Klimashoppen – Göttingen genießt bewusst

Seit vielen Jahren mache ich Stadtführungen in Göttingen. Und oft nutze ich diesen Nebenjob als Pause bei meiner Arbeit im Energie- und Klimaschutz-Management der Stadt Göttingen. Ich radele dann schnell vom Neuen Rathaus zum Alten Rathaus und erfreue mich an meinem „bezahlten Hobby“ an der frischen Luft und führe interessierte und interessante Leute durch die Stadt. Und über noch etwas kann ich mich freuen: Meine zwei Jobs lassen sich wunderbar miteinander verknüpfen.

Seit einigen Jahren bieten wir vom Klimaschutz-Management der Stadtverwaltung vor allem während der jährlichen Klimaschutz-Tage Führungen im Bereich Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz an. Bei der heutigen Stadtführung zum Thema nachhaltigem Konsum habe ich mir allerdings Verstärkung von Benjamin Dörr von der Energieagentur Region Göttingen geholt, der dort mit dem Projekt „Klima shoppen“ klimafreundlichen Konsum in der Göttinger Innenstadt fördern möchte.

Nützliche Sachen im Klimaschutz-Paket (c) EARG

Das Projekt

Kurz ein paar Worte zum Projekt: Bisher konnte Benjamin Dörr 35 Läden oder Gastronomiebetriebe in der Innenstadt für sein Projekt gewinnen und erfreulicherweise werden es immer mehr. Ziel ist es, die vielseitigen Möglichkeiten für Konsument*innen aufzuzeigen, wie der alltägliche Einkauf oder Café-Besuch klimafreundlich gestaltet werden kann. Über die Göttinger Klima-Karte wird man für klimafreundlichen Konsum in Form eines Klimaschutz-Pakets und der Unterstützung eines Klimaschutz-Projekts belohnt. 16 Stempel müssen gesammelt werden, um ein Klimaschutz-Paket zu erhalten.

 

Oliven im Mehrwegbecher gibt es im Bioladen Burgstraße (c) EARG

Oliven im FairCup

Unsere Führung beginnt in der Burgstraße. Nur der Name der Straße erinnert noch an die Burg der Welfen, die bereits Mitte des 14. Jahrhunderts von den Göttinger Bürgern gestürmt und vollständig zerstört wurde. Bis auf ein kleines Mauerrestchen auf dem Pausenhof der Berufsbildenden Schulen am Ritterplan ist nichts mehr zu finden. Zurück in die Gegenwart. Wir schauen kurz in den Bioladen Burgstraße rein. Tony Hartwig und Andrea Rinas-Schmidt betreiben den Laden seit Ende April diesen Jahres und waren von der Idee der Klima-Karte sofort begeistert. Neben Obst, Gemüse und Backwaren findet man an der Frischetheke Antipasti, Käse und viele weitere Leckereien. Auffällig hierbei: Schalen aus Einwegplastik sucht man hier vergeblich.  „Unser Bioladen ist zwar kein klassischer Unverpackt-Laden, jedoch legen wir Wert auf Abfallvermeidung. Hat ein Kunde keinen eigenen Behälter dabei, packen wir die Antipasti in einen FairCup. Der muss zwar bezahlt werden, wir nehmen ihn aber beim nächsten Mal auch gerne wieder zurück.“, so die neuen Bioladenbetreiber*innen.

„Wer seinen eigenen Behälter mitbringt, bekommt einen Stempel“, erfahren wir von Benjamin. Tony Hartwig kommt mit einem großen Tablett voller überbackener Brötchen aus der Küche. Der ganze Trupp, wir sind insgesamt 18 Leute, langt zu und wir lassen es uns schmecken. „Ein belegtes Brötchen bekommen Sie zwar bei jedem Bäcker, aber nicht in Bioqualität“, erklärt Tony Hartwig. Auch eine Besonderheit in diesem Laden: Verstärkt wolle man sich in der Burgstraße auf vegetarische und vegane Snacks konzentrieren, die „mit ins Büro“ genommen werden können.

Auch Christian, der Praktikant der Energieagentur, ist mit von der Partie. Für jede Station hat er passende Quizfragen vorbereitet. Wer die Antwort kennt oder bei einer Schätzung richtig liegt, darf sich aus dem mitgebrachten Klimaschutz-Paket bedienen. Wollen Sie mitquizen? Dann finden Sie die Auflösung ganz unten. Hier im Bioladen geht es um das Thema Regionalität und Saisonalität am Beispiel von Spargel:

Frage 1: 1 kg saisonaler Spargel verursacht bei 100 km per LKW 19 Gramm transportbedingte Treibhausgase. Wieviel Gramm werden bei Spargel aus Peru (10.000 km per Flugzeug) freigesetzt?

a) 300 Gramm

b) 3.000 Gramm

c) 30.000 Gramm

Lisa, die hier in Göttingen Ökosystem-Management studiert, liegt mit ihrer Schätzung am nächsten. Sie greift in das Klimaschutz-Paket und freut sich über einen praktischen Baumwollbeutel, in den man zum Beispiel Obst und Gemüse oder andere Einkäufe packen kann und so eine Papier- oder Plastiktüte spart.

Nachhaltige Mode bei WOGGON (c) Christoph Mischke

Steinbögen, alte Bücher und nachhaltige Mode

Weiter geht es die Burgstraße entlang Richtung Süden. Wir biegen links ab in die Barfüßerstraße und finden uns auf dem Wilhelmsplatz wieder. Im Schatten der Aula, die 1837 von König Wilhelm von Hannover der Universität geschenkt wurden, sehen wir den Laden WOGGON. Hier lohnt es sich auf alle Fälle mal reinzuschauen. Beim Betreten des Geschäftes fällt einem die ungewöhnliche Architektur ins Auge: Steinbögen, Eisenträger, Gewölbe und viel Holz. Zwischen vielen alten Büchern, antiken Kleinigkeiten und schönen Eichenmöbel finden sich alle möglichen Kleidungsstücke. „Viele Artikel werden von mittelständischen Unternehmen in Europa produziert.

WOGGON achtet immer mehr auf nachhaltige Produktion.“, berichtet Benjamin und weist außerdem darauf hin, dass sich der Laden immer wieder zu einer Bühne verwandelt. Sei es Theater, Musik oder ein Tango-Abend. Auf die Frage, für was es hier einen Stempel gibt, antwortet Benjamin: „Einfach eine eigene Einkaufstasche mitbringen!“ Christian ist nun wieder an der Reihe und zückt seinen Quizzettel. An dieser Station geht es um nachhaltige Mode.

Frage 2: Um 1 kg konventionelle Baumwolle herzustellen werden rund 11.000 Liter Wasser benötigt. Wieviel Wasser wird für 1 kg Bio-Baumwolle benötigt?

a) 4.400 m³

b) 5.500 m³

c) 2.200 m³

Das Schöne bei dieser Führung ist, dass die Gruppe immer wieder untereinander ins Reden kommt. Bei dieser Station wird zum Beispiel lange über die Vor- und Nachteile des Online-Shoppings diskutiert. Jährlich werden in Deutschland 280 Millionen Pakete retourniert. Davon werden einer aktuellen Schätzung zufolge rund elf Millionen entsorgt, obwohl eine Vielzahl der Retouren noch voll funktionstüchtig ist. Auch wenn ich diese Info schon wusste, sie macht mich jedes Mal immer wieder sprachlos. Inzwischen wird auch hier wieder ins Paket gegriffen. Eine andere junge Studentin zieht ein wiederverwendbares Bienenwachstuch aus Bio-Baumwolle heraus – die umweltfreundliche Alternative zur Frischhaltefolie.

Alternative Strohhalme aus Edelstahl und Bambus (c) EARG

Licht aus der Kaffeekanne

Weiter geht es die Burgstraße entlang bis wir direkt auf Dabis Kaffeestube zulaufen. Hier sind mir, als ich vor vielen Jahren das erste Mal bei Dabis einen Kaffee getrunken habe, die Kaffeekannen und Tassen aufgefallen, die von der Decke als Lampenschirme runterhängen. Was für eine schöne Idee! Dabi ist nicht nur im Bereich Nachhaltigkeit engagiert. Egal, wann ich die Rote Straße runter schlendere, bei Dabi im Schaufenster findet sich immer ein Plakat oder ein Banner. Seit einiger Zeit hängt die „Weltkarte der Fluchtursachen“, die nicht nur von mir interessiert studiert wird. Auf der Facebook-Seite finde ich einen Kommentar: „Gemütlich, nett, angenehm politisch, guter Kaffee …“ – besser kann man es nicht zusammenfassen.

Bei Dabis gibt es übrigens keine Plastikstrohhalme. Die vielen Alternativen, die er anbietet, sind ein Stempel auf der Klimaschutz-Karte wert. Zum Schutz der Meere hat die EU beschlossen, bestimmte Plastik- und Styroporgegenstände ab 2021 zu verbieten. Solange wollen einige Cafés in Göttingen nicht warten und bieten Halme aus Glas, Edelstahl, Stroh und Bambus an. Inzwischen gibt es sogar essbare Halme, die aus gepressten Rückständen der Apfelsaftproduktion hergestellt werden. Anlässlich dieses Themas gibt es bei Dabis was zu trinken, natürlich mit Halm! Neuer Ort – neue Quizfrage. Und wer hätte es gedacht, es geht natürlich um Plastikstrohhalme.

Frage 3: Wie viele Milliarden Einwegstrohhalme werden innerhalb der EU laut einer Studie der internationalen Umweltschutzorganisation Seas at Risk jedes Jahr benutzt und weggeworfen?

a) 36,4

b) 14,2

c) 4,8

Unser Gewinner freut sich diesmal über Bambusstrohhalme.

FairCups im Café Cortés (c) EARG

FairCup im Café Cortés

Bergab laufen wir die Rote Straße runter. Unterwegs stellt mir jemand die Frage, warum die Rote Straße eigentlich Rote Straße heißt. Da wir bei dieser Führung alle im Quiz-Modus sind, bin ich bereit für eine nächste Frage.

Frage 4: Die Rote Straße heißt rote Straße, weil …

a) … das Blut runter floss, wenn Gericht gehalten wurde.

b) … die rote Farbe der Färber die Straße färbte.

c)… eine einflussreiche Familie namens Rode in der Straße wohnte.

Unten biegen wir links ab in die Kurze Geismarstraße und landen vor dem Café Cortés. Ein junges Paar hat im Frühjahr 2017 das alteingesessene Café übernommen. Auch hier gibt es eine kleine Verköstigung für alle. Der Besitzer reicht Pralinen verschiedenster Art herum und alle greifen zu. Das Café Cortés ist übrigens Partner des Göttinger Unternehmens FairCup. Der FairCup beruht, wie die Mehrwegflaschen, auf einem Pfandrückgabe-System. Für die Ökobilanz eines Kaffeebechers ist demnach die Umlaufzahl des Bechers ein entscheidender Faktor – also wie oft er tatsächlich benutzt wurde, bevor er eventuell selbst im Müll landet. Hier gilt: Erst ab der fünfzigsten Benutzung ist der Mehrwegbecher “klimafreundlicher“ als die Einweg-Variante. „Die umweltfreundlichste Lösung ist der eigene Becher, den man nicht extra kauft, sondern sowieso schon zu Hause hat.“, bemerkt Benjamin, bevor Christian wieder an der Reihe ist, die nächste Frage in die Runde zu werfen.

Frage 5: Wieviel Einwegbecher nutzen die Deutschen jährliche für Heißgetränke?

a) 2.800.000 (2,8 Millionen)

b) 280.000.000 (280 Millionen)

c) 2.800.000.000 (2,8 Milliarden)

Benjamin Dörr berichtet im Waschbär Umweltladen (c) EARG

Von grünen Paketen und gelben Säcken

Vorbei geht es am Waschbär Umweltladen, der aus dem Göttinger Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist. Seit über zwanzig Jahren werden hier umweltgerechte und sozialverträgliche Produkte für viele Lebensbereiche verkauft. Von Sabine Morgenroth, der Geschäftsführerin, erfahre ich später, dass der Freiburger Umweltversand, der schon in den 80-iger Jahren gegründet wurde, gemeinsam mit DHL und The Carbon neutral Company das sogenannte Grüne Paket entwickelte und als erstes Versandhaus CO₂-neutrale Pakete verschickt.

Nun haben wir einen längeren Weg vor uns. Wir laufen auf der Hospitalstraße an alten Resten der Stadtmauer entlang Richtung Neustadt. Von der ersten Stadtbefestigungsanlage aus dem 12. Jahrhundert ist in Göttingen noch der ein oder andere Abschnitt zu finden. Wir überqueren den Leinekanal, einer der vielen Arme der Leine, der schon im Mittelalter kanalisiert wurde, um die Mühlen anzutreiben und stehen nun vor dem Laden Wunderbar Unverpackt. Erst seit Mai 2018 finden wir in Göttingen den ersten plastikfreien Laden. Hier kann man ohne Plastikverpackung und bedarfsgerecht Bio-Lebensmittel und diverse Non-Food-Artikel des täglichen Bedarfs einkaufen. „Wie sieht es eigentlich mit dem Müll hinter den Kulissen aus, fällt wirklich insgesamt weniger Müll an als im normalen Supermarkt?“, frage ich nach. Ich gebe diese Frage als Quiz an dieser Stelle hier weiter:

Stempel im plastikfreien Laden „Wunderbar unverpackt“ (c) EARG

Frage 6: Wieviel gelbe Säcke sieht man zum Abholungstermin vor der Tür des Ladens?

a) 10 bis 20

b) 5 bis 10

c) 1 bis 2

Nach eineinhalb Stunden ist unsere Führung zu Ende. Nach einer kurzen Verabschiedung verteilt sich die Gruppe und ich mache mich bereit für die nächste Tour am Nachmittag. Da geht es um „Schiefe Balken, ehrgeizige Bauherren und Grüne Hausnummern“, eine Führung rund um energetische Sanierungen  Göttinger Fachwerkbauten.

Übrigens gab es an jeder Station viel mehr Informationen. Das hätte jedoch den Rahmen hier etwas gesprengt. Wer mehr wissen möchte, kann gerne an der nächsten Führung teilnehmen. Sie wird spätestens bei den nächsten Klimaschutz-Tagen vom 19. – 21 Juni 2020 wieder angeboten. Was sich noch alles im Klimaschutz-Paket befindet, welche Unternehmen beteiligt sind und wofür es Stempel gibt, erfährt man auf dieser Internetseite.

Lösung zu den obigen Fragen: 1c, 2a, 3a, 4c, 5c, 6c