Macher am Hagenweg: Musa + HW2

Seit 43 Jahren gibt es die Musa, das größte soziokulturelle Zentrum der Region. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Konzerte ich in den vergangenen rund 25 Jahren am Hagenweg erlebt habe. Für die örtliche Presse berichtete ich über Veranstaltungen, Projekte, Proben und Konzertaufnahmen. Bei meinen Besuchen traf ich stets auf engagierte, kritisch und gleichwohl positiv tickende Menschen, die etwas bewegen wollten, bewegt haben und auch in Zukunft bewegen werden – das ist mal sicher. Mit Musa-Geschäftsführerin Tine Tiedemann habe ich über das Gestern, das Heute und vor allem über das Morgen gesprochen – es tut sich Großes am Hagenweg.

Start auf 300 Quadratmetern

Das größte soziokulturelle Zentrum der Region: die Musa. Foto: Christoph Mischke

Symbolisch: Große Dinge werfen ihre Schatten voraus. Foto: Christoph Mischke

Spaß für alle: Karamelo Santo holen die Besucher auf die Bühne. Foto: Christoph Mischke

Tine wollte seit ihrem Studium immer „irgendetwas mit Kultur“ machen. „Ich könnte keine Politikerin sein“, sagt die Diplom-Sozialwissenschaftlerin, „aber ich wollte immer Politik über die Kultur machen.“ Und das macht sie jetzt mit großem Erfolg seit 20 Jahren. Sie erinnert sich an ihren Start in der Musa nach einem vorangegangenen Praktikum. „Nach dem Umzug der Musa in den Hagenweg, 1990 war das. Es gab hier auf 300 Quadratmetern nur den Saal, sowie den roten und den gelben Raum“, berichtet Tine.

Michael Schluff: Brückenbauer und Verhandler

Unvergessen: Michael Schluff, ein Wegbereiter der Göttinger Musikszene. Foto: Christoph Mischke

Sie erinnert an ihren viel zu früh verstorbenen Kollegen Michael Schluff, der 1992 das Rockbüro gegründet hat. „Schluffi hat alles selbst gemacht, auch Plakate geklebt und die Eierkartons als Schallschutz für die ersten Proberäume an die Wände gebracht.“ Bis zu seinem überraschenden Tod 2018 hat sich Michi für die Göttinger Musikszene stark gemacht. Auch ich habe ihn als bescheidenen Brückenbauer, aber auch hartnäckigen Verhandler, vor allem für den musikalischen Nachwuchs, kennengelernt. Fakt ist, und das wird sicher nie vergessen werden, sein Geschick und seine Beharrlichkeit haben für eine bunte Kulturlandschaft in Göttingen gesorgt.

Workshops, Kurse und Konzerte

300 Veranstaltungen pro Jahr: Pop-Meeting 2019 im Salon der Musa. Foto: Christoph Mischke

Längst ausverkauft: Anne Clarks Musa-Konzert im kommenden Mai. Foto: Christoph Mischke

Alleine in der Musa laufen jährlich rund 300 Veranstaltungen unterschiedlichster Art – für Kinder Jugendliche und Erwachsene. „Jeder soll sich hier willkommen fühlen“, sagt Tine, „und wir freuen uns, wenn die Foodsharing-Regale vor dem Eingang gut gefüllt werden.“ Workshops, Kurse, Konzerte, Partys, Lesungen, Theater, Tanz und Musik, alles dabei – von Lachyoga bis Portraitzeichnen, von Siebdruck bis Schlagzeug, von Ausdruckstanz bis Zirkus. Im Keller befinden sich derzeit 18 Übungsräume, die von rund 50 Bands genutzt werden und auch Tom Spötters Out-o-Space-Tonstudio ist hier von Beginn an Bord.

Tanzen, singen und bewegen

Bewegung: Tanzkurse und -Veranstaltungen sind hier extrem beliebt. Foto: Christoph Mischke

Im Obergeschoss, wo die Soziokultur zuhause ist, treffen sich Menschen, die Deutschkurse besuchen, der Kindergarten kommt hier zusammen, ebenso wie Bewohner der Weststadt und fast 60 Gruppen, die miteinander tanzen, singen und sich bewegen. Auch der Domino e. V. ist hier beheimatet. In dem Verein haben sich seit 1992 viele Freie Theater und Akteure zusammengeschlossen. Sie bringen jährlich bis zu acht Kinder- und Jugendstücke auf die Bühne, geben Workshops und gestalten Theaterprojekte an Schulen und Kitas. Die Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung Südniedersachsen (GAB) unterstützt hier Menschen bei ihrem Versuch, ins Arbeitsleben zurück zu finden.

Kreativ-Etage nach Umbau

Vom Theater-Fundus zur Kreativ-Etage: Komplett-Umbau 2016-2018. Foto: Christoph Mischke

Die neue „Füllung“: Kreative Köpfe im CoWorking Space. Foto: Christoph Mischke

Künstlerische Freiheit: Grafikdesigner und Fotograf Sven „Def“ Winkler. Foto: Christoph Mischke

Im Erdgeschoss, wo sich früher der Fundus des Deutschen Theaters befand, wurde in den Jahren 2016 bis 2018 radikal umgebaut, renoviert und saniert. Großartig ist es geworden, nicht wiederzuerkennen. Auf mehr als 1.000 Quadratmetern sind neue Ateliers, Werkstätten, Büros für Göttingens Kreativwirtschaft, eine Probebühne für Göttingens freie Theaterszene und ein Co-Working-Space entstanden. „Die neue Füllung“, nennt Tine diese vielfältige Mischung aus Gründern, Startups und Professionals, die in der Kreativ-Etage über jede Menge Freiräume verfügen. Sven Winkler, der als Grafikdesigner und Fotograf unter anderem für das Blackdata-Netzwerk arbeitet, hat hier sein Büro. Er ist einer der vielen Köpfe in diesem kreativen Netzwerk. „Das Schöne an der Musa ist“, sagt er, „dass mir der bezahlbare Raum große künstlerische Freiheit verschafft.“

HW2 – das neue Wir

Nur auf ausdrückliches Drängeln des Knipsers: Tine am Klavier. Foto: Christoph Mischke

Bezahlbar: Freiräume für Göttingens Kreativwirtschaft in der Musa. Foto: Christoph Mischke

Auch in meinem Gespräch mit Tine fällt der Begriff „frei“ sehr häufig, vor allem, wenn es um die zukünftige Entwicklung des gesamten Areals am Hagenweg geht, weit über die bisherigen Musa-Grenzen hinaus. „Im Prinzip geht es darum, ein neues ‚Wir‘ zu kreieren“, sagt Tine, die ein umfangreiches Konzept für die Ausgestaltung eines Kreativquartiers geschrieben hat. Und Tine denkt groß, sehr groß. Ich kenne dieses Flackern in ihren Augen, wenn sie einen Plan hat. Es geht um das rund 100.000 Quadratmeter umfassende Gelände der ehemaligen Heeresbrotfabrik nördlich der Musa. Das nach der Adresse Hagenweg 2, kurz HW2, genannte Projekt, soll, so die Vision, Freiräume schaffen, in denen kreative Unternehmer, Vereine oder Projekte aus Wirtschaft, Handwerk, Kultur, Sport, Freizeit und aus dem Sozialbereich ihre Ideen realisieren können. „Wir haben viele Frei- und Querdenker, Freigeister und Freidreher ohne Smartwatch, die mit Ende 20 hier in Göttingen bleiben wollen“, sagt Tine. „Deren Lebensentwürfe verändern sich, sie gehören zur Generation ‚einfach machen‘ und brauchen Platz um ihren Einfallsreichtum auch umsetzen zu können.“

Ideen und Visionen

Zukunftsvision: Hinter den Bahnschienen kann es weitergehen. Foto: Christoph Mischke

Zukünftige Kletterwand? Der Speicher der ehemaligen Heeresbrotfabrik. Foto: Christoph Mischke

Entwicklung des Areals: Die Mieter der Lagerhallen ziehen mit. Foto: Christoph Mischke

Den gäbe es hier ohne Ende. Die Lagerhallen und Silos, die auf dem Areal hinter den Bahnschienen stehen, sind längst ihrer ursprünglichen Funktion enthoben und zumeist an Handwerksunternehmen und diverse Institutionen vermietet. Auch an das Haus der Kulturen mit seinen Angeboten zur Integration und Gleichberechtigung von Menschen mit Migrationshintergrund. Die jetzigen Mieter sind natürlich mit im Boot und, wie Tine mir berichtet, begeistert von dem Vorhaben. Bei ihren Treffen an jedem ersten Freitag eines Monats haben die Macher vom Hagenweg bereits jede Menge Ideen auf den Tisch gebracht. Eine Gruppe möchte beispielsweise den alten Speicher neben dem Haus der Kulturen zu einer überdimensionalen Kletterwand veredeln – von außen wohlgemerkt.

Tiny House und Urban Gardening

Groß gedacht: Es geht um rund 100.000 Quadratmeter Gelände. Foto: Christoph Mischke

Eine weitere Gruppe möchte eine „Tiny-House-Werkstatt“ einrichten. Als weitere Projekte könnten auf dem Gelände ein BMX-Parcours, ein Calisthenics-Park, Urban-Gardening-Projekte, international inspirierte Food-Konzepte, Angebote für die Tabletop- und Rollenspiel-Szene entstehen und viele weitere Ideen. Der kreativen Vielfalt sind hier keine Grenzen gesetzt. Der Alpenverein würde zum Beispiel gerne den größten Kletterfelsen Deutschlands bauen. Vor der Umsetzung gilt es allerdings noch ein paar Hürden zu meistern, denn das Gelände gehört derzeit zu großen Teilen der Bundesrepublik Deutschland und wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) verwaltet. Göttinger Bundestagsabgeordnete und die Stadtverwaltung setzen alle Hebel in Bewegung, um zu erreichen, dass die BImA das Gelände zur Verfügung stellt.

Erlebnisort und Innovationslabor

Steht für Integration und Gleichberechtigung: das Haus der Kulturen. Foto: Christoph Mischke

Auch aus der Hauptstadt schenkt man dem HW2 bereits erhöhte Aufmerksamkeit. Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes bescheinigte dem Ort Potenzial als Begegnungs- und Erlebnisort für Göttinger*innen, als Innovationslabor für ansässige Handwerksbetriebe und Unternehmen und als Highlight für die Stadt mit weitreichender Strahlkraft. Eine entsprechende Quartiersentwicklung vorausgesetzt. In zwei erfolgreichen Workshops, zu denen, neben den Berlinern und den hiesigen Protagonisten, auch Experten und Expertinnen aus dem gesamten Bundesgebiet anwesend waren, wurden bereits 16 spannende Ideen entwickelt. Tine macht aus ihrer Freude über dieses bisherige Gelingen keinen Hehl, ist aber gedanklich schon wieder einige Schritte weiter.

Werkstatt-Container und Soli-Bier

Es geht voran: Ein Beachvolleyball-Feld und fünf Container stehen schon. Foto: Christoph Mischke

Durchgang zum Leineufer: Musa und HW2 wachsen zusammen. Foto: Christoph Mischke

Sie zeigt mir fünf gewaltige Übersee-Container, die neben dem neuen Beachvolleyball-Feld nahe der Leine stehen. Sie wurden aus Spendenmitteln angeschafft und sind bereits als soziale Werkstatt für Jugendliche, eine Näh-Werkstatt und andere Projekte verplant. Als erste schmackhafte Idee geht Anfang Mai das „Soli-Bier“ an den Start, ein naturtrübes Kellerbier. Mindestens fünf Cent pro Flasche werden gespendet, um damit nachhaltige Projekte in Süd-Niedersachsen zu unterstützen. Na dann Prost – gutes Bier für gute Zwecke.

Beachparty und Weekender

Am 1. Mai steigt hier die Beachparty an der Leine. Foto: Christoph Mischke

Am 1. Mai laden die Macher zu ihrer ersten großen Beachparty an der Leine neben der Musa ein. Am 6. Juni gibt’s hier den HW2-Weekender, ein Event-Wochenende mit Aktionen, Flohmärkten, Kleinbühnen-Programm, Spielen, Essen, Trinken und weiterem Spektakel. Eine gute Gelegenheit für alle, dieses Aufbruchsgefühl selbst zu erleben. Und was sagt Tine? „Es wabert, es blüht, es wächst und deshalb möchte ich am Ende des Jahres hier 40 Container stehen sehen. Da ist es wieder, dieses Flackern in ihren Augen.

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