Göttingen „für umme“

Städtetrips sind ja meistens mit einigen Ausgaben verbunden: Übernachtung, Eintrittsgelder für Museen oder Freizeitparks, Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel und schließlich auch für lecker Essen und Trinken. Allerdings gibt es in jeder Stadt auch schöne Dinge, die gar nichts kosten. Göttingen bildet da keine Ausnahme. Ich habe mich für euch in der Stadt nach Aktivitäten umgesehen, die den Geldbeutel absolut nicht belasten. Zehn davon stelle ich euch in meinem Blog heute vor. Göttingen „für umme“ sozusagen.

Panoramablick aus der Kantine

Herrliches Panorama: der Ausblick aus der Kantine des Neuen Rathauses. Foto: Christoph Mischke

Speziell für Touristen ist es sinnvoll, sich beim Besuch einer Stadt erst einmal einen Überblick zu verschaffen. In Göttingen ist das gut aus der Kantine des Neuen Rathauses am Hiroshimaplatz möglich. Im 16. Obergeschoss, das leicht mit einem der vier Fahrstühle zu erreichen ist, bietet sich ein wunderbares Panorama von Südosten bis Nordosten. Je nach Wetterlage reicht der Blick weit über die vom Wall umsäumte Altstadt hinaus ins Leinetal oder über den Hainberg. Die Kantine ist während der regulären Öffnungszeiten des Rathauses zugänglich. Angenehmer Nebeneffekt: Wer montags bis donnerstags zwischen 12 und 14 Uhr oder freitags zwischen 12 und 13.30 Uhr kommt, kann hier auch gleich ein leckeres Mittagessen mit Ausblick genießen. Das muss dann allerdings bezahlt werden.

Laser-Nachrichten entschlüsseln

Verschlüsselt: der Gauß-Laser sendet seine Botschaften jeden Abend. Foto: Christoph Mischke

Schräg gegenüber vom Neuen Rathaus steht die historische Sternwarte. Auf ihre Fassade schickt ein grüner Laserstrahl, der auf dem Dach der Volksbank installiert ist, Abend für Abend verschlüsselte Botschaften. Ebenso in entgegengesetzter Richtung zum Nordturm der Johanniskirche. Der Lichtstrahl folgt dabei der Route, die Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber 1833 für ihren ersten elektromagnetischen Telegrafen verwendet hatten. Der moderne Nachfahre nutzt genau den Code, den auch schon Gauss und Weber benutzt haben. Es macht echt Spaß, den grünen Lichtstrahl zu beobachten und zu versuchen, den Satz zu entschlüsseln. Die Auflösung gibt es auf der Homepage des Measurement Valley, dem Firmenverbund, der den Laser 2007 installiert hat. Die Leuchtzeiten des Lasers, die Codierungstabelle zum Entschlüsseln der Nachrichten und weitere Infos zum Gauß-Laser findet ihr unter: https://www.measurement-valley.de/leben-im-measurement-valley/stadtgeschichten/gauss-weber-telegraf/

 Cat Stevens von der Hauswand

Digital gesteuert: Das Glockenspiel an der Langen Geismarstraße. Foto: Christoph Mischke

Wer nicht genau hinschaut, bemerkt es gar nicht. Es sei denn, es ist gerade 11, 12, 16 oder 17 Uhr. Denn dann beginnt das Glockenspiel an der Fassade des Hauses Lange Geismarstraße 44 mit seinen Melodien und viele bleiben stehen und schauen nach oben. Vor allem die Kinder wollen unbedingt zuhören und manche Mama hat ihre liebe Not den Nachwuchs zum Weitergehen zu bewegen. Jeweils für einige Minuten spielen die 12 digital gesteuerten Glocken vorwiegend Volks- und Wanderlieder wie „Freut euch des Lebens“ oder „Wenn alle Brünnlein fließen“. Mitunter schallt aber auch „Morning has broken“ von Cat Stevens durch die Straßen. Bei 40 Titeln auf der Festplatte könnt ihr euch ja einmal überraschen lassen.

Vier Kirchen auf einen Blick

Unscheinbare Bronzeplatte: der Vier-Kirchen-Blick. Foto: Christoph Mischke

Nur ein paar Meter weiter, an der Ecke Marktplatz/Kornmarkt, ist eine eher unscheinbare Bronzeplatte ins Straßenpflaster eingelassen – der Vier-Kirchen-Blick. Wer sich auf die Platte stellt, kann von dort, wer hätte es gedacht, vier der sieben Innenstadt-Kirchen sehen. Im Süden St. Michael, im Westen St. Johannis, im Norden St. Jacobi und im Osten St. Albani. Das funktioniert an besonderen Tagen im Jahr sogar nachts. Auf dem Dach des Eckhauses wurde im Dezember 2017 eine Laseranlage installiert, die an rund 25 Feier- und Gedenktagen in Betrieb ist. Nach Einbruch der Dunkelheit, rund eine Stunde nach Sonnenuntergang, strahlen vier blaue Laser die Kirchen an. Für alle, die das einmal erleben möchten, hier die Betriebstage der Laser-Installation auf einen Blick: Neujahr, Nacht des Wissens, Ostersonntag und -montag, Eröffnung der Händelfestspiele, Christi Himmelfahrt, Pfingstsonntag und -montag, Gedenktage aus Anlass des Kriegsendes und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, Fronleichnam, Tag des offenen Denkmals, Tag der Deutschen Einheit, Erntedankfest, Reformationstag, Allerheiligen, Novemberpogrome und Mauerfall am 9. November, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, 1. Advent, 2. Advent, 3. Advent, 4. Advent, Heiligabend, 1. Weihnachtstag und Silvester. Ach ja, alle Gotteshäuser sind übrigens, genau wie die von hier nicht sichtbaren St. Nikolai, St. Marien und die Evangelisch-Reformierte Kirche, einen Besuch wert.

Spaziergang durch das Sonnensystem

Zu Fuß ins Orbit: der Göttinger Planetenweg (hier der Saturn). Foto: Christoph Mischke

In unserer „Stadt, die Wissen schafft“ ist es sogar möglich, das Sonnensystem zu Fuß zu erkunden. Im September 2003 wurde der Göttinger Planetenweg (http://www.planetarium-goettingen.de/Planetenweg/) eröffnet. Die mannshohen Bronzestelen, von denen jede einem Planeten gewidmet ist, hat der Göttinger Künstler und Spieleautor Reinhold Wittig gestaltet. Sie sind für sich alleine schon ein echter Hingucker und machen die Entfernungen der Planeten zur Sonne und zueinander im Maßstab 1:2 Milliarden anschaulich erlebbar. Ausgehend von der Sonnen-Stele, die in der Goethe-Allee vor dem Hotel Gebhards steht, führt der Weg durch die Göttinger Innenstadt (Merkur, Venus, Erde, Mars und Jupiter), zum Deutschen Theater (Saturn) und über den Eichendorff-Platz (Uranus) weiter bis zur Herzberger Landstraße (Neptun). In der Nähe des Bismarckturms im Göttinger Stadtwald weist eine Tafel in kurzen Worten auf den Pluto hin. Der 2006 zum Zwergplaneten herabgestufte Pluto erhielt im Jahr 2015 eine neue Bronzetafel am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung auf dem Uni-Nordcampus – natürlich auch im maßstabsgerechten Abstand von der Sonne und den acht Planeten des Planetenwegs. All denen, die ein wenig Bewegung nicht scheuen: viel Spaß im Orbit.

 Schief oder gerade?

Optische Täuschung: Die Säulen von St. Jacobi verwirren das Auge. Foto: Christoph Mischke

Wenn ihr Lust auf optische Täuschungen habt, solltet ihr unbedingt die Jacobikirche besuchen, die ihr ja schon vom Vier-Kirchen-Blick aus gesehen habt. Die rot-weiß-graue Bemalung der Säulen im Mittelschiff spielt den Augen der Besucher nämlich einen gehörigen Streich. Obwohl kerzengerade, scheint es dem Betrachter, als seien sie schief und würden, je nach Blickwinkel, nach oben oder unten dicker oder dünner werden. Wer jetzt glaubt, das sei modischer Schnickschnack, der irrt. Bei der Bemalung handelt es sich um die Rekonstruktion des Farben- und Formenspiels aus dem 15. Jahrhundert. Italienische Künstler hatten in jener Zeit erstmals entdeckt, wie sie auf einer zweidimensionalen Fläche so malen konnten, dass die Motive räumlich wirkten. So zeigt die wuchtige Säule rechts neben dem Eingang eine Würfelbemalung. Bei längerer Betrachtung dieser dreidimensionalen Darstellung wechselt die Wahrnehmungsperspektive immer wieder zwischen den Ansichten „von unten“ beziehungsweise „von oben“. Probiert es einmal selbst aus, es ist faszinierend.

Tropen und Titanwurz

Besuchermagnet: Die Titanwurz blühte im März 2018. Foto: Christoph Mischke

Ok, das Foto oben ist etwas irreführend. Amorphophallus Titanum blüht derzeit nicht im Alten Botanischen Garten. Das Bild ist am 3. März 2018 entstanden, als die Titanwurz nach wochenlanger Wachstumsphase zum ersten Mal überhaupt in Göttingen ihre stinkende Blüte öffnete und Tausende Menschen ins Cycadeenhaus lockte. Mal sehen, wann es wieder soweit ist, denn einige Knollen der auf Sumatra beheimateten Pflanze liegen noch in riesigen Kübeln. Der Botanische Garten ist aber auch ohne dieses medienwirksame Ereignis zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Im Frühling und Sommer lädt eine vielfältige Blütenpracht zum ausgedehnten Spaziergang ein. Zahlreiche Bänke bieten Rast- und Ruhemöglichkeiten inmitten der üppigen Vegetation und den Teichen, in denen sich Frösche und Molche tummeln. In den kühleren Monaten könnt ihr euch an sattem Grün und farbenprächtigen Blüten in den historischen Gewächshäusern erfreuen. Brillenträger und Fotografen seien bei Frost vorgewarnt: Die tropischen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit werden euch spätestens im Cycadeenhaus der Sicht berauben, aber das geht vorbei.

Ehrung von Nobelpreisträgern

Ehrung für Geistesgrößen: das Nobell-Rondell auf dem Göttinger Stadtfriedhof. Foto: Christoph Mischke

Der Name der Stadt Göttingen ist – einmal von Stockholm abgesehen –wie kaum ein anderer in Europa mit dem Nobelpreis verbunden. Unter den zahlreichen Persönlichkeiten, die in den vergangenen 100 Jahren mit dem wohl bekanntesten Forschungspreis geehrt wurden, befinden sich allein 45 Preisträger, deren Lebensläufe mit der Wissenschaftsstadt Göttingen verknüpft sind. Acht der Geistesgrößen liegen auf dem Stadtfriedhof an der Weender Landstraße begraben. Ihnen zu Ehren ist im südlichen Teil des Friedhofes das sogenannte Nobel-Rondell errichtet worden. Damit soll der Wissenschaftler und Nobelpreisträger Otto Wallach (Nobelpreis für Chemie 1910), Max Planck ( Nobelpreis für Physik 1918), Walther Nernst (Nobelpreis für Chemie 1920), Richard Zsigmondy (Nobelpreis für Chemie 1925), Adolf Windaus (Nobelpreis für Chemie 1928), Max von Laue (Nobelpreis für Physik 1914), Otto Hahn (Nobelpreis für Chemie 1944) und Max Born (Nobelpreis für Physik 1954) gedacht werden. Der Stadtfriedhof ist mit den Buslinien 31, 32, 61, und 62 zu erreichen. Ein Parkplatz befindet sich an der Jheringstraße. Der Weg zum Rondell ist ausgeschildert.

Kultur im ehemaligen Leichenhaus

Temporär: Reinhold Wittig während seiner Ausstellung in der Torhaus-Galerie. Foto: Christoph Mischke

Einmal auf dem Stadtfriedhof angelangt, kann ich jedem nur raten, die Torhaus-Galerie, die sich nur wenige Gehminuten vom Nobel-Rondell entfernt befindet, zu besuchen. Das östliche Torhaus, das 1881 ursprünglich als Leichenhaus errichtet wurde, diente zwischenzeitlich als Kapelle, als Verwaltungsgebäude und als Blumenladen. Von morbidem Charme ist allerdings nichts mehr zu spüren. Der temporäre Veranstaltungsort ist aus der Göttinger Kulturszene nicht mehr wegzudenken. Kunstausstellungen, Lesungen und Konzerte unterschiedlichster Genres werden in dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude veranstaltet. Zu Ausstellungszeiten ist die Galerie freitags bis sonntags jeweils von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Für Gruppen ist die Torhaus-Galerie nach Absprache unter 0551/400-5210 oder 5216 auch zu anderen Terminen zugänglich.

Gestreifter Wildschwein-Nachwuchs

Bei Groß und Klein beliebt: Frischlinge im Wildgehege am Kehr. Foto: Christoph Mischke

Mein letzter Tipp hat nun wirklich Tradition: das Wildgehege am Kehr. So lange ich denken kann, besuche ich regelmäßig die Wildschweine und das Damwild oben im Göttinger Stadtwald in der Nähe des Bismarck-Turms. Schon als Kind nahm mich mein Vater mit hier hoch, um mir den stattlichen Keiler Moritz zu zeigen. Der lebt zwar schon lange nicht mehr, aber die 20 bis 30 Wildschweine und rund 50 Stück Damwild, die heute hier leben, erfreuen die Besucher nach wie vor. Vor allem im Frühjahr, wenn der Wildschwein-Nachwuchs durch das Areal tobt, herrscht hier am Wochenende Hochbetrieb. Familien mit ihren Kindern lieben es, die fröhlich quiekenden gestreiften Frischlinge aus der Nähe zu beobachten. Das Damwild ist so zahm, dass es sich von den jungen Besuchern gerne an den Zaun locken lässt, um ein frisches Grasbüschel vorsichtig aus der Hand zu fressen. Zahlreiche Spaziergänger, Wanderer, Jogger und Reiter nutzen den Kehr zu jeder Jahreszeit für ihre Freizeitaktivitäten, um sich im Anschluss bei rustikalen Speisen und Getränken im benachbarten Biergarten zu stärken.

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