Gauß in Göttingen – eine Spurensuche

Wer war einer der größten deutschen Gelehrten? Wer war einer der genialsten Mathematiker, dem der Nobelpreis nur versagt blieb weil er zu früh lebte? Richtig: Carl Friedrich Gauß. Wir kennen den aus Braunschweig stammenden Forscher vom 10-DM-Schein, aus der Schule und dem verfilmten Bestseller „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Deswegen habe ich mich gefreut, als mir die Möglichkeit geboten wurde, eine Stadtführung zum Thema „Sternstunden der Mathematik – Gauß in Göttingen“ zu besuchen. Bei dieser Führung habe ich dann auch sehr viel gelernt, von Gauß‘ Entdeckungen, den Tragödien in seinem Leben und seinen Verbindungen in die USA. Ach ja, und dass „Die Vermessung der Welt“ eigentlich ziemlich weit an der Realität vorbeigeht.

Pittoreske Altstadt

In Öl: Das Gemälde zeigt Carl Friedrich Gauß. Foto: Felix Koslowski

Start: Die Teilnehmer des Rundgangs vor dem Alten Rathaus. Foto: Felix Koslowski

Wie einige der schönen Stadt- und Themenführungen Göttingens beginnt auch diese im Alten Rathaus. Die herrliche, Ende des vorvorletzten Jahrhunderts neugestaltete und bemalte Halle im Eingangsbereich ist ein Highlight an sich, hat aber im eigentlichen Sinne nichts mit Gauß zu tun. So verlässt unsere circa 20 Personen starke Gruppe zusammen mit dem Gästeführer alsbald diese historische Stätte und versammelt sich draußen. Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint, und der blaue Himmel ist ein schöner Hintergrund für die ohnehin schon pittoreske Göttinger Altstadt.

Anschaulich von Station zu Station

Aufmerksam: Guide Jörg Scharmach und seine Gruppe am Lichtenberg. Foto: Felix Koslowski

Die Menschen, die diese Führung gebucht haben, sind bunt gemischt. Von Eltern mit ihrem Baby, über Studenten bis hin zu bildungshungrigen Menschen mittleren und gehobenen Alters. Alle hängen an den Lippen des enthusiastischen Guides Jörg Scharmach. Wie alle Studenten bestätigen können, lernt man Dinge besser, für die man sich interessiert, und man trägt sie auch eloquenter vor. Nach diesen Kriterien ist Scharmach ein Fan von Gauß und der Geschichte, die ihn umgibt. Anschaulich leitet er uns von Station zu Station im Leben des großen Gelehrten. Wir besuchen unter anderem eine der Statuen von Lichtenberg, dem Physik-Professor von Gauß.

Klingonisch am Telegraphen

Vielsprachig: Der Telegraph „spricht“ auch Klingonisch. Foto: Felix Koslowski

„Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“ Dies ist eine der Aphorismen Lichtenbergs, die uns von unserem Gästeführer erzählt wurde. Ich denke, dass wir, anders als der besagte Amerikaner, nur positive Entdeckungen auf dieser Tour durch Göttingen gemacht haben. Wir besuchten unter anderem den Ort, an dem die Universität Göttingen gegründet wurde. Unweit davon steht ein Modell des Telegraphen, den Gauß zusammen mit seinem genialen Professorenkollegen und Freund Wilhelm Weber konstruierte. Ein Meilenstein der Technikgeschichte. Auf dem Gehäuse des Modells gibt es Inschriften in allen möglichen Sprachen. Sehr sinnvoll für eine international tickende Stadt. Eine Beschreibung ist sogar auf Klingonisch – sehr zeitgemäß, wenn man bedenkt, dass wieder eine neue Star-Trek-Serie produziert wird und der Göttinger Chor „Unicante“ manchmal Lieder auf Klingonisch singt.

Mathematische Entdeckungen

Fachwerk und malerisches Gebälk: Blick auf St. Johannis. Foto: Felix Koslowski

Unser Gästeführer hat etliche Bilder in seiner Tasche, mit denen er das Erzählte illustriert – sehr praktisch, da man sich sonst manche Sachen schlecht vorstellen kann. Das Wetter ist konstant gut, die Tour sehr interessant, und wir ziehen weiter. Die mathematischen Entdeckungen von Gauß werden anschaulich erklärt, sodass jedermann sie gut verstehen kann. Gleichzeitig werden viele Anekdoten und Geschichten aus dem Leben von Gauß erzählt. Es wird nie langweilig. Wir laufen nach und nach zu den Wohnhäusern des „Mathematikerfürsten“ und erfahren viel über sein Leben und auch über seine zwei Ehefrauen; starke Frauen, die leider ein tragisches Ende fanden. Zwei seiner Söhne wanderten in die USA aus. Die Tour durch die Stadt führt weiter an der ältesten erhaltenen Mauer der Stadt und dem ältesten Fachwerkhaus Göttingens vorbei. Man spürt den Hauch der Geschichte an diesem warmen Sommertag.

Gauß‘ Instrumentarium

Helden der Wissenschaft: Die Gruppe am Gauß-Weber-Denkmal. Foto: Felix Koslowski

Der Standort der ersten Sternwarte Göttingens, von dem heute noch der mittelalterliche Turm zu sehen ist, wird ebenso besucht wie das Gauß-Weber-Denkmal. Dieses, den beiden Wissenschaftlern gewidmete Monument, liegt auf dem Stadtwall und soll Teil einer Tradition von Physik- und Mathematikstudenten sein. Nach ihrer Promotion legen wohl einige von ihnen Wert darauf, mit diesen Heroen der Wissenschaft „anzustoßen“. Achtet also bei eurem nächsten Wall-Spaziergang einmal darauf, ob Gauß und Weber eventuell noch eine Bierflasche in der Hand halten. Das Highlight der Themenführung ist natürlich die historische Sternwarte, in der Gauß viele Jahre geforscht und gelebt hat. Als geführte Gruppe können wir hinein gehen. Wir bewundern das Gebäude und sein teilweise erhaltenes Instrumentarium von innen und außen. Büsten von berühmten Wissenschaftlern, Wandbemalung und die frisch restaurierte Kuppel mit dem funktionstüchtigen Teleskop erwarten und begeistern uns.

Die Vermessung der Welt

Geschichtsträchtiger Ort: Die historische Sternwarte. Foto: Felix Koslowski

Wunderbar restauriert: Die Kuppel der Sternwarte. Foto: Felix Koslowski

Eine Führung, die vom Leben eines berühmten Menschen erzählt, geht leider auch irgendwann einmal zu Ende. Wir beenden unsere Tour am Grab von Carl Friedrich Gauß. Unser Gästeführer schließt den Rundgang souverän ab und beantwortet alle Fragen, die noch offen geblieben sind. Es sind nicht sehr viele, da wir wirklich gut mit Informationen versorgt worden sind, auf diesem schönen Gang durch die Geschichte. Ich frage noch, wie realistisch denn der Beststeller „Die Vermessung der Welt“ geschrieben ist. Die Antwort kommt prompt: „Das Buch hat sich etliche Freiheiten erlaubt und Dinge falsch dargestellt.“ Der Autor ist, wie ich von unserem Guide erfahre, noch nicht einmal zur Recherche nach Göttingen gekommen.

Regelmäßige Gauß-Rundgänge

Der Kreis schließt sich: Der geführte Rundgang endet an Gauß‘ Grabstätte. Foto: Felix Koslowski

Wer also mehr über das Leben von Gauß und seine mit Göttingen verflochtene Geschichte erfahren möchte, für den führt kein Weg an dieser Themenführung vorbei. Ich habe sehr viel gelernt und mich keine Sekunde gelangweilt. Göttingen Tourismus bietet die Gauß-Rundgänge regelmäßig an jedem zweiten Sonntag im Monat an. Die nächsten Termine sind am 9. Juni, 14. Juli und 11. August, die Führungen starten jeweils um 11 Uhr vor der Tourist Information am Alten Rathaus. Hier gibt es auch die Tickets. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, empfehle ich, rechtzeitig Karten zu kaufen. Die Anmeldung ist unter Telefon (05 51) 4 99 80-31 möglich.

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