„Klettern kann jeder…“

1300 Quadratmeter Innen- und Außen-Seilkletterfläche und 450 Quadratmeter Boulderfläche auf drei Ebenen – gute Bedingungen für ambitionierte Sportkletterer sowie für neugierige Klettereinsteiger gleichermaßen. Seit 2006 betreibt der Hochschulsport Göttingen das Roxx-Kletterzentrum an der Gutenbergstraße. Weil Klettern zunehmend im Trend liegt, habe ich mich für euch dort umgesehen und mit Roxx-Leiter Sven Frings gesprochen.


Das Roxx-Kletterzentrum an der Gutenbergstraße. Foto: Christoph Mischke

Faszination, Staunen und Respekt

Faszinierend: 14 Meter hohe Kletterwände. Foto: Christoph Mischke

Während ich auf den Leiter des Kletterzentrums warte, schaue ich durch die Glastür in die Kletterhalle. Der Anblick der elf bis 14 Meter hohen Kletterwände erzeugt bei mir eine Mischung aus Faszination, Staunen und Respekt. Was bei der ersten flüchtigen Betrachtung wie ein verwirrendes, buntes Mosaik wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ausgeklügeltes System verschiedenfarbiger Griffe und Tritte in den seltsamsten Formen. Doch dazu später mehr. Sven erscheint: 42 Jahre alt, kariertes Hemd, durchtrainiert, die Haare zum Top-Knot gebunden und einen Kopf größer als ich. Er begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln und einem Händedruck, der an einen Schraubstock erinnert. Ich lasse mir nichts anmerken und lächele zurück.

Die Komfortzone gefahrlos verlassen

Gute Bedingungen: 1300 Quadratmeter Kletterfläche. Foto: Christoph Mischke

„Klettern kann jeder“, antwortet Sven, der selbst seit 25 Jahren klettert, auf meine Frage. Klettern ist inzwischen Breitensport und im Roxx gehen große und kleine Menschen, dicke und dünne, junge und alte und Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ihrem Hobby nach. „Für viele unserer Gäste ist das Klettern mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung, es ist ein Lebensgefühl“, weiß Sven. Ich bin ja mehr so die sportliche Amöbe und möchte gerne wissen, was denn den Reiz des Kletterns ausmacht. Für Sven selbst bedeutet es auf jeden Fall Spaß und die Herausforderung mit Kraft und Ausdauer hausieren zu müssen. Das Fokussieren auf das eigene Handeln ist für ihn mental das Reizvollste. Er nennt es: das Rudimentäre in der digitalisierten Welt. „Wir leben doch in einer absolut sicheren Gesellschaft“, befindet er, „für viele ist das Aufstehen und die Fahrt zur Arbeit doch schon das Gefährlichste in ihrem Leben.“ Hier genau steckt für ihn und die meisten Kletterfreunde der Reiz einmal vom gesicherten Boden wegzukommen und die eigene Komfortzone relativ einfach und gefahrlos zu verlassen. Und das auch noch in einer entspannten, fast meditativen Art und Weise. Sven vergleicht die ruhigen Bewegungsabläufe mit denen des Tanzes.

Klettern ist ein sicherer Sport

Eine von zwei Seil-Varianten: das Vorstiegsklettern. Foto: Christoph Mischke

Natürlich soll das nicht heißen, dass die Liebhaber des Kletterns lebensmüde Adrenalinjunkies sind – im Gegenteil. „Klettern kann man nicht mal so nebenbei erledigen“, versichert Sven, „eine Tour stellt dich vor Probleme, da musst du voll auf dich und deine Route fokussiert sein. Klettern ist auch nicht per se gefährlich. Natürlich gehst du ein gewisses Risiko ein, denn der Körper verträgt eben keinen Sturz aus acht Metern Höhe. Trotzdem ist Klettern ein sicherer Sport.“ Die Sicherheit wird im Roxx extrem groß geschrieben. Wer hier am Seil in die Höhe steigen will, der muss sicher sichern und das auch nachweisen können – ohne Ausnahme. Wer es noch nicht beherrscht, kann im Roxx vorab entsprechende Kurse besuchen. „Wir kommunizieren das hier auch ganz klar“, sagt Sven höflich aber bestimmt, „wer mit unserer offenen Ansprache und unseren Hinweisen auf Fehler nicht zurechtkommt, der sollte lieber wieder gehen.“ Seine deutlichen Worte sind sicher auch einer von vielen Sicherheitsaspekten, die dafür gesorgt haben, dass es in knapp 14 Jahren Roxx nur vier glimpflich verlaufene Unfälle gegeben hat. „Zuerst müssen sich die Sportler bewusst machen, mit wem sie klettern und von wem sie sich sichern lassen wollen, denn“, so Sven, „der Partnercheck, der eigentlich das gegenseitige Überprüfen der Sicherungseinrichtungen beinhaltet, fängt schon vor der Halle an.“

Konzentrierte Atmosphäre

100 Prozent Vertrauen: Das Sichern ist verpflichtend. Foto: Christoph Mischke

Ausrüstung: Klettergurt, Seil, Karabiner, Magnesia-Säckchen. Foto: Christoph Mischke

Sven muss kurz telefonieren und ich beobachte, während ich ein paar Detailfotos mache, das bunte Treiben um mich herum. Es ist kurz nach 11 Uhr am späten Vormittag. Acht Zweier-Teams und diverse Boulderer tummeln sich in der Halle. Ich dachte nicht, dass hier um diese Zeit schon so viel los ist. Trotzdem ist noch reichlich Platz an den Kletter- und Boulderwänden. Es geht auffallend konzentriert und ruhig zu. Manche bereiten sich mit Dehnübungen auf ihre Tour vor, der eine oder andere taped sich die Fingergelenke. Kein Gebrüll ist zu hören, trotz der großen Höhenunterschiede zwischen Kletterer und Sicherungspartner. Ich höre ruhig gesprochenen Worte, Satzfetzen und kurze, klare Hinweise oder Kommandos. Ich vernehme das leise Rauschen der Seile, zwischendurch das metallische Klicken der Sicherungsvorrichtungen. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre und es wird viel gelacht.

Bouldern: der klassische Einstieg

Boulderbereich erneuert: Sven Frings bringt einen Griff an. Foto: Christoph Mischke

Sven ist zurück. „Für die meisten Menschen ist das Bouldern der klassische Einstieg zum Klettern mit dem Seil“, sagt er. Bouldern ist Klettern in Absprunghöhe, das heißt: bis zu 4,50 Meter Höhe – ohne Seil, ohne Karabiner, ohne Sicherung, aber über einer dicken Schaumstoffmatte. Hier lernt man nach Svens Worten sehr schnell neue Freunde und Gleichgesinnte kennen „Das ist so, als ob du mit einem Hund unterwegs bist. Du hast sofort ein gemeinsames Thema.“ Daran habe ich mit Blick auf die fröhlichen „Ohne-Seil-Kletterer“ überhaupt keinen Zweifel. Constantin bestätigt meinen Eindruck. Der 24-Jährige studiert Germanistik in Göttingen, bouldert seit vier Jahren und kommt während des Semesters ein- bis zweimal pro Woche ins Roxx. Bouldern ist für ihn der Sport, der den ganzen Körper fordert und nicht nur einzelne Muskelgruppen. „Es klingt vielleicht komisch“, sagt er, „aber es ist trotz der körperlichen Anstrengung für den Geist beruhigend, entspannend, ja, man kann es fast als Meditation bezeichnen.“ „Gerade haben wir im gesamten Boulderbereich sämtliche Schaumstoffmatten gegen neue ausgetauscht“, berichtet Sven. 30 Zentimeter sind sie dick und wurden auch mit neuen Bezügen versehen.

Toprope und Vorstieg

Atemberaubend: ein Blick aus der Froschperspektive. Foto: Christoph Mischke

„Beim Seilklettern“, erklärt mir Sven, „gibt es zwei Varianten, das Toprope und das Vorstiegsklettern. Beim Toprope ist das Sicherungsseil an dessen anderem Ende der Partner sichert, bereits oben, am Ende der Tour, eingehängt. Sollte der Kletterer abrutschen, wird er nach wenigen Zentimetern freien Falls vom Sicherungspartner am Seil aufgefangen. Beim Vorstiegsklettern ist das Seil nicht oben befestigt. Der Kletterer nimmt es mit und hängt es an vorgegebenen Punkten in die montierten Karabiner ein, deren Abstände sich nach oben vergrößern. Wer hier im oberen Bereich abrutscht, bevor er sich einklinken kann, fällt deutlich tiefer, bis er abgefangen wird. Sven vergleicht die Toprope-Klettervariante mit dem Krabbeln eines Babys und den „Vorstieg“ mit dem Laufen lernen eines Kleinkinds. „Denn wer aufsteht, der kann auch mal hinfallen.“

Stimmige Schwierigkeitsgrade

Wörtlich genommen: Die Routenschrauber sind sehr kreativ. Foto: Christoph Mischke

Schlüpfrig: Manche Routenbezeichnung erzeugt Kopf-Kino. Foto: Christoph Mischke

Im Roxx sind derzeit 177 unterschiedliche Touren möglich. Die einzelnen Routen werden vom Team des Hauses projektiert, selbst ausprobiert  und auch geschraubt – mit einer Halbwertzeit von rund fünf Monaten, dann werden sie erneuert. Einige Routenbauer haben sich mit kleinen Schildern, die mit ihrem Namen, dem Datum und meist ziemlich witzigen Routennamen versehen sind, an den Wänden verewigt. Sven erklärt mir, dass die Schwierigkeitsgrade grundsätzlich nicht normiert sind. „Es gibt zwar ein paar Kriterien wie die Wandneigung, die Anzahl der Tritte, die Griffanordnung, die Griffabstände sowie deren Form, die den Grad bestimmen, aber das ist eben in jeder Halle etwas anders.“ Grundsätzlich gilt: je höher die Zahl, desto schwieriger die Strecke. Allerdings sollten die Schwierigkeitsgrade für jede Halle stimmig sein. „Das heißt aber auch, dass ein Kletterer, der in Göttingen eine 8er-Tour schafft, eventuell in München an einer 6er-Tour scheitert.

PE oder PU: Griffe und Tritte

Farblich sortiert: Griffe und Tritte aus PE und PU. Foto: Christoph Mischke

Sven zeigt auf ein großes Holzregal in dem Griffe in den unterschiedlichsten Formen und Farben lagern. Einige sind aus Polyethylen (PE) gefertigt, andere aus Polyurethan (PU) hergestellt. PU ist leichter und besteht, zumindest hier im Roxx, aus bis zu 25 Prozent recycelten PET-Flaschen. Sein Nachteil: Es wird, nicht zuletzt weil die Kletterer Magnesia verwenden, recht schnell schmierig, verliert Grip und muss dann ausgetauscht werden. Dafür bricht es nicht so leicht wie PE. Als Beweis wirft Frings einen gelben, wurmförmigen Griff zu Bode. Tatsächlich, es stimmt, der Griff bleibt ganz.

Der 100-Prozent-Vertraute

Vertrauen: Viele Kletter-Partnerschaften halten schon über Jahre. Foto: Christoph Mischke

Das Roxx-Team bietet zahlreiche Kletterkurse an, die sich sowohl an Anfänger, als auch an erfahrene Kletterfans sowie Eltern mit ihren Kindern richten. Kinder dürfen sich ab acht Jahren im Rahmen von Kursen im Klettern versuchen. „Dann ist die emotionale Reife meist da“, sagt Sven. Auch hier gilt natürlich: Wer das Sichern noch nicht kann, der muss es erst lernen, auch als Elternteil. Das ist verpflichtend. „Denn“, gibt Sven zu bedenken, „alle sollen das Roxx fröhlich und vor allem gesund wieder verlassen.“ Frank (67) und Daniel (42) bilden seit 12 Jahren ein Kletterteam. Der Partner ist jeweils Ideen- und Tippgeber und der 100-Prozent-Vertraute, weil es schließlich um die Sicherung geht. Daniel sagt: „Da kann ich ruhig mal aus der Wand fallen, denn ich falle ja ins Seil.“ Frank gefällt vor allem das breite Spektrum im Roxx mit der Möglichkeit drinnen und draußen zu klettern. „Im Gegensatz zum Besuch im Fitness-Studio ist das hier sehr kreativ.“ Daniel reizt es besonders, dass er permanent Lösungen für eine Strecke finden muss. „Es ist die Herausforderung, etwas zu bezwingen, das man vorher nicht für möglich gehalten hätte.“

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