Göttingens grüner Gürtel: der Wall

Es gibt viele Dinge und Orte, die ich an und in meiner Heimatstadt liebe. Ich bin glücklich, dass ich in einer ausgesprochen grünen Stadt lebe, also rein botanisch gesehen. Schon von Kindesbeinen an, denn hier waren schon meine Mutter und meine Großmutter mit mir unterwegs, übt der Wall, Göttingens grüner Gürtel um die Altstadt, eine besondere Faszination auf mich aus. Das funktioniert zu jeder Jahreszeit, vom zarten Grün im Frühling, über die üppige Belaubung im Sommer, bis zum rot-braun-golden getünchten Herbst. Ok, im Winter ist der Wall am wenigsten spannend, obwohl man dann die mächtigen Baumriesen erst so richtig erkennt. Sollte allerdings Schnee fallen und ausnahmsweise liegen bleiben, so ist er wieder ein Traum in Weiß. Hier meine Gedanken auf einem Wall-Rundgang bei herrlichstem Wetter Ende Mai.

Jogger und Hundebesitzer

So sah es früher aus: Tafeln mit historischen Wallansichten. Foto: Christoph Mischke

Ich starte am Wallaufgang östlich der Volksbank am Geismar-Tor. Er ist zwar barrierefrei, wie fast alle der zahlreichen Wallaufgänge, aber im oberen Bereich doch sehr steil. Schon am Morgen herrscht hier reger Betrieb. Mit sechs Jogger*innen, zwei älteren Damen und zwei jungen Frauen mit ihren Hunden teile ich mir die ersten paar Meter, dann wird’s ruhiger. Mein Blick fällt auf den Pavillon der Bonifatiusschule, der vor rund 50 Jahren für mich, also für meine damalige vierte Grundschulklasse, als Erweiterung gebaut wurde. Ich muss an unseren damaligen Klassenlehrer Herrn Haller denken und an das dort entstandene Klassenfoto in schwarz-weiß, das ich immer noch habe. Ein paar Meter weiter schaue ich auf das Rosarium jenseits des Schulhofs, zur Rosenblüte im Spätsommer immer ein farbenprächtiger Ort.

Oase der Ruhe

Allgegenwärtig: die Doppel-Türme von St. Johannis. Foto: Christoph Mischke

Bienen summen: Vielerlei bunte Blüten säumen den Weg. Foto: Christoph Mischke

Letzte Ruhestätte: das Grab von Carl Friedrich Gauß. Foto: Christoph Mischke

Die dicht belaubten Linden geben auf der linken Seite hier und da den Blick auf unsere höchsten Innenstadtkirchen St. Johannis und St. Jacobi frei. Herrlich sieht das bei klarer Luft in der Morgensonne aus. Obwohl, eigentlich sieht man diese dominanten Kirchtürme von fast jeder Stelle des Walls aus. Auf der rechten Seite führt ein Weg zum historischen ehemaligen Albanifriedhof, der inzwischen auch als Freizeitareal dient. Macht doch ruhig einen kurzen Abstecher hinunter und seht euch das Grab von Carl Friedrich Gauß an. Heute ist es, bis auf ein paar Hundefreunde, die ihre Fellnasen spazieren führen, noch sehr ruhig. Überhaupt ist dieser Wallabschnitt eine Oase der Ruhe. Ich höre nur Dutzende von Vögeln zwitschern und Bienen, die um vielerlei bunte Blüten summen. Licht und Schatten wechseln sich auf dem Weg ab und über den Hausdächern ziehen zahllose Schwalben auf der Suche nach Futter für den Nachwuchs ihre Kreise.

Fröhliches Lachen auf dem Spielplatz

Sternenförmig glitzern die Wasserstrahlen: der Schwänchenteich. Foto: Christoph Mischke

Aus einem Stein-Block gehauen: Skulptur “Die Läuferin”. Foto: Christoph Mischke

Ich höre das Plätschern des Springbrunnens im Schwänchenteich. Sternförmig glitzern die neun Wasserstrahlen im Gegenlicht auf der Oberfläche. St. Albani schlägt 10 Uhr. Einige Eltern und ihre Kids bevölkern den hübschen Spielplatz im Cheltenhampark und ihr fröhliches Lachen dringt an mein Ohr. Am Albaniplatz, direkt neben dem Rohns’schen Badehaus von 1820, endet dieser Wallabschnitt. Dort, wo Bildhauer Joachim Eriksen neben seinem Atelier die sehr weibliche Steinskulptur „Die Läuferin“ aus einem großen Block Weserbergland-Kalkstein herausgearbeitet hat. Hier ist der Stadtwall für rund zweihundert Meter unterbrochen. Ich gehe geradeaus am großen Parkplatz vorbei, rechts von mir die kachellose und teils mit Planen verhüllte Stadthalle, die derzeit von Grund auf saniert wird. Kurz darauf fällt mein Blick auf das Deutsche Theater mit dem wunderschönen Kandelaber auf seinem farbenfroh bepflanzten Rondell davor.

Bäckermeister und Tropenholz

Im Jahr 1890 eröffnet: das Deutsche Theater am Wall. Foto: Christoph Mischke

Bekenntnis der Stadt zum Verzicht: Das Tropenholz- Mahnmal. Foto: Christoph Mischke

Links vom DT beginnt der Abschnitt, der Ernst-Honig-Wall genannt wird. Benannt nach dem Göttinger Bäckermeister, der es im 19. Jahrhundert mit vergnüglichen Geschichten in Göttinger Mundart zu einigermaßen, zumindest lokalem, schriftstellerischem Ruhm gebracht hat. Die Geschichten um „Schorse Szültenbürger“ sind auch heute durchaus lesenswert. Auf der Wiese vor dem Theater steht auch das sechsteilige Skulpturenensemble des Künstlers Uwe Schloen. Eure Kinder werden definitiv den überdimensionalen Stuhl lieben. Einige Meter hinter dem DT beginnt auf der rechten Seite unterhalb des Walls das Gelände des Alten Botanischen Gartens. Leider ist er derzeit aufgrund der Corona-Beschränkungen geschlossen, und ihr müsst euch mit den Einblicken von oben begnügen. Am besten vom Tropenholz-Mahnmal aus, das ihr gar nicht übersehen könnt. Hier stehen auch zwei Bänke von den zahlreichen Sitzgelegenheiten auf dem Wall.

Frösche am Audimax

Gewächshäuser aus dem 19. Jahrhundert. die Orangerie. Foto: Christoph Mischke

Zauberhaft: prächtig blühende Heckenrosen am Wegrand. Foto: Christoph Mischke

Hinter Bremers Weinkeller könnt ihr einige der historischen Gewächshäuser des Botanischen Gartens betrachten, und wenn ihr genau hinseht, erkennt ihr im begrünten Innenhof sogar die Bronze-Büste des Gründers Albrecht von Haller. Dazu wird euch, je nach Jahreszeit, ein vielstimmiges Gequake der Wasserfrösche in den umliegenden Teichen begleiten. An prächtig blühenden Heckenrosen vorbei geht es in Richtung Auditorium Maximum. Darin befindet sich unter anderem die Kunstsammlung der Universität. Falls ihr Hunger bekommen habt, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt. Zu eurer Linken befindet sich die sogenannte „Döner-Meile“ mit Imbissen, Cafés und Schnellrestaurants, wo ihr fix einkehren könnt.

Reizvolle Blicke

Farbgewaltige Gesellschaftskritik: Graffiti-Wand. Foto: Christoph Mischke

Unklar: Diente dieser Sandstein-Block als Tisch? Foto: Christoph Mischke

Jenseits der Weender Straße führt der Wall weiter. Dieser Bereich ist nicht mehr ganz so verträumt still wie zuvor. Das liegt an der vielbefahrenen Berliner Straße, die parallel zum Wall verläuft, eine der Hauptverkehrsadern Göttingens. Dafür punktet dieser Abschnitt mit reizvollen Blicken auf Höfe und Gärten, quasi die Rückseite der Altstadt. Der gesellschaftskritischen Graffiti-Wand zu Beginn solltet ihr auch ein wenig Aufmerksamkeit schenken. Was es mit dem Sandstein-Tisch ein paar Meter weiter auf sich hat, weiß ich leider auch nicht, aber dazu könnt ihr ja den Gästeführer oder die Gästeführerin eines Wall-Rundgangs von Göttingen Tourismus löchern. Auf eurem Weg kommt ihr am Waageplatz mit seinem großen Springbrunnen vor der Staatsanwaltschaft und dem ehemaligen Gefängnis mit seiner rosafarbenen Fassade und den vergitterten Fenstern vorbei. Schaut euch bei einem Abstecher unbedingt das Synagogen-Mahnmal an, auch von unten. Es ist auf so viele Weise beeindruckend.

Licht auf dem Wall

Rücksicht: ein paar Spielregeln für die Besucher. Foto: Christoph Mischke

Licht- und Schattenspiel: Bummeln auf dem Wall. Foto: Christoph Mischke

Entspannung: Den Wall kann man auf unterschiedliche Weise genießen. Foto: Christoph Mischke

Auf den kommenden paar hundert Metern ist dieses Wallstück in den Abendstunden seit 2019 beleuchtet. In den jetzigen coronageprägten Zeiten achten Polizei und Ordnungsamt mit regelmäßigen Patrouillen darauf, dass die geltenden Abstandsregeln auch eingehalten werden. Heute haben sie allerdings nichts zu bemängeln, alle Besucher halten sich an die Bestimmungen. Ich überquere die Goetheallee, denn gegenüber geht’s weiter. Ach halt, 50 Meter nach links startet der Planetenweg von Reinhold Wittig mit der Sonnen-Stele vor Gebhards Hotel. Den solltet ihr unbedingt einmal entlang gehen, es lohnt sich. Ich treffe einen Sparkassen-Mitarbeiter, der seine Pausen häufig auf dem Wall verbringt. „Ich bin gerne hier und genieße das Grün und die Ruhe, das hilft sehr beim Runterkommen und Ausspannen von der Arbeit“, sagt er mir lächelnd.

Theater, Kino und eine restaurierte Synagoge

Leider derzeit geschlossen: die Kultur am Wall. Foto: Christoph Mischke

Komplett restauriert: die Bodenfelder Synagoge. Foto: Christoph Mischke

Der Göttinger Bahnhof und das ehemalige Zoologische Institut, das derzeit komplett zum Forum Wissen umgebaut wird, sind durch das dichte Grün nicht oder nur in kleinen Ausschnitten zu erkennen. Umso besser aber, auf der linken Seite, die wunderschöne Architektur der Alten Fechthalle, in der die Ballettschule „Art la Danse“ zuhause ist. Am Hirtenbrunnen kreuze ich die Groner-Tor-Straße und folge dem Wall im weiten Halbrund. Nach der Brücke über die Gartenstraße fällt mein Blick auf die temporäre Spielstätte „Kultur am Wall“. Ich bin traurig, dass die Corona-Pandemie dem Jungen Theater, dem KAZ und dem brandneuen Programmkino Méliès, das längst in der benachbarten ehemaligen Baptistenkirche seinen Betrieb aufnehmen sollte, so übel mitspielt. Am Ende dieses Wallabschnitts, an der Angerstraße, steht auf der linken Seite die kleine Bodenfelder Synagoge. Richtig gelesen: Bodenfelder. Das Gotteshaus wurde nämlich in einem recht erbärmlichen Zustand 2006 in dem kleinen Weserort abgebaut, komplett restauriert und 2008 als Gebetshaus der Jüdischen Gemeinde Göttingen hier wieder eingeweiht.

Helden der Wissenschaft

1765 gepflanzt: die älteste Linde auf dem Wall. Foto: Christoph Mischke

Touristen-Magnet: das Bismarckhäuschen am Leinekanal. Foto: Christoph Mischke

Erfinder des Telegrafen: das Gauß-Weber-Denkmal. Foto: Christoph Mischke

Vorbei an der mächtigen Linde, der ältesten auf dem Wall, das Hinweisschild vermerkt als Pflanzjahr 1765, geht es weiter zum Bismarckhäuschen. In diesem ehemaligen Wehrturm der Wallanlage wohnte der ehemalige Reichskanzler im Jahr 1833 für ein halbes Jahr. In der restaurierten Odilienmühle aus dem 12. Jahrhundert, direkt gegenüber, werden heute Cocktails und Tex-Mex-Food einer Restaurantkette serviert. Macht Spaß, sich dort an lauen Sommerabenden am Leinekanal im Liegestuhl zu fläzen. Um Getränke geht es auch beim nächsten Stopp im letzten Wallabschnitt jenseits der Nikolaistraße. Das Gauß-Weber-Denkmal ehrt die beiden Wissenschaftler für ihre Erfindung des Telegrafen. Ursprünglich hielten sie als Symbol einen Draht in den Händen, der aber im Lauf der Zeit verschwunden ist. Heute sind es häufig Bierflaschen. Angeblich ist es Teil einer Tradition von Physik- und Mathematikstudenten, nach der Promotion mit ihren Helden der Wissenschaft „anzustoßen“.

Musikinstrumente und Völkerverständigung

Politische Statements: Graffiti am JuZI. Foto: Christoph Mischke

Deutsch-polnisches Kunstwerk: “Wasser kennt keine Grenzen”. Foto: Christoph Mischke

Nach einem Blick auf das Denkmal für Gottfried-August-Bürger, das in Steinwurfweite direkt an der vielbefahrenen Bürgerstraße steht, bin ich am Ende meiner Wallumrundung angelangt. Vor mir das Volksbank-Gebäude, links neben mir das Accouchierhaus, die ehemalige Geburtsklinik für mittellose Frauen. Darin befindet sich heute die spannende und umfangreiche Universitätssammlung von Musikinstrumenten aus aller Welt, die normalerweise auch im Rahmen von Stadtführungen zugänglich ist. Mal sehen, wann Corona es wieder zulässt. Auf der rechten Seite seht ihr noch ein bemerkenswertes Kunstwerk, das im Rahmen der heute über 40 Jahre währenden Städtepartnerschaft Göttingens mit dem polnischen Toruń entstanden ist. „Woda Nie Zna Granic – Wasser kennt keine Grenzen“ heißt das polnisch-deutsche Gemeinschaftswerk und thematisiert die Grenzüberwindung und Völkerverständigung. In der heutigen Zeit mindestens genauso aktuell wie zu seiner Installation 1988.

Keinen Beitrag mehr verpassen

Mit unserem Newsletter informieren wir Sie regelmäßig über neue Beitrage auf unserem Blog. Gleich anmelden und alle Beiträge bequem in das eigene E-Mail-Postfach bekommen!

Ich möchte den Newsletter abonnieren, der mich auch individuell nach meinen persönlichen Bedürfnissen über neue Themen informiert. Ich kann den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Details finden Sie in der Datenschutzerklärung. 



Über Kommentare zu unseren Blog-Beiträgen freuen wir uns jederzeit. Schickt uns dazu gerne eine Nachricht auf unserer Mein Göttingen Facebook-Seite.