Mode in den Seitenstraßen (2)

Die Verlockung, seine Bekleidung online zu ordern, ist groß: Das Internet bietet rund um die Uhr Kaufanreize, wirbt mit kostenlosem Versand und unbürokratischer Rückgabe bei Nichtgefallen. Einmal ganz abgesehen von dem ökologischen Unfug, den der Einkauf im Netz bedeutet, finde ich ihn einfach seelenlos und langweilig. Wie schön ist es doch, mit den Experten vor Ort zu plaudern, den Stoff selbst zu fühlen, das Leder zu riechen, die Kleidung anzuprobieren und ganz nebenbei, vielleicht bei einem leckeren Kaffee, noch eine individuelle Stilberatung zu erhalten. Göttingen bietet, speziell in den Seitenstraßen, eine Fülle hochspezialisierter und inhabergeführter Bekleidungsgeschäfte und Boutiquen. Lest hier den zweiten Teil meiner Auswahl, die ich euch heute vorstelle. Sie ist abermals völlig willkürlich und ihr könnt bei einem Stadtbummel noch viel mehr tolle Läden zu entdecken.

Modebegeisterte Freundinnen

Dekoriert gerne und oft: Ines Pieper, Inhaberin von „Piepers“. Foto: Christoph Mischke

Ines Pieper begann 1986 im ehemaligen Hertie im Reitstallviertel, dem heutigen Carré. In dem seinerzeit sehr beliebten Shop-in-Shop-Prinzip hatte sie, neben zahlreichen weiteren Händlern, ihren Stand mit ausgewählten Kollektionen. 1987 gründete sie mit Friederike Lohrengel an der Jüdenstraße 31 ihre schnuckelige kleine Boutique „Piepers“ inklusive der hauseigenen Schneiderei. Mitte der Neunzigerjahre trennten sich die modebegeisterten Geschäftspartnerinnen wegen akuten Platzmangels von ihren Herren-Kollektionen. Friederike Lohrengel stieg im Jahr 2000 bei „Piepers“ aus und machte sich selbstständig. Die erfolgreiche Modedesignerin besitzt inzwischen ein eigenes Label und betreibt mehrere Geschäfte in der Göttinger City. „Wir haben uns aber nicht im Bösen getrennt“, stellt Ines Pieper klar, „im Gegenteil, wir sind nach wie vor Freundinnen und haben viel miteinander zu tun.“ Pieper blieb bis 2015 in der Jüdenstraße, dann erfolgte der Umzug an den heutigen Standort an der Theaterstraße 8. Ihre große Zahl an Stammkunden nahm sie mit.

Theaterbühne mit Rohbau-Charme

Kein „cleaner“ Laden: Das Geschäft gleicht einer Theaterbühne. Foto: Christoph Mischke

„Wir haben hier eine deutlich höhere Wahrnehmung“, hat Pieper festgestellt. Das ist in meinen Augen auch überhaupt kein Wunder. Das 120 Quadratmeter große Geschäft ist halt kein „cleaner“ Laden. Die Boutique wirkt eher wie eine Theaterbühne, immer in Bewegung und nie ganz fertig. Die Kollektionen präsentieren sich auf Kisten, in Stiegen, auf Rolltischen und Kleiderständern. Auch Hocker, entrindete Baumstämme oder eine alte Kommode dienen mitunter als Ablageflächen. Das Geschäft ist 100 Prozent tapetenfrei und nur hier und da sind die Wände sparsam verputzt. Rund um eine alte Säule in der Ladenmitte fehlen sämtliche Deckenplatten und geben den Blick auf Rohre und Kabel frei. Es versprüht einen, ich sag‘ mal: gewissen Rohbau-Charme. Mir gefällt diese Art der Gestaltung gut, denn es wirkt alles wunderbar unverstellt und lässt das sprechen, worauf es ankommt: die Mode.

Oberfläche, aber nicht oberflächlich

Modisches Accessoire und Sonnenschutz: „Piepers“ führt auch Hüte. Foto: Christoph Mischke

Um diesen Eindruck noch zu verstärken und zu zeigen, dass die Dinge im Fluss sind, dekoriert die Inhaberin ihr Geschäft häufig um, wie sie mir berichtet, was ab und an sogar in einer völligen Umgestaltung enden kann. Kleidung ist zwar Oberfläche, aber eben nicht oberflächlich, könnte man Piepers Philosophie formulieren. Sie liebt den Einkauf, die Dekoration und den Umgang mit den Menschen. „Es ist interessant, wie sich Menschen in ihrer Kleidung verhalten“, hat Pieper beobachtet, „ich sehe, ob sie sich darin wohlfühlen oder nicht.“ Sicher eine gute Voraussetzung für eine vertrauensvolle Beratung.

Lieblingsteile

Derzeit angesagt: Streifen und florale Muster. Foto: Christoph Mischke

Rund 50 verschiedene Label bietet sie ihren Kundinnen an, darunter auch Accessoires wie Hüte, Tücher, Gürtel und Modeschmuck. Ihre Inspiration holt sich Pieper, wenn sie mit Kolleginnen Modemessen besucht. „Nur zum Gucken“, wie sie sagt. Ihre Bestellungen macht sie häufig „aus dem Bauch heraus“, wobei sich die Stücke natürlich auch verkaufen lassen müssen. Meistens sind es auffällige, besondere Kleidungsstücke und Kollektionen, die den Blick lenken und vor allem Emotionen wecken. Aktuelle Basics, für den Alltag gemacht, aber der Zeit voraus. „Lieblingsteile“, nennt es Pieper. „Derzeit sind vor allem Streifen angesagt“, weiß die Modeexpertin, „dezent oder total und ganz viel Blumen und Florales.

Von Mensch zu Mensch

Komplette Ausstattung: Rund 50 verschiedene Label sind vertreten. Foto: Christoph Mischke

Die Theaterstraße ist ein ganz eigener Kiez, befindet Pieper: „Es gibt hier so tolle Geschäfte, so tolle Leute und eine wunderbare Atmosphäre“, schwärmt sie für das gesamte Areal. Was würde sie sagen, wenn sie jemandem ihr Geschäft beschreiben soll, der es nicht kennt, frage ich. Wichtig ist ihr, dass sie Vielfalt bietet und keine Masse sowie ein persönliches, unaufgeregtes Ambiente – Beratung von Mensch zu Mensch. „Wir sind nämlich gar nicht so schick, wie viele denken“, sagt sie lachend.

Schon immer für Mode begeistert

Bietet Wohlfühlatmosphäre: Anne Petzold, Inhaberin von „Lorenza“. Foto: Christoph Mischke

„Göttingen ist mit vielen individuellen Geschäften in den Seitenstraßen gut aufgestellt“, findet Anne Petzold, Inhaberin des Damenschuhgeschäfts „Lorenza“ an der Jüdenstraße 19. Kunden aus Berlin oder Hamburg sagen ihr immer wieder, wie schön es in Göttingen ist. Petzold ist gelernte Einzelhandelskauffrau und hat ihre Ausbildung im Modehaus Fischer absolviert. „Das war seinerzeit das führende Modehaus am Platz“, schwärmt Petzold, die sich immer schon für Mode begeistert hat. Warum aber hat sie sich selbstständig gemacht? Der Grund dafür ist ebenso einfach, wie konsequent. „Ich hatte früher immer Schwierigkeiten, für mich in Göttingen den passenden Schuh zu finden und daher habe ich im März 2006 mein „Lorenza“ eröffnet“, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Eine Frage von Stil

Metallisch: Modelle von „Pedro Garcia“, Petzolds Lieblings-Designer. Foto: Christoph Mischke

Ihr Laden ist klein, bietet aber eine große Vielfalt – von Pumps über Stilettos bis zu Sneakern und Edel-Flip-Flops, die fast zu schade für den Strand sind. Mir fällt vor allem der Materialmix auf. Es gibt fast nichts, das man nicht miteinander kombinieren könnte. In der Musik würde ich es „crossover“ nennen. „Wir achten allerdings darauf“, sagt die Inhaberin, „dass unser klassischer Touch dabei nicht auf der Strecke bleibt. Für Anne Petzold ist das Tragen eines schönen Schuhs eine Frage von Stil und Lebenseinstellung. „Gerade die Besucher aus den Metropolen wie Düsseldorf oder Stuttgart schätzen unser Ambiente und dass wir uns sehr persönlich um unsere Kunden kümmern“, weiß Mitarbeiterin Marlena Nordmann. Eine derartige stressfreie Wohlfühlatmosphäre findet man nach ihren Worten in Großstädten nur selten.

Stiefelette zum Sommerkleid

Fast zu schade für den Strand: mit Strass besetzt Edel-Flip-Flops. Foto: Christoph Mischke

Augenscheinlich sind aber auch die Göttinger von diesem Schuh-Kleinod angetan, was der große Stammkundenkreis in der Region beweist. „Die Schuhmode ist über die Jahre sportlicher geworden“, berichtet Petzold, was sich natürlich auch in ihren Kollektionen wiederfindet. Sneaker sind inzwischen absolut alltagstauglich und salonfähig für das Büro oder zum Kleid geworden. Eine Mode, die ihrem Geschmack entgegen kommt. „Ich mag diese scheinbaren Brüche, sagt Petzold, „wenn Frauen beispielsweise zum Sommerkleid eine Stiefelette oder elegante Sneaker zum Hosenanzug tragen.“ Aus jahrelanger Erfahrung weiß sie, was ihre Kundinnen lieben und besucht die großen Messen in Düsseldorf, Hamburg und München. Dabei muss sie auch bei der textilen Mode stets „à jour“ sein, um im Voraus die dazu passenden Modelle bei der Schuhmode zu wählen.

Kleine Manufakturen und Handwerksbetriebe

Eigene Fan-Gemeinde in der Region: die Kollektionen von „Premiata“. Foto: Christoph Mischke

Sie bevorzugt kleine Manufakturen aus Spanien, Italien und Deutschland und unterstützt damit kleine Werkstätten und Handwerksbetriebe. „Dort färben sie noch mit natürlichen Gerbstoffen“, erklärt die Schuh-Fachfrau, „was unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit extrem wichtig ist. Exklusiv in der Region führt Petzold beispielsweise das italienische Label „AGL“, Modelle des Münchener Familienbetriebs „Unützer“ und „ihren Liebling“, wie sie sagt, „Pedro Garcia“ aus Spanien. Die „Premiata“ Sneaker-Kollektion hat übrigens eine eigene Fan-Gemeinde. „Die Damen sind immer ganz heiß auf die jeweils neue Kollektion und fragen regelmäßig nach, wann sie wohl eintrifft. Ich bleibe mit den Augen an den extravaganten flachen Pumps von „binné“ hängen. Rotbraunes Leder, kombiniert mit Jaguar-Muster und Kiltfransen in leuchtend rotem Lackleder. Der Schuh sieht echt abgefahren aus, das muss man tragen können. Designerin Nina Binné stammt, wie ich erfahre, gebürtig ganz aus der Nähe, aus Kassel. Heute lebt und wirkt sie in Hamburg, aber ihre Schuhe gibt es auch in einer Seitenstraße in Göttingen. Live, zum Anschauen, Anprobieren und ohne Risiko, wie es der Kauf im Internet oft birgt.

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