Führung durch Göttingens Unterwelt

Göttingen-Tourismus bietet zahlreiche Stadtführungen an, darunter auch Sonderführungen, Kostümführungen und Stadtrundgänge zu unterschiedlichsten Themenbereichen. Mitte Dezember habe ich Gästeführerin Monika Dräger, eine von 40 Göttinger Stadtführerinnen und Stadtführern, und ihre Gruppe auf dem Rundgang durch die Göttinger „Unterwelt“ begleitet. Senja Post, Professorin an der Göttinger Universität, hatte die Führung für sich und einige ihrer Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Studierenden gebucht.

Siedlung am Wasserlauf

Hier haben die ersten Siedler Land „gerodet“: Rote Straße. Foto: Christoph Mischke

Unser Treffpunkt ist vor der Tourist-Information am Markt. Heute sind sogar zwei Rundgänge zum selben Thema. Obwohl zeitversetzt, spricht sich Monika Dräger mit der Kollegin ab. Sie machen die Touren gegenläufig, damit sich die Gruppen nicht gegenseitig „stören“. Auf Nachfrage der Gästeführerin kennen alle aus der Gruppe Göttingen. „Allerdings nicht von unten“, sagt eine Teilnehmerin lächelnd. „Wir bewegen uns heute auch meist überirdisch, nicht, dass sie denken, wir gehen unter Tage“, sagt Dräger und wir marschieren los. Zuerst die Rote Straße hoch. Alle Straßen, die in Ostrichtung von der Weender Straße abgehen, führen bergauf, weg vom Leine- und Gronetal, erfahren wir. Die Gegend um die heutige Stadthalle war der Ursprung Göttingens. Der frühere Ortsname Gutingi ist wahrscheinlich zu deuten als „Siedlung am Wasserlauf“, wobei mit Wasserlauf der heutige Reinsgraben gemeint ist. Einer der zahlreichen Bachläufe, die vom Hainberg in die Leine fließen. Die vermutlich wenigen und bescheidenen Hütten des Dorfes gruppierten sich um eine dem Hl. Albanus geweihte Kirche, so dass die Albanikirche das älteste Göttinger Gotteshaus ist.

Wachstum durch Wolle

Holbornsches Haus: Blick auf das frühere Straßenniveau. Foto: Christoph Mischke

Der erste Keller-Stop ist heute an der Roten Straße 34 im Holbornschen Haus. Ursprünglich ist auch das Haus Rote Straße 28 Bestandteil der Führung. In den Kellerräumen des ehemaligen Wohnhauses der jüdischen Familie Löwenstein ist nämlich eine Mikwe zu finden. Erst 1999 wurde das rituelle jüdische Tauchbad in Form eines gekachelten Bassins entdeckt. In einem Privathaus kam dies einer kleinen Sensation gleich. Derzeit sind allerdings im Keller umfangreiche Renovierungsarbeiten im Gang, so dass wir nicht hinein können. Vor dem Holbornschen Haus erklärt uns Monika Dräger, dass die Rote Straße eine Straße der Wohlhabenden war. Doch was wurde in Göttingen derzeit produziert? Wir rätseln. „Die Herstellung von Wollwaren in Göttingen, seinerzeit Mitglied der Hanse, lässt sich bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen“, erklärt Dräger. Woll- und Leineweber haben das Stadtbild von Göttingen entscheidend mit geprägt. Das Gewerbe verschaffte der Stadt ein kulturelles und wirtschaftliches Wachstum. Die verkehrsgünstige Lage im Leinetal und der damals dort entlanglaufende Nord-Süd-Handelsweg von Frankfurt über Göttingen und Hannover bis zu den Hafenstädten an der Küste wie beispielsweise Lübeck. Durch die räumliche Nähe der Weideflächen am Hainberg war die Rohstofflieferung der Wolle gesichert.

Straße unter Glas

Beeindruckend unter Glas: historisches Straßenpflaster. Foto: Christoph Mischke

„Trotz der vielen Veränderungen und Überbauungen im Lauf der Jahrhunderte ist immer noch viel Historisches zu finden“, sagt die Gästeführerin, während wir das Haus betreten. Sie zeigt uns den freigelegten ehemaligen Straßenbelag, der unter dickem Glas und von Leuchten angestrahlt gut zu erkennen ist. Ich staune, denn das Niveau liegt 70 bis 80 Zentimeter unter dem heutigen. Auch die ehemaligen Hausgrenzen, sprich: die Wände, lagen völlig anders als dieser Tage. Auch hat dieses Haus früher viel mehr Fenster gehabt als heute. „Luxus pur zur damaligen Zeit“, sagt Dräger. Im hinteren Teil des Hauses zeigt sie uns einen ebenfalls erhaltenen restaurierten Brunnen, der auch unter dickem Glas zu beobachten ist. Wir erfahren, dass es noch einige weitere restaurierte Brunnen und Wasserläufe in Göttinger Geschäften zu sehen gibt. Vor unserem Abstieg in den Keller warnt Dräger: „Bitte Vorsicht, die Treppen haben keine Normhöhe.“ Eine Teilnehmerin eckt im Eingangsbereich auch fast mit dem Kopf an. „Ich fühle mich so groß geworden“, sagt sie lachend.

Historisches Haus für Veranstaltungen

Mittelalter: restaurierter Brunnen in der Roten Straße 34. Foto: Christoph Mischke

Monika Dräger berichtet über die frühere Nutzung des Kreuzgratgewölbekellers des alten Kontors. Bürger bewahrten in ihren kühlen Kellern unter anderem Bier, Eier und Gänse auf. Der Keller wurde im Lauf der Jahrhunderte, so wie das gesamte Haus, mehrfach umgebaut und überbaut. So wurde beispielsweise die ehemalige Balkendecke durch das Gewölbe ersetzt, um höhere Lasten tragen zu können. Bürger bewahrten in ihren kühlen Kellern unter anderem Bier, Eier und Gänse auf. Eine einzige romanische Säule, die wohl ursprünglich aus einem Kloster stammt, ist erhalten geblieben.

Relikt im Keller: romanische Säule aus einem Kloster. Foto: Christoph Mischke

Ursprünglicher Eingang: historische Steintreppe. Foto: Christoph Mischke

Denkmal für Wilhelm IV., König von Hannover und Großbritannien. Foto: Christoph Mischke

Die Stadtführerin weist darauf hin, dass der Saal des Holbornschen Hauses mit angeschlossenem Foyer auch für Feierlichkeiten angemietet werden kann. Dazu können der beschauliche Garten sowie das Kellergewölbe für ein Rahmenprogramm genutzt werden. Auf unserem Weg zum nächsten Keller zeigt uns die Gästeführerin einige ehemalige Hauseingänge, die nur noch an verzierten Holzbalken zu erkennen sind, so wie in der Roten Straße 37 oder in der Burgstraße 1. Am Wilhelmsplatz gibt Dräger uns einen anekdotenreichen Abriss dessen, was Wilhelm IV, König von Hannover und Großbritanien, der auch „Silly Billy“ genannt wurde, für Göttingen getan hat. So hat er der Universität ihre Aula geschenkt. Deshalb darf sein Denkmal auch direkt gegenüberstehen.

Ein Klo als Fundgrube

Geheimnis: Gewölbe unter dem ehemaligen Franziskaner-Kloster. Foto: Christoph Mischke

Fundgrube für die Stadtarchäologie: die ehemalige Latrine. Foto: Christoph Mischke

Der nächste Keller, den wir von der Burgstraße aus betreten, birgt ein eher unappetitliches Geheimnis, das nach vielen Jahrhunderten allerdings als solches Gott sei Dank nicht mehr wahrnehmbar ist. Nachdem wir die sehr, sehr kurzen Stufen im Charlie-Chaplin-Gang bewältigt haben, stehen wir in einem verwinkelten, mehrere Meter hohen Gewölbe. Vor uns eine durch ein Holzgeländer gesicherte viereckige Grube, deren Sinn und Zweck sich uns nach einem humorvollen Rätselspielchen so langsam erschließt. Wir stehen quasi im Klo. Genauer gesagt vor der ehemaligen Latrine der Mönche des Barfüßer-Ordens. Diese hatte seinerzeit nicht nur der Verrichtung der Mönchs-Notdurft gedient, sondern hier wurde auch der tägliche Müll und alles, was man sonst im damaligen Franziskaner-Kloster nicht mehr benötigte, entsorgt. Ein Umstand, über den sich 800 Jahre später die Göttinger Stadtarchäologie freute, wie Monika Dräger feststellt. Die gut konservierten Fundstücke ließen nicht nur Rückschlüsse auf den früheren Speiseplan zu, sondern auch auf die Art des Toilettenpapiers und die getragene Kleidung. Geleert wurden die Latrinen damals übrigens von Abdeckern oder Henkern, die sich auf diese Weise etwas dazu verdienen konnten.

Kunst im Keller und Knochenreste

Auf dem Weg zu unserem nächsten Stopp passieren wir das Trou in der Burgstraße, Göttingens urigste Kellerkneipe mit langer Tradition. Hier hat sich schon mancher Mann beim Pinkeln den Kopf gestoßen. Früher, als dort noch geraucht wurde“, weiß Monika Dräger, „hieß es scherzhaft: Wenn die Kerzen auf den Fass-Tischen anfangen zu flackern, müssen alle wegen Sauerstoffmangels raus.“ Gegenüber, bei Diekmann-Einrichtungen kann man einen verglasten Keller schon durchs Schaufenster erkennen. Dräger rät jedem, ruhig einmal in das Geschäft zu gehen und ihn sich aus der Nähe anzuschauen. Inzwischen sind wir am Lichtenberghaus angekommen. Das Wohn- und Geschäftshaus in der Gotmarstraße ist heute Eigentum der Stadt. Seit 1978 werden die Räume vom Verein „Künstlerhaus mit Galerie e.V.“ genutzt. In Zusammenarbeit mit den Künstlergruppen „Bund Bildender Künstler“, dem „Kreis 34 e.V.“ sowie dem „Kunstverein Göttingen e.V.“ organisiert das Künstlerhaus Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Galerie unter Tage: Keller im Lichtenberghaus. Foto: Christoph Mischke

Derzeit sind in der Keller-Galerie leider keine Bilder zu sehen, obwohl der Göttinger Künstler Georg Hoppenstedt gerade in einem der Räume zugange ist. Wir lassen ihm dort aber seine Ruhe. Unsere Stadtführerin berichtet, dass der gesamte Straßenzug mit den damaligen Fachwerkbauten im Jahr 1401 niedergebrannt ist und nur die Keller übriggeblieben sind. Das jetzige Haus wurde in Lichtenbergs Geburtsjahr 1742 erbaut. Georg Christoph Lichtenberg hat mit seiner Familie hier von 1775 bis zu seinem Tod am 24. Februar 1799 gelebt, geforscht und gelehrt. „1,20 bis 1,50 leben wir heute höher als das Niveau im Mittelalter“, erklärt Dräger. Echt spannend. In einem Keller unter dem heutigen Zoo-Fachgeschäft Busch haben Archäologen eine 50 Zentimeter dicke Schicht Knochenreste gefunden, weil früher dort ein Knochenschnitzer einmal seine Werkstatt hatte.

Eine gotische Heizung

Warme Luft: Monika Dräger erklärt die gotische Heizung. Foto: Christoph Mischke

Ich schaue fix um zwei Ecken, ob ich noch ein lohnenswertes Fotomotiv finde. Als ich nach wenigen Minuten zurückgehe, ist die Gruppe weg. Gut, dass ich den Routenverlauf vorab von der Stadtführerin erfragt habe, denke ich, und gehe alleine zum Alten Rathaus zurück, wo zehn Minuten später auch die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eintreffen. Unter dem ehemaligen alten Ratssitzungssaal im Alten Rathaus, der Dorntze, befindet sich nämlich ein Keller, der als Heizung benutzt wurde. Es handelt sich dabei um eine „gotische Heizung“ als Fußboden- und Warmluftheizung, die 1369 bei der Erweiterung des Rathauses eingebaut wurde. Ein Raum in dem Holzfeuer gemacht und dabei die Steinwände wie auch Steine auf einem darüberliegenden Gitter erhitzt wurden. Nachdem das Heizmaterial vollständig verbrannt und der Rauch durch Fenster abgezogen war, erzeugte die gespeicherte Wärme der Steine einen Heißluftstrom. Im Fußboden des alten Ratssaales befinden sich auch heute noch 12 Löcher, die mit herausnehmbaren Deckeln verschlossen sind. Wenn die Ratsleute im Winter tagten, hatte jeder sein eigenes Heizungsloch, das er nach Belieben öffnen oder schließen und so warme Luft unter seinen Umhang strömen lassen konnte.

Arrest für wildes Pinkeln

Zeitzeugen: Zelleninsassen kratzten ihre Namen in den Sandstein. Foto: Christoph Mischke

Nachdem 1405 eine neue Heizungsanlage gebaut worden war, wurde der Heizungskeller mit Vorraum und Holzlagerraum von 1580 bis 1620 als Arrestzelle benutzt. Die Gerichtsbarkeit war für eine Stadt nicht selbstverständlich, aber Göttingen, zeitweise sogar Hansestadt, hatte dieses Recht bei kleineren Delikten. Monika Dräger zeigt uns in den Sandstein der Türrahmen gekratzte Inschriften, die auf die Namen von Gefängnisinsassen verweisen. Heinrich Frien saß zweimal. Das erste Mal 1586, weil er eine Frau bedrängte, „ihm zu Willen zu sein“. Er saß so lange ein, bis er einwilligte, sie zu heiraten um die Schande wieder gut zu machen. Das zweite Mal – reichlich absurd – musste er in die Zelle, weil er „seinen ehelichen Pflichten nicht nachkam“. Ein anderer Insasse namens Hans Hacken, hatte gegen die Hygienevorschriften verstoßen, weil er 1581 in die Wasserversorgungsquelle Göttingens, den Reinsgraben, gepinkelt hatte, ausgerechnet vor dem Brautag, was streng verboten war. Weil er sich so über die Strafe ärgerte, verunreinigte er den Graben nach Haftverbüßung erneut auf eine Art, die sich auf seinen Namen reimt, so dass er ein zweites Mal ins Gefängnis kam. Als Zeichen seiner Bürgerschaft, die ihn auch zum Besitz eines Gewehrs und der Verteidigung der Stadt verpflichtete, gravierte der mehrfach eingebuchtete Hans Borken auch ein Gewehr-Symbol in den Stein.

Zufriedene Teilnehmer

Zufrieden: Die Tour endet in der Arrestzelle unter dem Alten Rathaus. Foto: Christoph Mischke

Nach etwas über 90 Minuten endet hier am Alten Rathaus unsere Tour. Wir verabschieden Monika Dräger mit Applaus. Senja Post und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hochzufrieden mit dem Rundgang. „Man sollte so etwas viel öfter machen, auch und gerade in der Stadt, in der man lebt“, sagt sie. Ich sehe das genauso und freue mich schon auf den nächsten geführten Stadtrundgang, den ich sicher bald unternehmen werde. Die Auswahl ist ja wirklich groß, da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

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