Göttingens Turmbläser auf St. Johannis

Es ist Sonnabend und es herrscht das übliche Gewusel in der City rund um das Alte Rathaus. Menschen bummeln mit Einkaufstaschen durch die Straßen. Viele haben es sich auf den Bänken am Markt oder am Gänseliesel-Brunnen bequem gemacht. Schlag 11 Uhr verändert sich die Haltung. Köpfe drehen sich nach oben, suchende Blicke wandern über den Marktplatz. Meist ruft dann irgendjemand: „ Da oben, auf dem Turm“. Gemeint ist der Nordturm von St. Johannis, denn dort kommt die Musik der Göttinger Turmbläser her – an jedem Sonnabend, schon seit fast 27 Jahren. Begonnen hat es am 31. Oktober 1992, als Marten Bock hoch über den Dächern der Stadt erstmals seine Trompete erschallen ließ. Ich wollte mehr über die Musiker und ihr Tun erfahren und habe sie auf den Kirchturm begleitet.

Acht Bläser auf dem Turm

Spielen keinen Rock’n’Roll (v. l.): Martin Begemann, Axel Kerschnitzki, Jonas Künhold, Marten Bock, Daniel Riemer, Nikolai Schmidt-Ott, Cornelia Schmidt-Ott und Christian Krause-Gründel. Foto: Christoph Mischke

Es ist der 13. April, 10.45 Uhr, eine Gruppe Musiker um Initiator Marten Bock trifft sich am Eingang zum Turm. Es ist kalt, das Thermometer zeigt 3 Grad Celsius, ein Wintereinbruch hat Göttingen ereilt. Vor zwei Stunden hat es noch heftig gegraupelt, jetzt kommt die Sonne durch –Aprilwetter halt. Gut, dass ich an meine Mütze gedacht habe, denn oben ist es sicher auch nicht wärmer. „Die Zahl der Mitspieler schwankt meist zwischen fünf und acht“, sagt Marten Bock, „wir waren allerdings auch schon einmal mit 14 Musikern oben.“ Acht Instrumentalisten sind es auch heute: Cornelia Schmidt-Ott, ihr Ehemann Nikolai Schmidt-Ott, Axel Kerschnitzki, Martin Begemann, Daniel Riemer, Christian Krause-Gründel, Marten Bock und Jonas Künhold. Jonas spielt eigentlich kein Instrument ist aber trotzdem seit Jahren dabei. Er arbeitet bei den Göttinger Werkstätten und hilft in seiner Freizeit gerne dem Küster von St. Jacobi. Weil er bei der Mittagsmusik, die dort an den Sonnabenden gespielt wird, ab und zu die Altarglocken läutet, nennt er sich scherzhaft gerne „Der Glöckner von St. Jacobi“. Heute wird er die Turmbläser ein wenig dirigieren.

Mit der Tuba über die Wendeltreppe

Spielort in 60 Metern Höhe: der Nordturm der St. Johannis-Kirche. Foto: Christoph Mischke

Eigenes Emblem: die „Göttinger Stadtpfeifer St. Johannis St. Jacobi“. Foto: Christoph Mischke

Uns steht ein steiler Aufstieg bevor. Ich frage nach der Stufenzahl, die Antworten schwanken zwischen 247 und 265 Stufen. Meine nachträgliche Recherche ergibt: es sind 238 Stufen bis zur Galerie in knapp 60 Metern Höhe. Ist aber auch wurscht, so oder so ist der Aufstieg nicht ohne. Zuerst geht es über die enge Sandstein-Wendeltreppe, nicht ganz einfach mit einer Tuba auf dem Rücken, wie sie Nikolai Schmidt-Ott trägt. Dann geht es weiter über diverse hölzerne Treppen und Stiegen, vorbei an verkohlten Relikten des Kirchturmbrands im Jahr 2005. Meine Waden beginnen auf halber Höhe zu zwicken, aber dafür ist mir jetzt warm. In der ehemaligen Türmerwohnung, die heute als Kapelle dient, angekommen, packen die Musiker, die sich neuerdings „Göttinger Stadtpfeifer“ nennen und entsprechende Buttons tragen, ihre Instrumente aus und spielen sich ein wenig ein. Ich genieße derweil die grandiose Aussicht, obwohl sich das Wetter für Fotos eher suboptimal eignet. Ich verstehe natürlich die Sicherheitsaspekte, die das engmaschige Eisengitter notwendig machen, aber mein Fotografenherz überlegt schon, wie es das optisch austricksen kann.

Schlag 11 Uhr geht es los

Grandiose Aussicht: Das Alte Rathaus mit Blick über die Oststadt. Foto: Christoph Mischke

In der Kapelle: Ein kurzes Einspielen gehört zum Ablauf. Foto: Christoph Mischke

„Wir spielen meist sechs bis acht Stücke mit zwei bis drei Strophen aus dem Posaunen-Choralbuch zum Evangelischen Gesangbuch“, berichtet Martin Begemann, dem die Verkündigung des christlichen Glaubens wichtig ist. „In unserem inklusiven Ensemble haben wir alle Freude am Musizieren und es herrscht ein sehr schönes Gemeinschaftsgefühl.“ Pünktlich nach dem letzten 11-Uhr-Glockenschlag vom benachbarten Süd-Turm geht es los. „Eine feste Burg ist unser Gott“ schallt aus sieben Blechblasinstrumenten über die Stadt. Unten sieht man bereits, wie sich die ersten Köpfe drehen und versuchen die Herkunft der Melodie zu orten. So dicht dran erzeugt der Klang der Blechbläser schon ordentlich Druck. Muss er ja auch, damit die City-Bummler ihre Freude daran haben können. Die Notenbücher liegen auf kleinen hölzernen Notenständern, bunte Wäscheklammern verhindern, dass der Wind die Seiten umschlägt. Während die Musiker Stück um Stück vom Turm schmettern hat Jonas seinen Spaß daran, die muntere Truppe zu dirigieren. Mit „Wachet auf ruft uns die Stimme“ ertönt nach rund zwanzig Minuten bereits das letzte Stück. Die Musiker packen ihre Instrumente ein und rufen zum Abstieg. Die meisten von ihnen spielen im Anschluss noch bei der Mittagsmusik in der Jacobikirche und Jonas geht natürlich mit. Die Altarglocken warten quasi schon auf ihn.

Irritierte Blicke der Passanten

Tradition: Jeden Sonnabend spielen die Turmbläser für die Passanten. Foto: Christoph Mischke

Ohne Dirigent geht es nicht: Jonas Künhold hat Freude. Foto: Christoph Mischke

Cornelia Schmidt-Ott ist eine von fünf Frauen, die regelmäßig bei den Konzerten mitspielen. „Ich liebe das gemeinsame Musizieren mit meinen Kollegen“, sagt sie am Fuß des Turms angekommen, „das sind alles ganz tolle Menschen.“ Einmal war sie etwas zu spät am Turm, die Tür war schon wieder zu, die Musiker bereits oben. Sie entschloss sich, das Konzert auch einmal von unten zu hören. Dabei sind auch ihr die irritierten Blicke der Passanten aufgefallen, als die Musik begann. Christian Krause-Gründel sagt: „Ich kenne viele Menschen aus dem Umland, die ihren Einkaufsbummel am Sonnabend so planen, dass sie zwischen 11 und 11.30 Uhr im Hörbereich von St. Johannis sind und das Konzert genießen können.“

„Ich spiele Tröte“

An der „Tröte“: Marten Bock spielt sich am Flügelhorn ein. Foto: Christoph Mischke

Marten Bock ist der Initiator der Göttinger Turm-Konzerte. Im echten Leben ist Bock Polizeioberkommissar beim 3. Fachkommissariat der Polizeiinspektion Göttingen, das sich unter anderem mit Betrugs- und Wirtschaftskriminalitätsdelikten befasst. Am 1. Oktober vergangenen Jahres beging er dort sein 40-jähriges Dienstjubiläum. „Mit 10 Jahren bin ich in den Posaunenchor Grone eingetreten und dort hängengeblieben“, berichtet er. Auch seine heutigen Mitspieler haben alle in Instrumental-Ensembles gespielt oder tun es heute noch. „Ich spiele ausschließlich Tröte“, sagt er lachend und meint damit Trompete und Flügelhorn. Laien wie ich können die beiden Instrumente kaum auseinanderhalten. „Das Flügelhorn ist größer mensuiert“, erklärt mir der Polizist, „es besitzt damit ein kräftigeres Klangvolumen als die Trompete und ist besser vom Turm zu hören.“

Dankbarkeit als Motivation

Im echten Leben Polizist: Marten Bock an seinem Arbeitsplatz. Foto: Christoph Mischke

Natürlich möchte ich erfahren, was einen Polizisten dazu bewegt auf einem Kirchturm für die Menschen zu spielen. Der Grund liegt in seinem persönlichen Schicksal und beeindruckt mich sehr. Zwischen 1986 und 1991 hat Marten Bock eine sehr schwere Krankheit durchlitten und nach diversen Krankenhausaufenthalten und Operationen schlussendlich überstanden. „Mit meinem Spiel möchte ich meine Dankbarkeit darüber zum Ausdruck bringen, dass ich diese schwere Krankheit überlebt habe“, sagt er, „und das kann ich am besten mit Musik.“ Als er 1992 im Göttinger Tageblatt einen Bericht über Turmbläser in Celle und Lüneburg las, kam ihm die Idee so etwas auch in Göttingen zu machen. Seine Anregung wurde in der Kirchengemeinde St. Johannis mit offenen Ohren aufgenommen und er bekam das Einverständnis. Auch die Stadtverwaltung hatte nichts dagegen einzuwenden und gab ebenfalls ihr Okay. So spielte Göttingens erster Turmbläser am 31. Oktober 1992, am Reformationstag, sein erstes Konzert auf dem Nordturm der Johanniskirche.

20 Jahre lang alleine gespielt

Selfie mit Tuba: Auch für den Fotografen gibt es reizvolle Motive. Foto Christoph Mischke

„Damals wohnten noch Studenten im Turm“, erinnert sich der 56-Jährige, „aber ich musste denen nicht durchs Wohnzimmer laufen, denn die Galerie besaß einen eigenen Zugang.“ Über 20 Jahre lang hat er dort Sonnabend für Sonnabend alleine gespielt, bei Wind und Wetter. „Durch die Überdachung bin ich dort oben völlig wetterunabhängig, gleich ob es regnet oder schneit. Ich kann mich ja rundum zur jeweils windabgewandten Seite orientieren.“ In den zwei Dekaden, die er solo gespielt hat, hat er natürlich auch das eine oder andere erlebt.

Benjamin spielt Turmblasen nach

Dicke Backen: Axel Kerschnitzki an der Trompete. Foto: Christoph Mischke

Liebevolles Detail: Notenbüchlein mit Wäscheklammern. Foto: Christoph Mischke

„Eines Tages“, erinnert sich Bock, „stand der vierjährige Benjamin mit seinem Vater vor der Turmtür.“ Die beiden hatten den Trompeter schon ein paarmal spielen gehört und der kleine Bub wollte unbedingt mit hinauf. Keine Frage: Er durfte und kam jede Woche wieder. „Der Kleine schaute sich jedes Detail genau an, wie ich das Instrument auspacke, den Notenständer aufstelle, wie ich spiele, einfach alles“, berichtet er. Benjamin beschloss, Trompete zu lernen, seine Eltern erlaubten es ihm und er bekam Unterricht. Nach einem Jahr, der Junge war inzwischen fünf, wollte er oben auf dem Turm mitspielen und auch das durfte er. „Wir haben ihm einen Stuhl auf die Galerie gestellt, auf dem er spielte, damit er über die Brüstung schauen konnte.“ Im Nachhinein erfuhr Bock, dass eines Sonntagsmorgens Trompetenklänge durch die Siedlung, in der Benjamins Familie wohnte, schallten. „Der Sohnemann stand in aller Herrgottsfrüh auf dem Balkon und spielte mein Turmblasen nach, was seine Eltern aber fix unterbunden haben“, sagt Bock lachend.

Autogramm von Maurice André

Tiefer Zug: Martin Begemann spielt Posaune. Foto Christoph Mischke

Heute die einzige Frau: Cornelia Schmidt-Ott an der Trompete. Foto: Christoph Mischke

So ist das nun einmal mit Vorbildern. Auch Bock hat ein großes musikalisches Vorbild, den 2012 verstorbenen französischen Trompeter Maurice André. „Ihn habe ich in den Siebzigerjahren sogar in St. Johannis während eines Konzertes erlebt und das war wunderbar“, erzählt der Polizist voller Begeisterung. Auf dem Heimweg traf er den Meister dann sogar noch persönlich, der gerade auf dem Weg in die Junkernschänke zum Essen war. „Ich habe mir von ihm ein Autogramm geben lassen, und das habe ich heute noch.“ Im Lauf der Jahre hat Bock noch viele Konzerte des Trompetenkünstlers in ganz Deutschland gehört. „Wir sind ihm tatsächlich nachgereist“, berichtet er.

Urkunde als Dank

Früher solo, jetzt in der Gruppe: Initiator Marten Bock. Foto: Christoph Mischke

2014 hatte das Solo-Musizieren auf dem Turm ein Ende und es kamen weitere Musiker hinzu. „Irgendwie hat es eine gewisse Eigendynamik entwickelt“, sagt Bock, „vielleicht war es Mundpropaganda, ich weiß es nicht, jedenfalls kamen immer mehr Mitspieler dazu und darüber habe ich mich sehr gefreut. Es sind Studenten dabei, eine Ökotrophologin, Ärzte und drei Polizisten, alles ganz normale Berufe.“ Die Gruppe stimmt sich in einer eigenen WhatsApp-Gruppe ab. „Aber manchmal weiß ich auch nicht genau, wer um 10.45 Uhr am Treffpunkt erscheint.“ Bock berichtet mir von einem wunderbaren Miteinander. Viele Musikerkollegen sind konstant dabei. Nicht immer alle, aber die Gruppe ist jeden Sonnabend im Schnitt mit fünf bis acht Musikern auf dem Turm und spielt vorwiegend Liedvorschläge aus der Herrnhuter Losung, die sich am Kirchenjahr orientieren. „Ich habe dort seitdem nie wieder alleine gespielt“, sagt Bock. Am 31. Oktober 2017 bedankte sich Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler bei ihm mit einer Urkunde für Bocks 25-jähriges Turmblas-Engagement. Ich persönlich freue mich, und das sehen die Göttinger sicher genauso, auf viele weitere Konzerte vom Johannis-Kirchturm – immer sonnabends, immer um 11 Uhr.

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