Kunst und Handwerk: Buchbindereien

In Zeiten des Corona-Virus ist alles deutlich anders als gewohnt. Dieser Beitrag ist vor den verordneten Kontaktbeschränkungen entstanden. Aber, es gibt ja auch eine Zeit nach der Krise. Viel Spaß bei der Lektüre.

Ich habe schon immer großes Interesse am Handwerk gehabt, besonderes an der Arbeit mit Büchern. Es ist sehr interessant, wenn man ein Buch bindet. Wegen der Digitalisierung und der Automatisierung ist klassisches Buchbinden fast verschwunden. In Göttingen gibt es nur noch drei handwerkliche Buchbindereien: Buchbinderei Wolfgang Oschmann, Buchbinderei Fischbach und Unikate Buchwerkstatt.

Einhundert Jahre Familientradition

Traditionsbetrieb: Wolfgang Oschmann in seiner Buchbinder-Werkstatt. Foto: Ling-Ru Liou

Heute besuche ich die Buchbinderei Oschmann, mitten in der City, in der Düsteren Straße 26. Schon im Eingang höre ich ein Dauergeräusch. Herr Oschmann arbeitet gerade mit zahlreichen Bucheinbänden gleichzeitig und lässt deswegen die Anleim-Maschine laufen. Herr Oschmann nutzt viele Werkzeuge und Maschinen, die über einhundert Jahre alt sind. Schon sein Urgroßvater, Großvater und Vater waren Buchbinder. Der jetzige Betrieb wurde von seinem Vater im Jahr 1950 gegründet. Seit 52 Jahren arbeitet Herr Oschmann dort. „Buchbinder werden“, so sagt er, „musste ich nicht, aber ich wollte es“. Er zeigt mir die über einhundert Jahre alte Presse, die Fadenheftmaschine und über hundert Arten von Prägeschriften, die er bis heute noch benutzt.

Gestern und heute

Alt und leistungsfähig: die Fadenheftmaschine. Foto: Ling-Ru Liou

Aufgereiht: über 100 verschiedene Schriftarten für die Prägung. Foto: Ling-Ru Liou

Er erinnert sich, dass es, außer der Buchbinderei der Universität oder anderer Institute, früher einmal fünf Buchbindereien in Göttingen gab. Früher hat er zwei bis drei Mitarbeiter beschäftigt. Heute arbeitet nur noch seine Frau mit ihm im Betrieb. Seine Großkunden sind die Universität, die Stadtverwaltung, Rechtanwälte und Privatkunden. Auf dem Tisch liegt ein Stapel Papier, der noch zu heften ist. Herr Oschmann sagt: „Ich muss noch auf schwarzen Karton für diesen Arbeitsgang warten.“ Diesen Auftrag hat er für eine Ausstellung in Halle übernommen.

Kunstwerke als Hobby

Handarbeit: Wolfgang Oschmann vor der historischen Presse. Foto: Ling-Ru Liou

Schätze: Schmucklettern für die Prägung von Leder-Einbänden. Foto: Ling-Ru Liou

Neben seiner Arbeit bindet Herr Oschmann auch Bücher zum Spaß, für sich selbst. Er bindet kleine Bände mit Leder oder mit Marmorpapier ein. Auch ein Doppelbuch hat er gefertigt. Das ist etwas ganz Besonderes, denn man kann es von beiden Seiten lesen. Er hat für seine Kunst interessante Ideen. So hat er zum Beispiel ein Minibuch in ein anderes Buch eingebunden. Die Bücher werden schön und fein gestaltet und geprägt. Für Herrn Oschmann sind die Werke dieser Sammlung wahre Schätze.

Originalgetreue Reparatur

Reparaturen und Anfertigungen: Frau Zimmermann und ihr Auszubildender. Foto: Ling-Ru Liou

Unikate Buchwerkstatt liegt in der Weststadt, ein klein wenig versteckt, im Industriegebiet Grone in der Carl-Giesecke-Straße 3a. Die Inhaberin Frau Zimmermann beschäftigt sich gerade mit einem alten Buch aus Hadernpapier. Die Reparatur des Bilderbuchs wurde mit japanischem Papier ergänzt und der neue Einband auf originale Art und Weise repariert. Sie sagt: „Bei Reparaturaufträgen soll die ursprüngliche Machart erhalten bleiben“. Sie arbeitet viel mit Menschen, aber wenn sie allein ist, dann macht sie Reparaturen und individuelle Sonderanfertigungen. „Einbandgestaltung ist mein Schwerpunkt“ sagt sie.

Alles ist möglich

Originell: Einbände aus Holz. Foto: Ling-Ru Liou

Alte Maschinen mit neuem Konzept: Unikate ist eine junge Werkstatt. Foto: Ling-Ru Liou

Unikate Buchwerkstatt ist eine junge Werkstatt mit alter Maschine und neuem Konzept. Ein Shop, ein Raum zum Prägen, ein Mini-Museum, eine Werkstattküche und ein großer Arbeitsraum. Die Werkstatt ist vielfältig eingerichtet. Hier gibt es keinen geregelten Tagesablauf. Außer Buchbinden und Reparaturen veranstaltet Frau Zimmermann auch Workshops, Lesungen, Ausstellungen, Papiertheater, Kindergeburtstagsfeiern und Führungen durch das Museum und die Buchwerkstatt. Als ich nach Einbänden frage, zählt Frau Zimmermann viele Möglichkeiten auf. Wer mehr darüber wissen möchte, muss, meiner Meinung nach, unbedingt Unikate Buchwerkstatt besuchen.

Selbst machen macht mehr Spaß

Alles ist möglich: Frau Zimmermanns Mini-Museum. Foto: Ling-Ru Liou

Vielfältig: Frau Zimmermann bei der Farbauswahl für einen Einband. Foto: Ling-Ru Liou

Ein selbst gebundenes Buch strahlt eine starke Persönlichkeit aus. Das ist ein schönes Geschenk für sich selbst oder für andere. Unikate Buchwerkstatt bietet ein gemütliches Ambiente und Unterstützung durch individuelle Beratung an. Am 15. und 16. Mai wollte sie einen Grundkurs für das Buchbinden anbieten, aber das Corona-Virus hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch ihr geplanter Stand auf dem Wochenmarkt muss aus diesem Grund ausfallen.

50-jähriges Jubiläum

Fundierte Berufserfahrung (v. l.): Michael Bernt und Inhaber Dieter Fischbach. Foto: Ling-Ru Liou

In diesem Jahr feiert die Buchbinderei Fischbach ihr 50-jähriges Bestehen. Das repräsentiert nicht nur ein halbes Jahrhundert an fundierter Berufserfahrung im Buchbinden, sondern bedeutet auch ein halbes Jahrhundert „Kultur-Pflügen“ in Göttingen. Mein erster Eindruck von der Buchbinderei Fischbach ist prima. Ich kann die einzelnen Arbeitsschritte in ihrem zeitlichen Ablauf verfolgen. Es gibt eine ganze Menge noch nicht verarbeiteter Zeitschriften. Daneben liegen einige Buchstapel, die schon mit Schirting-Gewebe eingesetzt sind. Es fehlt nur noch der Einband. Gleichzeitig sehe ich gegenüber einige bereits fertiggestellte Einbände. Mitarbeiter Michael Bernt arbeitet seit 40 Jahren als Buchbinder und Buchbindermeister. „Bis jetzt habe ich bei meiner Arbeit immer Spaß gehabt.“

Binden, verstärken, ersetzen

Stapelweise: Es gibt viel zu tun. Foto: Ling-Ru Liou

Pappe, Leim und Schirting: Buchbinden ist ein klassischer Handwerksberuf. Foto: Ling-Ru Liou

Buchbinden ist ein klassischer Handwerksberuf. Es gibt einige Hilfsmittel und Geräte, aber 80 Prozent der Arbeit wird mit den Händen verrichtet. Ein Fischbach-Großkunde ist die Universität, die viele Aufträge beispielsweise aus der Bibliothek verschafft. So müssen Zeitungen oder Zeitschriften gebunden oder Einbände von zahlreichen Büchern verstärkt werden. In diesem Fall wird entweder eine Pappe eingesetzt oder der vorhandene durch einen festen Einband ersetzt. „Die ganze Welt kommt zu uns“ sagt Herr Bernt, denn die Buchbinderei Fischbach bindet Bücher, die in unterschiedlichen Sprachen geschrieben sind. Auch die Bindung von Masterarbeiten und Dissertationen, die Buchreparatur und das Bedrucken von Kranzschleifen und Trauerbändern gehören zur täglichen Arbeit.

Flexibel verhalten

Druck: Das Pressen der Bücher ist ein wichtiger Arbeitsschritt. Foto: Ling-Ru Liou

Geschafft: Geprägt, sortiert, zur Abholung bereit. Foto: Ling-Ru Liou

Die Digitalisierung verändert auch im Buchbinderhandwerk die Anforderungen. Herr Bernt erinnert sich: „Am Anfang haben wir das noch belächelt, aber dann schnell bemerkt, dass wir kämpfen und schnell und flexibel agieren müssen“. Als Konsequenz hat Fischbach den Umfang seiner Dienstleistungen vergrößert. Heute kommen die Kunden nicht nur aus Göttingen, sondern auch aus Braunschweig, Hildesheim oder Erfurt.

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