Kommt, wir retten Göttingens Kulturszene

In Zeiten der Corona-Pandemie ist auch in Göttingen das wirtschaftliche Leben fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die derzeitigen Kontaktbeschränkungen machen uns allen zu schaffen, aber besonders hart trifft es neben der lokalen Wirtschaft die Kulturschaffenden der Stadt. Die Theater, Museen, Discotheken, Livemusik-Clubs, Bars und Kneipen sind geschlossen. Sämtliche Aufführungen, Konzerte und sonstige Veranstaltungen für die kommenden Wochen und Monate sind abgesagt.

Nur über die Homepage: das Städtische Museum ist geschlossen. Foto: Christoph Mischke

Das bringt Kulturzentren, Kleinunternehmer, Selbstständige und Freiberufler, wie Schauspieler, Musiker, DJs, Maler, aber auch Konzertveranstalter, Fotografen, Techniker in der Live-Branche und viele mehr in höchste Not. Sie kämpfen um ihr wirtschaftliches Überleben. Dabei erweisen sich die Kreativen der Stadt zuvorderst als, wer hätte es gedacht, äußerst kreativ. Nur: das alleine reicht eben nicht. Viele sind auf unser aller Hilfe und Unterstützung angewiesen – nicht später, sondern jetzt. Ich stelle euch in meinem Blog-Beitrag einige Institutionen und Aktionen vor. Einige verkürzen uns die Stay at home-Zeit, andere erfordern unsere ganze Solidarität, damit wir uns auch nach COVID-19 an einer bunten, vielfältigen lokalen Kulturszene erfreuen können. Für alle Kulturinstitutionen gilt: Verzichtet, wenn ihr könnt, auf die Rückerstattung bereits gekaufter Eintrittskarten zu abgesagten Veranstaltungen, quasi als Soforthilfe. Darüber hinaus gilt: Helft bitte wo und so gut ihr es könnt, die orangefarbenen Links weisen euch den Weg.

Digitale Bühne im DT

Nur digital: im Deutschen Theater ruht der Spielbetrieb. Foto: Christoph Mischke

Im Deutschen Theater hat sich der Vorhang bis auf weiteres gesenkt, der Spielbetrieb ist eingestellt. Deshalb ist man hier aber noch lange nicht untätig. Während in der Theaterschneiderei Mundschutzmasken genäht werden, präsentieren sich Schauspieler aus dem Ensemble, wie Gerd Zinck, Gaby Dey, Paul Wenning, Daniel Mühe und andere, auf der „Digitalen Bühne“ mit der Lesung von Kurzgeschichten, Texten und Gedichten. Sehr geile Idee, seht und hört es euch an, es lohnt sich.

Kopf-Theater beim JT

Zwangspause: das Foyer des Jungen Theaters ist so leer wie der Saal. Foto: Christoph Mischke

Auch im Jungen Theater werden derzeit keine Stücke gespielt. Auf seiner Facebook-Seite präsentiert das JT täglich ein Szenenfoto samt Text aus einer Produktion und Gebrauchsanweisung: 1. Szenenfoto anschauen, 2. Szenenausschnitt lesen, 3. Kopf-Theater anschalten. Eine durchaus witzige Idee, ich hatte Spaß daran. Ganz praktisch können Theaterbesucher natürlich auch helfen, wenn sie im Rahmen der Aktion #meinekartemeinebühne auf die Rückerstattung Ihrer Tickets verzichten. Infos dazu gibt es per Mail oder telefonisch an der Theaterkasse. Weil noch nicht feststeht, wann der Theaterbetrieb wieder aufgenommen werden kann, empfiehlt das JT, Geschenk-Gutscheine zu erwerben. Das Theater im OP hält seine Fans während der unfreiwilligen Spielpause mit einem kompletten Mitschnitt seiner Produktion „Lysistrata“ aus dem Juni 2017 bei Laune. Echt beeindruckend.

Von 100 auf 0 in wenigen Tagen

Ausgebremst: Diese Zeiten, wie hier in der Musa, sind vorerst vorbei. Foto: Christoph Mischke

Vermutlich noch stärker als die Theaterbetriebe, hat es die musikalischen Live-Bühnen der Region getroffen. Die Menschen, die Jahr für Jahr alles geben, um uns allen ein Tippi-toppi-Programm zu erschwinglichen Preisen zu bieten, trifft es am härtesten. Keine Konzerte, keine Veranstaltungen, keine Kunden, kein Umsatz. Von 100 auf 0 in wenigen Tagen. Das Leben ist nicht fair. Umso wichtiger ist es jetzt, dass alle mit anpacken, um zu retten, was zu retten ist. Auch wenn ich in den vergangenen Jahren aus beruflichen und familiären Gründen nicht mehr so oft „auf Piste“ war, möchte ich Läden wie die Musa, das Exil, den Nörgelbuff, die Initiative Kreuzberg on KulTour, das Dots und andere nicht missen. Die ohnehin ausgedünnte Livemusik-Landschaft in Göttingen darf einfach nicht sterben. Schaut euch auf den Internet- und Facebook-Seiten der Clubs um, was ihr tun könnt. Kauft Gutscheine für kommende Konzerte, verzichtet, wenn ihr das finanziell leisten könnt, auf die Rückerstattung bereits gekaufter Tickets, spendet oder beteiligt euch an Solidaraktionen.

Sorgen um lokale Künstler

In Not: Die Göttinger Live-Clubs bangen um ihre Existenz. Foto: Christoph Mischke

Die Musa beispielsweise, die, trotz gewisser Förderung, darauf angewiesen ist, ihre Kosten über Einnahmen aus Veranstaltungen, Gastronomie und Vermietung zu decken, präsentiert auf ihrer Facebook-Seite heute, am Donnerstagabend, 2. April, um 18 Uhr, einen Pfeffer+Salz-Livestream, direkt aus dem Haus am Hagenweg. „Social distancing“, aber in geil. Das werde ich mir reintun und hoffe auf weitere Streams. Musa-Mitgeschäftsführerin Tine Tiedemann, die um den Fortbestand des größten soziokulturellen Zentrums der Region bangt, macht sich auch Sorgen um die vielen kleineren lokalen Künstler, vor allem in der Musikszene, wie sie der HNA berichtet. „Da sind viele Leute dabei, die jetzt schon ihre Wohnungen aufgeben und zusammenziehen und nicht mehr wissen, wie es weiter geht. Man kann eigentlich gar nicht greifen, was das bedeutet“.

Spenden und „Homie-Gigs“

Bea Roth, Inhaberin des Exil, rotiert seit Tagen, um Kurzarbeitergeld für Mitarbeiter und Fördergelder aus Landes- und Bundesmitteln zu beantragen. Ob ihr Club, der sich nach dem Umzug von der Prinzenstraße ins Iduna-Zentrum, in den vergangenen drei Jahren zu einer der ersten Livemusik-Adressen der Stadt gemausert hat, diese Krise überlebt, ist unsicher. Zahlreiche Exil-Gäste kämpfen für ihr zweites Wohnzimmer. Eine „Stammgästin“ hat sogar eine Spendenplattform für ihren Lieblingsclub eingerichtet. Großartig. Auch zahlreiche Musiker wie Jan Finkhäuser, Kim Shastri, My’tallica oder Kyles Tolone wollen dem Exil durch „Homie-Gigs“ und Aufrufe helfen.

Das Radio Leinewelle unterstützt DJs, Musiker, Autoren und andere Kulturschaffende – durch Sendezeit. „Wir haben ein Herz für vielfältige Musik abseits des Mainstream – egal ob House, Jazz, Rock, Drum&Bass, HipHop oder Global Beats“, rufen die Macher die Künstler auf, sich unter redaktion@radioleinewelle.de zu melden.

Support-Song von Flooot

Klasse Aktion: Flooot unterstützen Göttinger Clubs mit einem Solidaritäts-Song. Foto. Flooot

Die Göttinger Band Flooot geht noch einen Schritt weiter. Sie hat ihren Song „Meine Bude“ neu arrangiert und stellt ihn auf unterschiedlichen Streaming-Plattformen zur Verfügung. Den Reinerlös daraus wollen sie nicht nur dem Exil, sondern auch der Musa und dem Nörgelbuff spenden. Mein Respekt, das ist unbedingt nachahmenswert. Also Leute, nicht nur auf Youtube anschauen, sondern streamt den Flooot-Support-Song, was das Zeug hält auf: SPOTIFY, APPLE MUSIC, ITUNES und BANDCAMP.

Musiker unterstützen ihre Clubs

Viele Musiker, wie Frau Pauli, Max Frédéric Remmert, David Nolte, Carolin Wehner, Mrks Axt oder Tom Gruber, die regelmäßig im Nörgelbuff aufgetreten sind, zeigen sich ihrem Kellerclub mit regelmäßigen Videos oder Live-Streams verbunden. Am Samstag, 4. April, geht um 20 Uhr DJ Ringo mit seinem „Gypsy Juice“ auf Sendung: Global Beats, Balkan Grooves und Electro Swing. So, wie er das seit 14 Jahren an jedem ersten Samstag im Monat macht, nur dieses Mal ein bisschen anders. Wer dem Buff aktiv helfen möchte, folgt einfach dem Aufruf der Betreiber: „Trinkt ein Soli-Bier mit uns und spendet den Betrag dafür via PayPal an booking@noergelbuff.de“. Auch das Dots im Börner-Viertel ist in diesen harten Zeiten am Start. Ganz aktuell gibt es auf der eigens eingerichteten Facebook-Seite jede Menge livestreams unter dem Hashtag #saveyourdots.

Der Verein Kreuzberg on KulTour erfährt ebenfalls große Solidarität in Form von heimischen Konzertvideos auf seiner FB-Seite. Aber nicht nur das: Gemeinsam mit dem Tonstudio Rockmöhre und weiteren kompetente Partnern aus der Szene, hat der Verein den „Online Musikerwettbewerb“ gestartet. Hey, und es gibt fette Preise zu gewinnen. Bewerbungen gehen an: kreuzbergontour@gmail.com, der neue (!!!) Einsendeschluss ist am 3. Mai 2020.

„Tea for two“ im Clavier-Salon

Auch die klassisch orientierte Musik ist von den Einschränkungen der Corona-Pandemie nicht verschont geblieben. Normalerweise veranstaltet der Clavier-Salon Göttingen rund sieben bis zehn Konzerte mit Solisten und Kammermusikgruppen pro Monat. Darunter auch Kinder- und Jugendkonzerte. Nur 60 Gäste finden Platz im Salon, doch auch die müssen jetzt leer bleiben. Gerrit Zitterbart, Besitzer und Betreiber des Salons, hat mit dem Göttinger Germanisten und Satiriker Klaus Pawlowski den „Tea for two“ ins Leben gerufen. Gemeinsam stricken sie Musik (Zitterbart) und Texte (Pawlowski) zu unterhaltsam nachdenklichen Programmen, die Lust machen, das Ganze tatsächlich auch vor Ort erleben zu können. Mal schauen, vielleicht geht da ja etwas, wenn Corona Geschichte ist.

Virtuelle Bühne von Tageblatt und Landkreis

Das Göttinger Tageblatt und der Landkreis Göttingen sind mit einem Experten-Team dabei, mit der Plattform #supportyourlocalculture eine virtuelle Bühne für die „Kultur in Südniedersachsen“ (KiSN) aufzubauen. Wer seine kulturellen Angebote dort präsentieren möchte, kann das direkt auf der Online-Präsenz tun oder eine Mail an: kultur@landkreisgoettingen.de schicken. Kreisrat Marcel Riethig sagt dazu: „Vorhang auf – bitte besuchen und unsere Kulturschaffenden unterstützen.“

Wir ihr seht, gibt es viele kreative Möglichkeiten, euren Lieblings-Kulturbetrieb hier und jetzt zu unterstützen. Wartet bitte nicht, bis es zu spät ist. Für Kultur, gleich welcher Art, schlägt doch unser Herz, sie ist uns Antrieb, Vergnügen, Trost und Hilfe in allen Lebenslagen. Je bunter, desto besser.

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