Naturbäder – Schwimmen ohne Chlor

Naturbäder liegen voll im Trend. Chlorfreies Planschen ist in, denn rote Augen und Chlorgeruch gibt es hier nicht und die Badegäste nehmen auch gerne einen Grünstich im Wasser in Kauf. Göttingen hat sogar zwei derartige Bäder zu bieten, die mehr und mehr Zulauf erfahren. Das Parkbad Weende und das Naturerlebnisbad Grone funktionieren grundsätzlich nach ökologischen Prinzipien und machen sich die biologische Selbstreinigungskraft von natürlichen Gewässern zu Nutze. Die Wasseraufbereitung erfolgt ohne zusätzliche chemische oder physikalische Desinfektionsverfahren.

Ein ruhiger Montagnachmittag

Echte 10 Meter: Die Badeaufsicht hat den Sprungturm im Blick. Foto: Christoph Mischke

Es ist ruhig heute: Blick vom 10-Meter-Turm über das Parkbad. Foto: Christoph Mischke

An diesem frühen Montagnachmittag ist es recht leer im Parkbad Weende, obwohl die Sonne bei 26 Grad Celsius vom Himmel brennt. Am Sonnabend haben hier noch weit mehr als 2.000 Besucher die große Beachparty mit Arschgranatencontest gefeiert und an den heißen Tagen davor tummelten sich jeweils weit über 3.000 Badegäste im Wasser. Das ist rekordverdächtig. Die ruhigere Phase verschafft den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern heute ein wenig Luft zum Großreinemachen. Tobias Kämmerer ist Fachangestellter für Bäderbetriebe, früher hieß das Schwimmmeister-Gehilfe. Er reinigt den Beckenbodensauger. „Der schafft alles weg, was auf den Boden sinkt“, sagt er mir, „Sand, Algen oder Pflaster zum Beispiel.“ Tobias hebt den schweren Sauger aus dem Wasser und spült die Filter, jeweils vier auf einmal, mit Hochdruck in einer speziellen Vorrichtung. Ich staune, was sich alles im Schwimmbecken ansammelt. „Wir reinigen immer und ständig, wenn es der Badebetrieb ermöglicht“, sagt er, sichtlich froh, dass es heute so ruhig ist.

Reinigung erfordert Zeit und Kraft

Bodensatz: Tobias Kämmerer reinigt die Filter des Beckensaugers. Foto: Christoph Mischke

Erfordert Kraft: Rachel Milojevic fegt Sand mit dem Unterwasser-Besen. Foto: Christoph Mischke

Seine Kollegin Rachel Milojevic, die heute ihren ersten Arbeitstag bei der Göttinger Sport- und Freizeit GmbH (GoeSF) hat, fegt derweil den Sand am Boden des Kombibeckens zurück in den Nichtschwimmerbereich, wo der Sand den Boden bedecken soll. Fegen ist jetzt leichter gesagt als getan. Rachel benutzt dazu eine acht Meter lange Aluminiumstange, an deren Ende der große Unterwasserbesen befestigt ist. Das erfordert viel Kraft, wie es aussieht. Tobias zeigt mir noch den Elektro-Scrubber. Damit werden regelmäßig die Algen von der Beckenwand entfernt. Ich finde, das Ding sieht aus wie eine überdimensionale elektrische Zahnbürste mit rotierendem Kopf. „Ja, genauso funktioniert es auch“, bestätigt er. Heike Reinemann, die als Meisterin für Bäderbetriebe für das Parkbad Weende verantwortlich ist, kommt dazu. Bis eben hat sie den zurückgelassenen Müll der Freibadbesucher eingesammelt. Auch das gehört zum täglichen Programm der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da geht viel Zeit drauf, denke ich, obwohl doch genügend Abfallbehälter vorhanden sind.

Viel Technik im Untergrund

Schilf-Feld: Heike Reinemann beseitigt den Kies von der Umrandung. Foto: Christoph Mischke

Unterirdisch: Eine Info-Tafel beschreibt die Wasserreinigung. Foto: Christoph Mischke

Heike zeigt mir, wo das Wasser für das Naturbad aufbereitet wird und führt mich ans nördliche Ende des Areals. Viel ist dort nicht zu sehen, nur ein großes Schilf-Feld, das aus zahlreichen Düsen mit Wasser besprengt wird. Eine Infotafel veranschaulicht den Badegästen, was dort im Untergrund passiert. 1.200 Quadratmeter Wasserfläche, gespeist aus dem Weendespring, bietet das Bad. Das Beckenwasser läuft durch die Überlaufrinnen in den Schwallwasserbehälter. Dort wird auch Nachfüllwasser aus der Quelle zugeleitet. „Das ist der Ausgleich für die Wassermenge, die die Badenden mit aus dem Becken nehmen und für die Verdunstung“, erklärt mir Heike. Vom Schwallwasserbehälter wird das Wasser auf den Geomatrix-Bodenfilter gepumpt. Das ist das Wasser, das ich im Schilf, dessen Wurzeln den Kies locker halten und somit der Sauerstoffversorgung dienen, glitzern sehe. Mikroorganismen in verschiedenen Filterschichten reinigen das Wasser. Luft- und Wassertemperatur, der pH-Wert sowie die Durchflussmenge werden in diesem geschlossenen Kreislauf permanent gemessen. Ein Prozessleitsystem liest die Daten aus und steuert den Wasserkreislauf automatisch. Donnerwetter, soviel Technik, von der ich als Badbesucher überhaupt nichts bemerke.

Strand, Rutsche und 10-Meter-Turm

Seit Generationen beliebt: die geschwungene Wasserrutsche. Foto: Christoph Mischke

Mit Aussicht: Terrassenblick vom Strandhaus37. Foto: Christoph Mischke

Bevor ich gehe, schaue ich mich im neuen Parkbad Weende noch ein wenig um und muss feststellen, dass es nach dem Umbau in den Jahren 2016 bis 2018 echt gewonnen hat. Die Trennung des Sprungbeckens vom Bahnenbecken halte ich für gut und sinnvoll, einfach, um Kollisionen zwischen Schwimmern und Springern zu vermeiden. Die oberste Plattform des Sprungturms liegt auf 10 Metern Höhe. Darunter können Mutige Sprünge aus 7,5 Metern, 5 Metern und 3 Metern machen. Einsteiger können sich erst einmal am 1-Meter-Sprungbrett neben dem Turm versuchen. Der Versuchung, die große geschwungene Rutsche hinunter zu sausen, widerstehe ich aus Zeitgründen. Auch die Strandkörbe und Liegen im Beach-Bereich muss ich schweren Herzens ignorieren. Am schwersten fällt es mir aber, dass ich dem Strandhaus37 keinen Besuch abstatten kann. Ich habe vom badeigenen Restaurant bisher nur Gutes gehört und was ist schon ein Freibadbesuch ohne Pommes wert.

450 Kubikmeter Wasser pro Stunde

Mit Schwung: Vergnügen auf der breiten Wellenrutsche. Foto: Christoph Mischke

Aufmerksam: Rigobert Köhler hat das Bad im Blick. Foto: Christoph Mischke

Ich bin nämlich noch mit Rigobert Köhler verabredet. Er zeichnet für die Abläufe im Naturerlebnisbad Grone verantwortlich. Dem Bad, das ich im Sommer regelmäßig mit meiner Familie besuche. 2006 wurde es nach einer recht kurzen Umbauphase als erstes Naturbad in Göttingen eröffnet. „Wir hatten seinerzeit keinerlei Erfahrung mit einem derartigen Bad“, berichtet mir Köhler, „und haben uns vieles einfach selbst beigebracht.“ Learning by doing hat wieder einmal funktioniert, denke ich. Die Verfahrensweise der Wasseraufbereitung funktioniert im Prinzip genauso wie im Weender Parkbad. Die Filterfläche ist allerdings bedeutend größer. „1.800 Quadratmeter Wasserfläche haben wir hier“, sagt der Schwimmmeister und ebenso viel Filterfläche draußen unter dem Schilf-Feld. Übermannshoch und unübersehbar stehen die Pflanzen gegenüber dem Eingang. Bei Vollauslastung laufen bis zu 450 Kubikmeter Wasser pro Stunde durch die biohydraulische Filteranlage, erfahre ich. Dabei wird das gesamte Beckenvolumen bis zu dreimal täglich ausgetauscht. „Der Reinigungsaufwand ist um 1.000 Prozent höher als bei einem herkömmlichen Freibad“, sagt Köhler, „aber es lohnt sich.“ Weiches Wasser, keine Chemie, kein Chlorgeruch.

Blühstreifen, Tomaten und Goldfische

Action: Eines von fünf Beachvolleyball-Feldern. Foto: Christoph Mischke

Naturnahe Gestaltung: Holz, Uferpflanzen und Info-Tafeln. Foto: Christoph Mischke

Bei der Gestaltung haben sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GoeSF eng an einem natürlichen Gewässer orientiert und sind voll auf Natur ausgerichtet. Und das sieht man auf den ersten Blick. Neben Naturstein, wie am Sprungturm, wurde viel Holz verbaut, es gibt Sand- und Kiesbereiche und viele Spiel- und Bademöglichkeiten für Kinder. Dicke Schiffstaue dienen als Geländer am hölzernen Steg. Die Bepflanzung, es blüht gerade herrlich, reicht teils bis direkt an die Becken heran. Der alte Baumbestand ringsum tut ein übriges, dieses Bad wie eine natürliche Seenlandschaft aussehen zu lassen und bietet außerdem Schatten an heißen Tagen. Rechtzeitig zur laufenden Saison wurden ein weiterer Blühstreifen sowie ein großes Insektenhotel für allerlei Nützlinge fertiggestellt. Große Infotafeln des integrierten Naturlehrpfads weisen beispielsweise auf verschiedenste Libellenarten hin. „Aber auch auf Fische, die in einem solchen Gewässer leben würden, gäbe es den Störfaktor Badegast nicht“, erläutert Köhler lächelnd. Selbst auf der winzigen Terrasse vor seinem Häuschen stehen Kästen mit kräftigen Tomatenpflanzen, die, wenn auch noch grün, schon zahlreiche Früchte tragen. Mein Sohn Hannes bekommt bei fast jedem Besuch ein wenig Futter für die vier Goldfische, die in einem kleinen Bassin neben dem Schwimmmeisterhäuschen leben.

Klares Wasser und gepflegte Anlage

Kinder können im Naturerlebnisbad viel Spaß haben. Foto: Christoph Mischke

Klein, aber fein: der Naturstein-Sprungturm in Grone. Foto: Christoph Mischke

Stammgast Helmut Schmiedel, der in der Nachbarschaft wohnt, besucht das Groner Freibad seit über 30 Jahren. Er freut sich über das schöne klare Wasser und die gepflegte Anlage des Naturbads, wenn er morgens und abends zum Schwimmen kommt. „Im Sommer bin ich immer mit meinen drei Enkelinnen hier“, sagt der Siebzigjährige, „die haben im Wasser und auf dem Spielplatz immer einen Riesenspaß.“ Logisch, dass auch bei den Mädels leckere Pommes rot-weiß unbedingt dazugehören. Auffallend ist die relaxte Stimmung hier. „Moin Chef“ ruft der eine oder andere Badegast Köhler während unseres Gesprächs zu, ab und an wird er sogar mit Handschlag begrüßt. Nach seinen Worten sind die Menschen hier alle nett. Ärger gibt es so gut wie nie. „Das liegt vielleicht auch daran, dass wir hier nur eine Baderegel haben, die jeder versteht: Ich darf niemals auffallen.“

Wendebachstausee oder Seeburger See

Ganz natürlich: Das Freibad am Seeburger See. Foto: Christoph Mischke

Wer lieber in einem echten See schwimmen möchte, wo es auch erlaubt ist, findet in der Umgebung von Göttingen einige Möglichkeiten. Beispielsweise am Wendebachstausee zwischen Niedernjesa und Reinhausen mit seiner hervorragend getesteten Wasserqualität. Mit verschiedenen Freizeiteinrichtungen wie Informationstafeln, Spielwiesen, Grillplatz, Grillhütte und dem Imbiss „Taverne am See“ erfreut er sich großer Beliebtheit. Während der Schulferien im Sommer und bei gutem Wetter wird der Badebereich des Sees von Rettungsschwimmern der DLRG beaufsichtigt. Neben dem Baden sind auch Boot fahren und Angeln möglich. Etwas weiter entfernt liegt der Seeburger See der über ein eigenes Freibadgelände verfügt. Das Naturschwimmbad am See hat für jeden Geschmack etwas zu bieten. Der gepflegte Rasen eignet sich hervorragend als Liegefläche. Wer es exklusiver mag, kann sich einen der gemütlichen Strandkörbe mieten. Zusätzliches Urlaubsfeeling vermittelt ein angelegter Sandstrand direkt am Wasser.

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