BMX meets Graffiti: Malte Orth – „Das OwaL“

Anfang Februar hat Göttingen Tourismus der Öffentlichkeit fünf neue Image-Filme vorgestellt, die unter Mitwirkung von Göttinger Kulturschaffenden entstanden sind. Einer von ihnen ist Malte Orth, leidenschaftlicher BMX-Fahrer und „Auftragsmaler mit Sprühdose“. In der Graffiti-Szene ist er unter seinem Künstlernamen „Das OwaL“ bekannt. Mehrfach haben sich unsere Wege in den vergangenen Jahren gekreuzt. Meist nur recht kurz, aber doch so intensiv, dass ich mehr über den Menschen, seine Arbeit und seine Berufung erfahren möchte.

BMX im Wohnzimmer

Flexibel: Bei schlechtem Wetter trainiert Malte in seiner Wohnung. Foto: Christoph Mischke

Ich treffe Malte in seiner Wohnung in Grone, die er sich mit 12 Vogelspinnen teilt. Ich bestaune diese wunderschönen Tiere, die mich schon seit meiner Kindheit faszinieren, in ihren gläsernen Terrarien. Malte weiß eine Menge über diese handtellergroßen Achtbeiner zu erzählen und ich muss aufpassen, das eigentliche Thema nicht aus den Augen zu verlieren. Auch Maltes Sammlung von Vinyl-Schallplatten verdiente sicher eine größere Aufmerksamkeit, aber dann schmeißt es mich völlig aus der Kurve. Die Themen, wegen derer ich hier bin, sind allerdings auch nicht zu übersehen. An der Stirnwand hängt ein riesiges Bild, das ich schon aus den Videos von Maltes Facebook-Seite kenne – „Santa Muerte“, im Format 2 x 1,40 Meter. Daneben hängen zwei BMX-Räder, zwei weitere finden Platz neben der Couch.

„Sperrmüll-Rad“ restauriert

Sicherheit geht vor: Rad-Check vor dem Training. Foto: Christoph Mischke

„So lange wie ich denken kann, habe ich an Fahrrädern geschraubt“, berichtet mir Malte, „das hat mir mein Vater beigebracht, der hobbymäßig alte Räder wieder aufgemöbelt hat.“ Von ihm hat er seinerzeit in Dahlenrode auch sein erstes „Sperrmüll-Rad“ bekommen und gemeinsam mit ihm restauriert. „Ich bin dieses Rad jahrelang gefahren, bis es mir in Göttingen geklaut wurde.“ Heute fährt Malte Profi-Räder und hat auch gleich einen Tipp für Eltern parat, deren Kids Gefallen am BMX-Fahren finden. „Kauft bloß nichts Billiges im Netz oder im Supermarkt, denn diese Räder sind meist zu schwer und haben gruselige Geometrien“, Malte nennt das „Altmetall im BMX-Look“. „Achtet auf Räder namhafter BMX-Hersteller, auf Stabilität und eine gute Bremsanlage“, rät er. Für rund 1.500 Euro bekommt man ein Profi-Rad. Teurer wird es nur, wenn man beispielsweise Titanteile kauft.

Trainieren auf Lieblingsplätzen

Am liebsten draußen: Tricks an der frischen Luft. Foto: Christoph Mischke

Malte ist froh, dass er im Zuge der aktuellen Corona-Lockerungen endlich wieder auf seinen Lieblingsplätzen trainieren kann. Während der Beschränkungen musste er notgedrungen auf Arealen üben, die dafür, aufgrund ihrer Bodenbeschaffenheit, nicht wirklich geeignet waren. Beim Versuch mit einem Freund auf einem gesperrten Schulhof einige Runden zu drehen, ist er von einem Fremden äußerst aggressiv angepöbelt worden. „Der Mann war weder gefährdet, noch hatte er mit der Sache etwas zu tun“, berichtet Malte, „er war aber durchaus bereit sich mit uns zu prügeln, wenn wir es darauf angelegt hätten.“

Politische Lager sind suspekt

Selber denken, ist seine Devise: Malte Orth. Foto: Christoph Mischke

In diesem Sinn sieht er die Corona-Maßnahmen als problematisch an, denn, ähnlich wie bei der Flüchtlingskrise 2015, bilden sich sofort zwei Lager, die sich gegenseitig hassen – im Netz und auch in der realen Welt. „Da werden Hexenjagden gestartet und es blüht das Denunziantentum. Mir scheint, als schalteten Menschen in einer Krise zuerst das Hirn aus.“ Malte sieht sich als politisch denkenden Menschen, wobei ihm politische Lager suspekt sind. „Da geht es häufig nur darum, Meinungen mit Gewalt aufzuzwingen und den anderen schlecht aussehen zu lassen.“ Seine Devise heißt: selber denken, Infos einholen, Fazit ziehen.

Leicht, stabil und simpel

Ein Mann, ein Rad: Malte auf dem Weg zum Training. Foto: Christoph Mischke

Back to topic: Ich möchte wissen, was BMX eigentlich heißt und wie es entstanden ist. „BMX steht für Bicycle Moto Cross“, erklärt Malte mir. „In den 70ern haben die Kids in den USA ihre motorisierten Helden auf Rädern nachgeahmt, auf 20-Zoll-Kinderrädern. Die ersten Räder wie „Swinn Stingray“ oder „Bonanza-Räder“ erwiesen sich allerdings als zu instabil. Spätestens als dann Rennen damit ausgefahren wurden, entwickelte sich eine wahre BMX-Industrie, deren Räder vor allem leicht, stabil und simpel daherkamen. Ohne viel Technik – Rahmen, Lenker, Bremse, Antrieb, das war’s.“

Keine Regeln, keine Grenzen

Mischung aus Leistungssport und Kunstform: Flatland. Foto: Christoph Mischke

Aus den Rennen heraus, hat sich Freestyle entwickelt, in den Stilen Street, Park, Dirt oder auch Halfpipe und eben Flatland, Maltes Leidenschaft. Dabei werden Tricks auf einem möglichst ebenen und griffigen Untergrund gefahren. „Es gibt im Flatland keine Regeln und keine Grenzen“, stellt Malte klar. „Es ist ähnlich wie beim Tanzen, eine Mischung aus Leistungssport und Kunstform.“ In Wettkämpfen bewertet eine Jury, die nach der Schwierigkeit eines Tricks, der sauberen Ausführung und auch nach der Variabilität urteilt. Auch Combos, also die Aneinanderreihung verschiedener Trickfiguren, werden entsprechend bewertet. „Es ist unglaublich spannend, immer wieder Neues zu entdecken“, versichert Malte, „aber es ist wichtig, dass du deinen eigenen Stil findest und weiterentwickelst.“

„Fight the Winter“ im Kauf Park

Fight the Winter: Martin Drazil beim diesjährigen Contest im Kauf Park. Foto: Nils Heise

Von der Ästhetik und Dynamik konnten sich die Besucher Mitte Februar beim BMX-Flatland-Wettbewerb „Fight the Winter“ im Göttinger Kauf Park überzeugen. Zum zehnten Mal hat Malte diese spektakuläre Challenge mit Profis und Amateuren der Szene, die teils aus weiten Teilen Europas angereist waren, organisiert. „Fight the Winter“ bildet den Auftakt zur „German Flatland-BMX Championship“ und damit zur Deutschen Meisterschaft. Diese besteht aus fünf deutschlandweit ausgetragenen Wettbewerben.

Selbstständig mit der Sprühdose

Grenzen der Typografie brechen: Malte skizziert dem Laien. Foto: Christoph Mischke

Auf Leinwand: “Santa Muerte” im Format 2 x 1,40 Meter. Foto: Christoph Mischke

Neben seinem Faible für BMX hat Malte noch eine zweite große Leidenschaft: Graffiti. 2013 hat sich Malte unter seinem Künstlernamen „Das OwaL“ als „Auftragsmaler mit der Sprühdose“ selbstständig gemacht. „Ich bin mit etwas groß geworden, das im illegalen Bereich stattfand, aber ich habe immer Spaß daran gehabt, legal zu malen, obwohl es in der Szene als uncool gilt, von dieser Kunst leben zu wollen. Graffiti-Malerei, wie wir sie heute erleben, ist aus dem Stylewriting entstanden. „Im Prinzip ging es beim sogenannten „taggen“ darum, dass einzelne Gangs so ihr Revier absteckten“, erklärt mir Malte, „man wollte besser sein, als die anderen.“ Jeder versuchte, seinen Style zu finden und dabei die Grenzen der Typografie so weit wie möglich zu brechen. Wie so eine Entwicklung aussehen kann, skizziert mir Malte fix auf einem herumliegenden Zettel.

Mund-Propaganda und Netzwerk

Auftragsarbeit: Malte Orth vor seinem Werk “Grey Wolf”. Foto: Das Owal

„Ich wollte mit der Malerei Geld verdienen“, erklärt er mir. Schon als Kind hat er mit Paus-Papier Comicfiguren wie Lucky Luke und Asterix abgemalt. In der damaligen Bahnhofsunterführung unter der Berliner Straße hat er täglich die Malereien gesehen. Auf der IGS hat er im Kunstunterricht seine ersten Werke gemalt, die dann auch im Cluster hingen. „Da wurde ich von den Mitschülern direkt drauf angesprochen.“ Die ersten Aufträge kamen spärlich, aber durch Mund-Propaganda und sein inzwischen erworbenes Level, konnte sich Malte ein Netzwerk aufbauen und es ging aufwärts. Bei seinem Faible für Gesichter und Comic-Figuren war es fast zwangsläufig, dass einer von Maltes ersten Aufträgen die Gestaltung des Firmenschildes von „Crazy Comics“ in der Düsteren Straße war.

Künstlerischer Ausdruck

Vergänglich: Dieses Bild aus dem Jahr 2014 ist längst übermalt. Foto: Christoph Mischke

Auch heute gilt sein Interesse immer noch hauptsächlich Figuren und Landschaften, weniger den Schriften. Mitunter ist es nicht ganz einfach die Kunst und die Wünsche der Auftraggeber in Deckung zu bringen. „Die Leute haben zwar eine vage Vorstellung, von dem, was sie gerne hätten, wissen aber dann doch nicht so genau, was“, sagt Malte lächelnd. „Der Graffiti-Maler möchte sich ja in seinem künstlerischen Ausdruck festhalten und nicht einen gesellschaftlichen Anspruch bedienen.“

Workshops mit jungen Menschen

Energie muss raus: Malte arbeitet gerne mit Jugendlichen. Foto: Christoph Mischke

Immer häufiger bekommt Malte Anfragen, sein Können im Rahmen von Workshops an junge Menschen weiterzugeben. Häufig sind es Jugendliche aus Problembereichen, mit denen er erfolgreich arbeitet. Er schätzt, dass 80 Prozent derer, sich nicht mit sich selbst beschäftigen können. „Sie machen keinen Sport, sind nicht Mitglied eines Vereins, spielen weder Gitarre, noch fahren sie Rad, sie kennen eigentlich nur chillen und ihren Computer.“ In den Workshops hilft ihm die Freiwilligkeit und seine „street credibility“, denn wie er sagt: „Ich kann es und die Kinder und Jugendlichen möchten es können.“ Eine gute Basis, denke ich. Faszinierend findet Malte die Energie, die in vielen sogenannten „Problem-Kids“ steckt und raus will. „Diejenigen, vor denen man mich im Vorfeld am meisten gewarnt hat, haben oft das kreativste Potential.“

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