Mit Försterhut und Helm

Sie ist jung, sie ist energiegeladen und lacht gerne, manchmal trägt sie Hut, manchmal Helm und sie hat einen lustigen, frechen Dalmatiner. Seit 1. September des vergangenen Jahres ist Lena Dzeia Göttingens oberste Försterin. Offiziell heißt das: Leiterin des Fachdienstes Stadtwald. Sie hat die Nachfolge von Martin Levin angetreten, der zuvor 33 Jahre lang das städtische Forstamt geleitet hat. Als gebürtiger Göttinger, der von Kindesbeinen an bis heute ungezählte Stunden im Göttinger Wald verbracht hat, wollte ich die Person, die jetzt für das beliebteste Ausflugsziel in der Region verantwortlich zeichnet, unbedingt kennenlernen.

„Ich mache das nicht alleine“

Waldschützer: Forstamtsleiterin Lena Dzeia und Förster Henrik Müller. Foto: Christoph Mischke

Das Geweih eines Damhirsches an der Backsteinfassade weist mir auf dem weitläufigen Gelände des städtischen Bauhofs den Weg zum richtigen Eingang. Lena Dzeia und Förster Henrik Müller, der kürzlich die Aufgaben seines Vorgängers Dietmar Raab übernommen hat, nehmen mich in Empfang. Es herrscht eine freundliche, lockere Atmosphäre. Bei einem Begrüßungskaffee sind wir schnell per Du. „Ich mache das hier aber nicht alleine“, stellt Lena gleich zu Beginn klar, „zu unserem Forstamts-Team gehören noch vier weitere Mitarbeiter und vor allem die sieben Forstleute, die vor Ort, sprich: im Wald arbeiten.“ Einige von ihnen werde ich im Verlauf des Vormittags kennenlernen, denn Lena will mit mir später in den Forst fahren, wo die Holzernte noch bis Ende Februar im Gang ist.

Frag‘ doch mal den Förster

Jahrzehntealte Tradition: Frischlinge gucken am Kehr. Foto: Christoph Mischke

Die Stadtförsterin möchte den unter Naturschutz stehenden Stadtwald als Erholungsrefugium nicht nur erhalten, sondern seine Attraktivität für die Besucher steigern. „Wir möchten die Bürger der Stadt noch mehr in den Kontakt mit ihrem Wald bringen“, sagt sie. „Ganz wichtig ist uns dabei die Arbeit mit Kindern“, ergänzt Henrik, „sie sollen den Wald spielerisch erkunden.“ Als Beispiel kündigen die beiden viele Neuerungen im Bereich des Wildgeheges am Kehr an, denn der rund drei Kilometer lange Weg um das Gatter soll attraktiver werden. Als begeisterter Waldgänger und Vater eines Siebenjährigen hake ich neugierig nach.

Sind Besucher gewöhnt: Das Damwild lässt sich aus der Hand füttern. Foto: Christoph Mischke

Im Verlauf des Frühjahrs sollen rings um das Gehege neue Informationstafeln aufgestellt werden, auch speziell in Kinderaugenhöhe. Stichwort Umweltbildung: Lena und Henrik ist es wichtig, dass die Besucher nicht nur sehen, sondern auch wissen, was sie sehen. Einige Spielstationen sollen den Kids das Leben im Wald anschaulich näherbringen und ein neuer Futterautomat mit Becher-Rückgabestation wird ebenfalls installiert werden. Daran haben dann sicher die Besucher auf beiden Seiten des Zauns große Freude. Für Anfang April ist die erste Veranstaltung der neuen Reihe „Frag‘ doch mal den Förster“ geplant. Das klingt ebenso spannend wie kurzweilig und wird bestimmt meinen Sohn und viele andere freuen. Alle Neuerungen wollen die Stadtförster im Sommer bei einem großen Gehegefest vorstellen. Informationen dazu wird es rechtzeitig auf der Homepage der Stadt Göttingen geben

Leckerli für „Paloma“

Jung und verspielt: die 15 Wochen alte Dalmatinerhündin „Paloma“. Foto: Christoph Mischke

„Spielerisch erkunden“ scheint auch das Stichwort für Lenas junge Dalmatinerhündin zu sein. „Paloma“ ist 15 Wochen alt und der Liebling aller im Büro. Sie begrüßt mich stürmisch, holt sie sich reihum ihre Streicheleinheiten ab und macht sich dann mit ihren spitzen Milchzähnen geräuschvoll über einen großen Pappkarton her. Farblich ist die junge Hündin ganz auf signalorange konditioniert. „Paloma fährt völlig auf die orangefarbenen Hosen unserer Waldarbeiter ab“, sagt Lena lachend, „denn die haben immer ein Leckerli für sie.“

 Kulturpflanzen des Mittelalters

600-jährige Geschichte: Die Gutshofruine auf dem Kerstlingeröder Feld. Foto: Christoph Mischke

Rund 1600 Hektar Stadtwald betreuen Lena und ihre Mitarbeiter, darunter auch das 200 Hektar große Areal des Kerstlingeröder Feldes. In der 600-jährigen Siedlungs- und Nutzungsgeschichte des Kerstlingeröder Felds hat es keinen Kunstdünger und keinen Einsatz von Pestiziden gegeben, so dass die Landschaft, die Blumen und zum Teil auch noch die Kulturpflanzen des Mittelalters zu finden sind: Diese Pflanzengesellschaften brauchen zu ihrer Existenzsicherung dauerhaft die alten Landnutzungsformen. Deswegen gibt es heute auf dem Kerstlingeröder Feld Ziegen- und Schafbeweidung, extensive Rinderbeweidung, Wiesen, die nur einmal im Jahr gemäht werden, Obstwiesen, beweidete Waldflächen, Hecken und Gebüsch.

Naturwaldparzellen

Beliebtestes Ausflugsziel der Region: der Göttinger Wald. Foto: Christoph Mischke

Auch was den Wald selbst angeht, stehen die nachhaltige Bewirtschaftung sowie der Natur- und Artenschutz im Vordergrund. „Wir stören den Wald so wenig wie möglich in seiner natürlichen Entwicklung“, verspricht Lena. Ich erfahre, dass Baumfällungen nur dann erfolgen, wenn die Bäume tatsächlich erntereif sind und dass in Göttingen deutlich weniger Holz als im bundesdeutschen Durchschnitt entnommen wird. „Und vor allem weniger als hinzuwächst“, versichert die Försterin. Sogenannte Naturwaldparzellen sind sogar ganz aus der Nutzung herausgenommen worden und dienen ausschließlich der Beobachtung einer natürlichen Entwicklung. „Dazu gehört auch, sagt Henrik, „dass Totholz im Wald belassen wird, um beispielsweise Spechten, Ameisen und Pilzen als Behausung oder Nahrungsquelle zu dienen.“ Lenas Motto „Wir waren immer dann gut, wenn der Wald nicht merkt, dass wir da waren“, trifft wohl den Nagel auf den Kopf.

Forstarbeiten – Lebensgefahr

Naturschutz: Lena Dzeia und Henrik Müller schauen genau hin. Foto: Christoph Mischke

Im Einsatz (v.l.): Steffen Teuteberg, Franz Busse und Steffen Benseler. Foto: Christoph Mischke

Nach so viel Theorie möchten Lena und Henrik mir noch die praktische Arbeit im Forst demonstrieren und wir fahren bei strahlendem Sonnenschein durch Herberhausen entlang der Kleinen Grundwiese in den Bestand nahe des Naturwaldes Wallmannsort. Ein großes, über den Forstweg gespanntes Banner mit der Aufschrift „Halt – Forstarbeiten – Lebensgefahr“ warnt Waldbesucher vor dem Zutritt. Statt ihrer Försterhüte setzen Lena und Henrik stabile Schutzhelme auf und auch ich werde mit Helm und Warnweste ausgestattet. „Das ist ein absolutes Muss“, sagt Lena bestimmt. Paloma bleibt im Wagen, dafür wuselt „Aske“ durchs Unterholz, Henriks champagnerfarbener Königspudel, der sogar eine jagdliche Ausbildung genossen hat. Sieht man auch nicht alle Tage.

Körperlicher Kraftakt

Routiniert und sicher: Baumfällung zur Gefahrenabwehr. Foto: Christoph Mischke

Möglichst vorsichtig: Der Trecker holt die Stämme aus dem Forst. Foto: Christoph Mischke

Steffen Teuteberg, Franz Busse und Steffen Benseler haben bereits eine Buche umgelegt, wie sie sagen. Den für eine Fällung nötigen Mindestdurchmesser von 65 Zentimetern hat sie locker. So gerade, wie sie gewachsen ist, wird ihr Stammholz sicher einen ordentlichen Erlös erzielen. Möglicherweise steht sie bald als massiver Tisch in einem Möbelhaus. „Den größtmöglichen Gewinn erzielt Stammholz, wenn es möglichst lang, gerade und astfrei ist“ erklärt mir Henrik. Lena ist merklich stolz auf ihr junges Team, das im Wald zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung einen körperlichen Kraftakt leistet. „Das sind meine Experten vor Ort“, sagt sie, „sie tragen die größte Verantwortung.“ Über ihre Helm-Funkgeräte stehen die Männer in ständiger Verbindung mit ihr und untereinander, denn Handyempfang ist hier Fehlanzeige. Mit dem Trecker, Stahlseil und Winde zieht Steffen Benseler den inzwischen zerlegten Baum vorsichtig über den Weg zum Ablageort. Die entstandenen Furchen schiebt er mit dem Schild seines Traktors wieder ordentlich zu. „Das freut die Waldspaziergänger“, sagt Lena lächelnd.

Baumfällung zur Gefahrenabwehr

Auch für den Laien sichtbar: dunkle Pilzspuren im Stammholz. Foto: Christoph Mischke

Ein paar Meter den Weg hinauf muss eine weitere Buche fallen, die, wie alle anderen zu fällenden Bäume, durch einen pinkfarbenen Strich markiert ist. „Muss“, frage ich. „Ja“, antwortet Lena, „ der Baum ist von einem Pilz befallen.“ Routiniert setzt Teuteberg die Schnitte mit der Kettensäge, legt vorher die Fällrichtung fest, um umstehende Bäume so wenig wie möglich in Mitleidenschaft zu ziehen. Es dauert nur einige Minuten, dann fällt der Baumriese krachend zu Boden. Ein dumpfer Aufschlag, kleinere Äste und das Vorjahreslaub stieben durch die Luft. Ich bin froh, einen Helm zu tragen und dass mich die Forstleute rechtzeitig aus dem Gefahrenbereich geschickt haben. Selbst mir, als absolutem Laien, fällt der große dunkle Bereich im Stamm auf. „Es ist der Pilz“, erklärt mir Henrik. „Er nimmt dem Baum die Elastizität und dadurch besteht die dauernde Gefahr, dass er bei einem Sturm einfach bricht oder umstürzt und somit Waldbesucher gefährdet.“ Ich bin froh, dass die aufmerksamen Waldarbeiter den Pilzbefall so frühzeitig erkannt und gehandelt haben.

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