Schiefe Fassaden und grüne Hausnummern

Das öffentliche Leben steht wegen des Corona-Virus weitestgehend still, Veranstaltungen wurden und werden abgesagt, Geschäfte und Einrichtungen sind größtenteils geschlossen. Auch Stadtführungen sind derzeit nicht möglich. Es ist also an der Zeit auch hier virtuell loszugehen.

Energiebewusste Neubauten: Effizienz für den Klimaschutz. Foto: Christoph Mischke

Heute möchte ich mich mit Ihnen wieder in Sachen Klimaschutz auf den Weg machen, auch wenn ich weiß, dass derzeit solche Themen verständlicherweise in den Hintergrund treten. Viele Sorgen und Unsicherheiten treiben uns alle um und rauben viel Kraft.  Aber letztendlich zeigen die derzeitigen Entwicklungen der Corona-Krise durchaus Parallelen zur Klimakrise. In beiden Fällen handelt es sich um globale Herausforderungen, welche nur mit tiefgreifenden Veränderungen und koordiniertem Handeln auf allen Ebenen wirkungsvoll begegnet werden kann. Seit einigen Jahren bieten wir vom Klimaschutz-Management der Stadtverwaltung, vor allem während der jährlichen Klimaschutz-Tage, Führungen im Bereich Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz an. Heute geht es um gute Beispiele von energiebewussten Neubauten und Sanierungen, die zeigen, dass es sich lohnt, in Energieeffizienz zu investieren – sowohl für den eigenen Geldbeutel, als auch für unsere Umwelt und den Klimaschutz.

Die Stadt Göttingen zeichnet aus

Auszeichnung: Die „Grüne Hausnummer“ für vorbildhaftes Bauen und Sanieren. Foto: Mischke

Kurz ein paar Worte zur Grünen Hausnummer: Die Stadt Göttingen möchte vorbildliches Engagement würdigen und zeichnet Gebäudeeigentümer*innen mit der Grünen Hausnummer aus, deren Alt- oder Neubauten festgelegte Energiestandards erfüllen. Aktuell werden in Göttinger Haushalten rund 70 Prozent des Energiebedarfs für Heizung und Warmwasser benötigt. Das Einsparpotenzial ist groß, eine Sanierung der Gebäudehülle und der Haustechnik spart Energie und erhöht den Wohnkomfort. Seit Frühjahr 2018 wurden 30 Grüne Hausnummern vergeben und es wird Zeit, einige dieser Gebäude heute vorzustellen und genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Die Wand ist schief“

Im Jahr 1710 erbaut: Die Alte Posthalterei in der Jüdenstraße. Foto: Christoph Mischke

Diesen Satz hörte ich oft, wenn ich früher bei meinen Stadtführungen am städtischen Museum vorbeikam. Die Nordfassade der Museumsverwaltung war nicht nur schief, sondern auch so stark beschädigt, dass man sie abstützen musste. Damals wusste ich auch noch nichts über die Schäden im Sockelmauerwerk und in der Fachwerkfassade oder von den defekten Fensteranschlüssen. 2008 begann dann die Sanierung, dank einer Anschubfinanzierung aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm. Als gelernte Architektin war ich nun sehr neugierig geworden und nutzte ab und zu die Gelegenheit, indem ich bei meinen Führungen einen Schlenker am Museum einbaute. So konnte ich die Sanierung mitverfolgen und auch meinen Gruppen eine spannende Station bieten.

Interessanterweise wurde das Gebäude von innen mit Lehmbaustoffen gedämmt, um die Fachwerkfassade zu erhalten. Für die Konstruktion der Wände wurde eine diffusionsoffene Bauweise gewählt. Es wurde also auf den Einbau raumseitiger Dampfsperren oder diffusionshemmender Materialien verzichtet. Die äußeren Fenster wurden restauriert und die innenliegenden Fenster durch Holzfenster mit Wärmeschutzverglasung ersetzt. Jetzt bin ich wohl etwas ins Fachsimpeln gekommen, deshalb kurz gesagt: Die Gebäudehülle ist so gut gedämmt, dass sie einem Neubau entspricht und das ist für so ein altes Gemäuer gar nicht so leicht.

Die Alte Posthalterei, wie das Gebäude auch genannt wird, wurde übrigens 1710 gebaut und diente seit Gründung der Universität Mitte des 18. Jahrhunderts viele Jahre als Postgebäude.

Kein Speck in der Speckstraße

Schön: Blick aus der Speckstraße auf St. Jacobi. Foto: Eva Holst

Wir biegen gleich um`s Eck und landen in der Speckstraße. Auch im Mittelalter hätte man hier vergeblich nach Speck suchen können, denn der Name weist auf die sogenannten Specke hin. So hießen damals die Holzbündel, die man auf die matschige Straße legte, um trockenen Fußes nach Hause zu kommen. Diese kleine Straße bietet für meinen Geschmack einen der schönsten Blicke auf die Jacobikirche. Hier begegnen wir nun der nächsten Grünen Hausnummer. Das kleine Fachwerkhaus mit der Nummer 6 ist aus dem 18. Jahrhundert und war stark sanierungsbedürftig, als die drei Bauherren es 2014 kauften und sanierten. Dabei wurden, sofern möglich, Originalelemente erhalten und überwiegend ökologische Baustoffe verwendet. Durch eine neue Raumaufteilung entstanden drei attraktive Wohnungen. Wenn wir uns umdrehen, dann sehen wir eine Baustelle bei der Hausnummer 13. Die gleichen Bauherren sanieren bereits unermüdlich das nächste Gebäude und auch hier wartet bereits eine Grüne Hausnummer, um aufgehängt zu werden.

Mauersegler als Untermieter

Schritt für Schritt liebevoll saniert: Haus in der Hospitalstraße 24. Foto: Eva Holst

Wir gehen durch die Innenstadt, lassen das Gänseliesel links liegen und biegen dann in der südlichen Innenstadt in die Hospitalstraße ein. Hier treffen wir auf das Haus von Dorothee Sandmann und Stefan Scheu. Das denkmalgeschützte Fachwerkhaus von 1890 wird von den Eigentümern liebevoll Schritt für Schritt saniert. Das Erdgeschoss ist bereits von innen mit rein natürlichen Baustoffen gedämmt. Wandheizungen sorgen für ein angenehmes Raumklima durch Strahlungswärme und durch geringe Luft- und Staubzirkulation.

Mit Recht stolz auf ihre Komplettsanierung: Dorothee Sandmann und Stefan Scheu. Foto: Mischke

Unsere dritte Verleihungsrunde mit sieben neuen Grünen Hausnummern fand im vergangenen Sommer hier im Innenhof statt. Anschließend wurden wir alle bis unter das Dach geführt. „Was sind das für kleine Holzkästen, die direkt an der Außenwand am Dach stehen“, wundere ich mich und staune, als Frau Sandmann über ihre selbstgebauten Unterschlüpfe für Mauersegler berichtet. Ein kleiner Beitrag zur Sicherung der heimischen Artenvielfalt – was für eine schöne Idee.

Über den Dächern Göttingens

Wir machen uns nun auf den Weg zu den Zieten-Terrassen. Das ehemalige Kasernengebiet wurde im Frühjahr 1936, im Rahmen des großangelegten Ausbaus der Wehrmacht, in Planung gegeben. Namensgeber ist der preußische Husaren-General Hans Joachim von Zieten, der unter Friedrich dem Großen gedient hatte. Auf dem Weg dorthin streifen wir am unteren Hang des Stadtteils Geismar zwei Grüne Hausnummern. Im Heiligenstädter Weg 2 und in der Erfurter Straße 7 findet man Wohnhäuser aus den 60er Jahren, die bereits Anfang 2000 vollständig energetisch saniert wurden.

Bereits Anfang 2000 vollständig saniert: 60er-Jahre-Wohnhäuser im  Heiligenstädter Weg 2 und…

… in der Erfurter Straße 7 in Geismar. Fotos: Stadt Göttingen

Weiter geht`s. Ungefähr auf halber Höhe ruhen wir uns im Hof des Mittelbergs 62a aus. Dieses Gebäude zählt, neben dem Naturfreundehaus, zu den ältesten Niedrigenergiehäusern Göttingens. Die Photovoltaikanlage und die Sonnenkollektoren auf dem Dach fallen sofort auf, wenn man auf das Haus zu geht. Außerdem wird das Holzhaus durch eine Lüftungsanlage mit Wärmetauscher mit frischer Luft versorgt. „Das ist nicht nur eine umweltschonende Heizunterstützung, sondern auch ganz praktisch, da Feuchtigkeitsschäden und Schimmelbildung vermieden werden“, berichten uns die Hauseigentümer, als wir im April 2018 unter anderem dort unsere ersten elf Grünen Hausnummern verliehen. Mit dabei war der damalige Stadtbaurat Thomas Dienberg, die Göttinger Presse und natürlich die weiteren Gebäudebesitzer*innen, die eine Plakette erhielten.

Eines der ältesten Niedrigenergiehäuser Göttingens: Mittelberg 62a. Foto: Stadt Göttingen

So, nun noch weiter den Berg hinauf und endlich sind wir oben. Viele der ehemaligen Kasernengebäude sind zu Wohnhäusern umgebaut worden. Aber auch der eine oder andere Neubau ist hier zu finden. Hier, über den Dächern Göttingens tummeln sich die meisten Grünen Hausnummern. Insgesamt dreizehn Plaketten finden wir in der Bettina-von-Arnim-Straße. All diese neuen Wohngebäude sind sogenannte Passivhäuser.

Passivhäuser: 13 Plaketten finden sich in der Bettina-von-Arnim-Straße. Foto: Christoph Mischke

Die Kernidee des Passivhauses ist schnell geklärt: Die Wärmeverluste werden durch die gut gedämmten Außenbauteile so stark verringert, dass eine klassische Heizungsanlage gar nicht mehr erforderlich ist. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung bietet nicht nur permanent frische gefilterte Luft, was für Allergiker ein Traum ist, sondern nutzt in kalten Tagen die warme verbrauchte Innenluft, um die kalte Außenluft vorzuwärmen.

Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung: Passivhäuser auf den Zietenterrassen. Foto: Mischke

Der Stromverbrauch der insgesamt 135 Wohnungen lässt sich weitgehend über die Photovoltaikanlagen auf den Dächern decken. Was viele Bewohner*innen hier auf dem Berg sehr schätzen, sind die Ladestationen für die E-Bikes in allen Häusern. Wer einmal zu den Zieten hochgeradelt ist, weiß, warum viele Zietenbewohner*innen auf E-Bikes umgesattelt sind. Übrigens gibt es auch Ladestationen für E-Autos.

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Ich denke, für heute sind das erstmal genug Informationen, aber auf eine Frage möchte ich noch eingehen:

Was bringt mir das?

Diese Frage stellte mir mein früherer Nachbar, der sein Haus aus den 60ern vorbildhaft energetisch sanierte. „Außerdem zerstört die Befestigung der Plakette doch meine Außendämmung!“. Diesen Fragen begegne ich öfters und die Frage „Was bringt dieses Projekt überhaupt?“ ist berechtigt. Wenn ich ehrlich bin, freue ich mich immer über diese Frage, denn dann kann ich loslegen: „Es ist ein kleines, aber feines Projekt in unserem städtischen Repertoire an Energie- und Klimaschutz-Projekten“, ist dann meine Antwort drauf. „Hängt so eine Auszeichnung erstmal an der Fassade, kommt man ins Gespräch, sei es mit der Nachbarschaft oder mit anderen Interessierten. Man kommt ins Erzählen, wie die Sanierungszeit war, welcher Handwerkerbetrieb zuverlässig war, was es gekostet hat, was man bereits eingespart hat und vor allem was man beim nächsten Mal garantiert anders machen würde. Seien wir mal ehrlich, das Internet ist voll von Angeboten und Tipps zum energetischen Sanieren. Aber ist es nicht so, dass persönliche Erfahrungen aus dem Umfeld einen erst zu möglichen Umsetzungen von Projekten anregen? Es geht doch schon damit los, dass man sich fragt: Wie fange ich eigentlich an?“

„Ein kleines feines Projekt“: Auszeichnung für energetische Sanierung. Foto: Christoph Mischke

Sollte nur ein Gebäude anlässlich einer bereits verliehenen Grünen Hausnummer energetisch saniert oder ein Neubau deswegen noch energetischer als gesetzlich gefordert gebaut werden, hat sich das Projekt gelohnt. Übrigens, um die Befestigung der leichten Plakette muss man sich keine Sorgen machen. Es werden nur kleine Schrauben benötigt. Die Funktion der Außendämmung wird also nicht beeinträchtigt.

Ist Ihr Interesse geweckt?

Kommt vielleicht auch Ihr Gebäude in Frage? Wir freuen uns auf viele weitere Grüne Hausnummern. Interessierte finden >> hier weitere Informationen. Die nächste öffentliche Verleihung der Grünen Hausnummer und die Führung „Von Utluchten, schiefen Balken und Grünen Hausnummern“ sind Ende Juni während der Klimaschutz-Tage 2020 geplant. Aufgrund der Corona-Krise ist es jedoch möglich, dass die Veranstaltungen auch zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden werden.

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