der Tatsache, dass Tilo von Berlepsch einst in einem Edgar-Wallace-Film mitspielte, hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Schloss Drehort eines ebensolchen Films war. Es hätte sich dafür hervorragend geeignet. Ein Wallace-Streifen war es nicht, aber in dem Heinz-Erhard-Film „Witwer mit fünf Töchtern“ diente Schloss Berlepsch als Kulisse.

Ich entrichte den geforderten geringen „Wegezoll“. Dann ist der Weg durch das „Tor zum Mittelalter“ frei. Es ist  Montag, und die Mittagssonne brennt vom Himmel – nicht gerade die besucherstärkste Zeit. So bietet sich mir die Möglichkeit, das Schloss ganz alleine zu umrunden. Ich bestaune die hohen Türme und freue mich, dass das historische Gemäuer so gut erhalten ist. Vom Schlossgarten hat man einen tollen Blick ins Werratal, der nur noch durch den Rundumblick über die ganze Region getoppt wird, den man vom Schlossturm aus genießt.

Wieder im Innenhof angekommen, treffe ich auf meinen Interviewpartner Fabian von Berlepsch. Seit ein paar Jahren lenkt er die Geschicke auf dem Schloss, das er gerne zu einem echten Besuchermagnet, vor allem für Familien, weiterentwickeln möchte. Schon jetzt kommen rund 15.000 Gäste pro Jahr. Da ist aus seiner Sicht noch Luft nach oben. Folgerichtig plant er das große Potenzial, das das Gelände bietet, noch stärker zu nutzen und den „Themenpark Mittelalter“ zu entwickeln. Wie immer auf Schloss Berlepsch geschieht dies behutsam, mit guten Ideen und unter Einbindung vieler regionaler Partner. So entstand im ersten Schritt auch der „Berlepsche Rätselparcour“. Im Rahmen einer Entdeckungstour durch das Schlossareal gilt es anhand einer Karte Fragen zu beantworten. Bei einer besonderen Erlebnisstation machen wir halt. Hier wird mit einer Laser-Armbrust auf Äpfel geschossen. Trifft man sie innerhalb einer vorgegebenen Zeit, wird ein Buchstabe sichtbar. Zusammen mit denen, die man für die richtigen Antworten auf die Fragen zum Schloss erhält, ergibt sich ein Lösungswort. Dies soll nicht die einzige Station bleiben, bei der man sich richtig ins Zeug legen muss. Und so berichtet mir Fabian von weiteren, die geplant sind und in nächster Zeit eingerichtet werden sollen.

Wir setzen uns auf die rustikalen Holzbank, die zur Gastronomie gehört. Normalerweise ist hier einiges los, aber heute ist Ruhetag. Der junge Baron serviert mir kühles Wasser aus der schlosseigenen Quelle, stilecht im irdenen Becher mit dem Berlepschen Wappentier, dem Sittich.

Da ich das Geschehen auf dem Schloss via Facebook verfolge, weiß ich, dass es hier viele Veranstaltungen gibt. „Alles, was auf dem Schloss stattfindet, richtet sich in der Regel an drei großen Themen aus,“ erklärt mir Fabian, „Mittelalter, Grusel und Romantik“. Mittelalterliches Burgflair kann der Besucher tagtäglich erleben, aber es gibt zu diesem Thema auch ganz spezielle Events, so beispielsweise im Frühjahr das ritterliche Kräftemessen zu Pferd oder im Herbst den Berlepsch Cup, bei dem Kämpfe in schwerer Ritterrüstung in Vollkontakt ausgetragen werden.

Harmloser, aber sehr spaßig geht es bei den Kinderfesten und -geburtstagen zu, die auf dem Schloss gefeiert werden. Und die Mittelalter-Märkte dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Starke Nerven braucht man in den Blutnächten und beim abendlichen Gruseldinner, das mehrmals im Jahr stattfindet.

Fehlt nur noch die Romantik: Hochzeit feiern auf dem Schloss. Fabian zeigt mir die idyllische Schlosskapelle, die etwas unterhalb des Schlosses liegt, und in der kirchliche und freie Trauungen stattfinden können. Das Ja-Wort kann man sich aber auch im Schlosspark oder im Sommersalon mit Aussicht ins Werratal geben und anschließend in einem der Säle oder im Gewölbekeller des Schlosses ausgiebig feiern. Hier scheint alles vorhanden zu sein, was man zum Gelingen einer Traumhochzeit braucht.

Für eine ausführliche Schlossbegehung mit einem der historisch gewandeten Gästeführer fehlt mir jetzt leider die Zeit. Gerne würde ich noch mehr über das frühere Leben im Schloss erfahren, von Rittern, Freiherren und Schlossgespenstern. Mir bleibt nur eins: wiederkommen.

Eine Frage habe ich zum Abschluss noch an den gut gelaunten Junior-Schlossherren. Für die Besucher ist es ein wundervolles Erlebnis, das Schloss und seine Historie so authentisch zu erleben. Damit das so bleibt, muss viel Arbeit investiert werden. Dazu kommt noch ein immenser finanzieller Aufwand, um das Schloss zu erhalten und seine Geschichten für die Besucher anschaulich und erlebbar zu inszenieren. Daher möchte ich wissen, was es eigentlich bedeutet, für all das verantwortlich zu sein: Bürde, Verpflichtung oder Herausforderung? Ohne zu zögern sagt Fabian: „Es ist eine Ehre und ein Glück“ und verweist darauf, dass nunmehr die 20ste Generation die Geschicke lenkt. Ich bin mir sicher, Schloss und Familientradition sind in den allerbesten Händen.

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