Das Brotmuseum in Ebergötzen

Das Europäische Brotmuseum in Ebergötzen ist seit über 40 Jahren ein bekanntes und erfolgreiches Fachmuseum und ein beliebtes Ausflugsziel. Über 3.000 Exponate aus 30 Themenkreisen sind hier zu bewundern. Regelmäßige Sonderausstellungen ergänzen die Dauerausstellung „Vom Korn zum Brot“ – Handwerk, Kunst, Kultur und Brauchtum aus der 8.000-jährigen Geschichte des Brotes. Von 1971 bis 2004 war das Brotmuseum übrigens in Mollenfelde, einige Kilometer westlich von Göttingen, angesiedelt. Aus Kapazitätsgründen hatte man sich seinerzeit entschlossen, das Museum zu verlegen. Kaum 20 Minuten dauert die Autofahrt von Göttingen über die B27 bis zum Museumsgelände. Ich habe mich für euch dort umgesehen und, das sei vorab erwähnt, einen tollen Nachmittag verbracht.

Barrierefrei

Durchs Grüne: Ein kurzer Fußweg zum Museumsgelände. Foto: Christoph Mischke

Zeitreise in die Vergangenheit: Das Museumsgebäude. Foto: Christoph Mischke

Nur wenige Autos stehen an diesem herrlichen Sonntag zur Mittagszeit auf dem Parkplatz des Brotmuseums. Gut, es ist mit 12 Grad Celsius zu kühl für die Jahreszeit, aber die Sonne strahlt mit weißen Schäfchenwolken um die Wette vom Himmel. Der kurze Fußweg zum Museumsgelände ist mit hölzernen Rampen barrierefrei gestaltet, wie im übrigen das ganze Museumsgelände. Farbige Infotafeln zeigen zahlreiche Tiere, die hier im Bereich der Aue, die durch Ebergötzen fließt, leben – vom Buntspecht bis zum Weißstorch. Ich entdecke allerdings keinen dieser Vögel. Auch die im Landkreis wieder angesiedelten Leineschafe, die sonst hier weiden, sind wohl gerade anderswo mit ihren Lämmern beschäftigt. Ich vernehme ein rhythmisches Klappern, dessen Herkunft ich nicht so recht deuten kann. Unter der riesigen goldenen Brezel hindurch, führt mein Weg direkt in das Museumsgebäude. Ein spätbarocker Bau, der ehemals das Amt Radolfshausen sowie die dortige Oberförsterei beherbergte.

Liebevoll hergerichtet

Detailgetreu: Die liebevoll hergerichtete historische Backstube. Foto: Christoph Mischke

Aus Holz und Eisen: Spekulatiusmaschine aus dem Jahr 1900. Foto: Christoph Mischke

Sofort fühle ich mich ein paar Jahrzehnte zurückversetzt. Der Sandstein, das schwere Holz der mit Schnitzereien versehenen Eingangstüren, die großzügig verglaste und geschwungene Zwischentür und die schachbrettartig gestalteten Bodenfliesen in Ocker und Schwarz führen mich ins Gestern. Ich betrete die historische Backstube im Erdgeschoss und bin begeistert. Liebevoll hergerichtet zeigt sie mir, wie die Bäcker in früheren Jahren zu Werke gingen. Eine Seniorin, wohl an die 80 Jahre alt, versucht die Kurbel der Spekulatiusmaschine zu drehen. Es gelingt ihr nur mit Mühe. „Das war eine schwere Arbeit früher“ sagt sie nachdenklich zu einem deutlich jüngeren Mann. Vermutlich ihr Sohn, denke ich, ist ja schließlich Muttertag heute. Gemeinsam bestaunen sie den alten Herd, die Backtröge, Gärkörbe und Backformen, eine Brötchenpresse und die Buttermaschine. „Ein Fest für jeden Maschinenbauer“, befindet der Sohn. Alles sieht so aus, als habe der Bäcker sein Reich nur für eine kurze Pause verlassen. Die Zeit steht still. Beim Verlassen der Backstube schüttelt die Seniorin den Kopf. „Nein“, sagt sie, „um drei Uhr morgens möchte ich hier nicht antreten müssen“.

Bäckertaufe im Schandkorb

Strafmaßnahme für untergewichtiges Brot: die Bäckertaufe. Foto: Christoph Mischke

Der freundliche junge Mann am Empfang empfiehlt mir die Dauerausstellung „Vom Korn zum Brot“ in der ersten Etage. Also flugs ein Stockwerk hochgestapft, vorbei an Mehlsäcken, der mächtigen Erntekrone, die unter der Decke baumelt, einer Ost-Tiroler Getreidemühle und der Reproduktion des „Abendmahls“ von Leonardo da Vinci. Das erste nicht zu übersehende Exponat ist der Nachbau einer sogenannten Bäckertaufe. Sie diente zwischen dem 13. und dem beginnenden 18. Jahrhundert als Bestrafung für Bäcker, die zu kleine Semmeln oder untergewichtiges Brot verkauft hatten. Der Schuldige wurde in einen Schandkorb gesperrt und mittels einer Wippe mehrfach in Wasser oder Schlimmeres getaucht. Anwesende durften ihn zusätzlich mit Steinen bewerfen. Ganz schön hart, denke ich und ärgere mich insgeheim, dass die Brötchen heutzutage ganz schön teuer sind.

1.800 Getreideproben

In Glasröhrchen: Getreideproben aus der ganzen Welt. Foto: Christoph Mischke

Per Hand: Korn mahlen wie die römischen Legionäre. Foto: Christoph Mischke

Der Weg durch die Dauerausstellung zeichnet den Weg vom Korn zum Brot anschaulich und durch vielfältige Exponate interessant und lehrreich nach. Ich erfahre auf großen Schautafeln, dass der Mensch vor rund 12.000 Jahren den Ackerbau für sich entdeckte. Die wertvolle Zusammensetzung und gute Haltbarkeit machten Getreide zu einer Grundlage der menschlichen Ernährung. Aus umherstreifenden Jägern und Sammlern wurden sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter. Diverse ausgestellte Fundstücke, wie Töpfe, Kumpfen oder verkohlte Getreidekörner, belegen, dass in der Region um Ebergötzen bereits vor 7.000 Jahren Getreide angebaut wurde. Nebenan stehen große hölzerne Windmühlenmodelle, die ihre Technik und Funktionsweise verdeutlichen. Mich beeindruckt ein hölzerner Vitrinenschrank, der, säuberlich in beschrifteten Glasröhrchen abgefüllt, 1.800 Getreideproben aus aller Herren Länder enthält. An vielen Aktivstationen können Erwachsene und vor allem auch die kleinen Museumsbesucher selbst Hand anlegen. Es gibt Getreidekörner zum Betrachten unter einem Mikroskop, eine handbetriebene Getreidemühle der römischen Legionäre und vieles mehr, was hilft, die Geschichte von Korn und Brot nachzuerleben.

Brotspezialitäten aus aller Welt

Redewendungen über das Brot und die Backkunst. Foto: Christoph Mischke

Nachgebildete Brote als Spielsteine: Finn (6) und seine Mutter Mareike. Foto: Christoph Mischke

Ein kleiner Arbeitsnachweis: Selfie im Brotschrank. Foto: Christoph Mischke

Ein weiterer Raum des Museums ist Brotspezialitäten aus aller Welt gewidmet, die in haltbaren Reproduktionen unter Glas gezeigt werden. Dort findet sich das weltbekannte französische Pain Poilâne ebenso, wie norwegisches Flachbrot, griechisches Ringbrot, türkische Sesamkringel oder Pan de Oro aus Argentinien. Unglaublich, wie aus den nahezu gleichen Grundzutaten die unterschiedlichsten Leckereien gebacken werden. Doch Brot ist noch so viel mehr als nur Grundnahrungsmittel. Es spiegelt sich weltweit in der Sprache, in Bräuchen, religiösen Festen, in Kunst und Kultur wider. Nur ein wunderbares Beispiel hierfür sind Exponate wie jüdische Sufganiot-Krapfen, Hamantaschen oder Mazzen. Im Judentum wird, wie ich lerne, zu jedem religiösen Fest ein spezielles Brot gebacken, das an ein besonderes Ereignis aus dem Alten Testament erinnern soll. Am Ende meines Rundgangs werde ich durch einen großen Pfeil aufgefordert in einen schweren Eichen-Brotschrank zu schauen, wenn ich heute schon Brot gegessen habe. Habe ich, also öffne ich die Holzklappe und sehe… mich selbst, in einem Spiegel. Ok, dann Selfie eben einmal anders.

Museumspark und Apotheker-Garten

Lädt zum lehrreichen Rundgang ein: der Museumspark. Foto: Christoph Mischke

Heilkräuter: üppiges Grün im Apotheker-Garten. Foto: Christoph Mischke

Bei diesem schönen Wetter muss ich jetzt aber unbedingt wieder nach draußen. Hinter dem Museum haben die Betreiber einen wunderschön gestalteten kleinen Rundweg mit Blick auf den Wohnturm der ehemaligen Wasserburg angelegt. Er führt durch den Museumspark und erklärt auf farbigen Schildern einige heimische Baumarten, wie den Weißdorn, die Kornelkirsche oder die Pimpernuss. Ich muss ungewollt grinsen. Vermutlich trägt der Baum, laut Informationstafel, seinen Namen deshalb, weil der Samen der Frucht in seiner Kapsel klappert, früher sagte man: pimpert. Allerdings sollen, also doch nicht umsonst gegrinst, die Früchte eine aphrodisierende Wirkung besitzen. Ich kreuze den Hauptweg und schaue mich im gegenüberliegenden Freigelände um, dem Getreide- und Heilpflanzen-Garten. Hier werden alte, heute weitgehend vergessene Getreidearten wie Einkorn, Emmer und 13 weitere Arten angebaut. Davon ist allerdings so früh im Jahr noch nicht viel zu sehen. Im Apotheker-Garten hingegen grünt und blüht es schon sehr üppig. Auch hier erklären zahlreiche Schilder und Schautafeln, welche Pflanze und welches Heilkraut gegen so diverse Zipperlein helfen soll. Einige, wie die Pestwurz beispielsweise, sind allerdings so giftig, dass sie als Wildpflanze keinerlei Verwendung finden dürfen, sondern in alkaloidarmen Varietäten für Arzneien gezüchtet werden.

Fleißige Bienen

Abstand halten: die fleißigen Bienen sind sehr wachsam. Foto: Christoph Mischke

Vor den benachbarten Bienenstöcken herrscht rege Flugtätigkeit, mehr als ich es bisher gesehen habe. Tiere gehen immer, denke ich, und entschließe mich für ein Foto von den summenden, fleißigen Gesellen. Ich ignoriere das Schild „Vorsicht Bienen“ und hocke mich mit dem Teleobjektiv seitlich vom Stock auf die Lauer. Meine rund vier Meter Abstand sind einigen Bienen aber wohl doch zu dicht und sie beginnen sich für mich zu interessieren, mehr als mir lieb ist. Trotz dicht schließender Jacke trete ich unter wütendem Gebrumm lieber den Rückzug an. So bleiben mir Stiche erspart und die Bienen behalten ihr Leben. Eine Win-Win-Situation. Ein paar Fotos habe ich ja machen können.

Funktionsfähige Bockwindmühle

Alle Plätze belegt: das Café „Auszeit“ erfreut sich großer Beliebtheit. Foto: Christoph Mischke

Voll funktionsfähig: die Bockwindmühle von 1812. Foto: Christoph Mischke

Imposant: Mareike und ihre Mutter Dorothee bestaunen das Räderwerk der Mühle. Foto: Christoph Mischke

Auf meinem Weg zur großen Bockwindmühle gehe ich am Café „Auszeit“ vorbei. Erst vor wenigen Wochen hat Thorsten Liebscher sein „Café mit Herz“ eröffnet, und es erfreut sich augenscheinlich schon großer Beliebtheit. Sowohl drinnen, wo es wunderbar nach frischem Kaffee duftet, als auch auf der sonnigen Terrasse sind alle Plätze belegt. Macht nichts, komme ich halt ein anderes Mal wieder. Stattdessen schlendere ich an historischen Bäckereifahrzeugen vorbei zur großen Bockwindmühle. Sie stammt aus dem Jahr 1812, ist komplett restauriert worden und voll funktionsfähig. Gemeinsam mit Dorothee und ihrer Tochter Mareike, die aus Göttingen hergefahren sind, bestaune ich das hölzerne Räderwerk im Inneren. Ich bemerke den aufkommenden Wind erst, als sich die schweren Zahnräder und die baumstarke Holzwelle über meinem Kopf zu drehen beginnen. Schneller und immer schneller drehen sich die Räder, und das gesamte Mühlenhaus ächzt und knarzt ob der gewaltigen Kräfte, die nun wirken. Es ist fast ein bisschen unheimlich.

Ein wunderbarer Nachmittag

Klappert am rauschenden Bach: Blick auf die Tiroler Wassermühle. Foto: Christoph Mischke

Mit goldener Brezel: ein wunderbarer Nachmittag im Brotmuseum. Foto: Christoph Mischke

Als der Wind nachlässt, höre ich es wieder, dieses rhythmische Klacken, das ich schon bei meiner Ankunft vernommen hatte. Es scheint von der Wassermühle zu kommen, auf die ich gerade herabschaue. Ich steige die steile Holztreppe der Windmühle hinab und sehe mir das einmal aus der Nähe an. Tatsächlich, ein hölzerner Stab wird vom Mühlenantrieb mitgezogen, bis er an einem bestimmten Punkt wieder zurückfedert und dabei dieses ziemlich laute und auf Dauer etwas nervige Geräusch erzeugt. Leider wird nirgends erklärt, wozu dieser Mechanismus dient. Nicht so schlimm, denn mein Kopf ist für heute sowieso voll mit Informationen, und ich entschließe mich zur Heimfahrt. Vielleicht komme ich zum Deutschen Mühlentag am 10. Juni noch einmal her und lasse mir von den Experten die Funktionsweise erklären. Ich hatte heute einen wunderbaren Nachmittag in einem herrlichen parkähnlichen Ambiente. Besonders gut gefallen hat mir die Art und Weise, wie hier Wissen vermittelt wird: anschaulich und mit viel Liebe zum Detail. Wenn ich euer Interesse geweckt habe, findet ihr weiterführende Informationen zu Ausstellungen, Aktionen, Öffnungszeiten und Eintrittspreisen auf der Homepage des Europäischen Brotmuseums.

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