Idylle im Tierpark Sababurg

„Hurra, wir fahren zu Eddie“, ruft unser siebenjähriger Sohn Hannes, als wir ihm das Ziel unseres heutigen Ausflugs sagen. Seine Vorfreude ist wie immer groß, als er erfährt, dass wir zum Tierpark Sababurg fahren. Das tun wir bereits seit 2012 mehrmals im Jahr und entdecken immer wieder Neues auf dem 130 Hektar großen und idyllisch gelegenen Areal im Reinhardswald. Der Tierpark Sababurg gehört zu den größten und ältesten Wildparks in Europa

Der Eingangsbereich und das neue Besucherzentrum. Foto: Christoph Mischke

Feste für die ganze Familie

Die Fahrtstrecke, von Göttingen aus sind es rund 60 Kilometer über die Autobahn 7, die Bundesstraße 80 sowie die Landesstraße 3229, hat uns dabei nie abgeschreckt. Eine Stunde im Auto überstehen die meisten Kinder in Erwartung von Tieren und zahllosen Abenteuern klaglos. Fußläufige Parkplätze gibt es vor dem Tierpark in ausreichender Zahl. Eng wird es nur, wenn Anfang September das Mittelalterfest gefeiert wird und rund 20.000 Besucher das zweitägige Spektakel erleben wollen. Dann wird bereits die Anfahrt auf dem letzten Kilometer zur Geduldsprobe, wie wir bereits erfahren mussten. Wer möchte, kann sich vor seinem Besuch auf der Park-Homepage unter www.tierpark-sababurg.de schlau machen. Das lohnt sich auf jeden Fall, denn im Park werden über das Jahr jede Menge Feste und Aktionen für die ganze Familie veranstaltet. Besonders beliebt sind die Osterfeiertage, wenn der Osterhase im Park Eier an die Kinder verteilt – echte Hühnereier, nix Schokolade. Der Aktionstag in der Bienen-Welt bringt den Besuchern im Sommer das Leben und den großen Nutzen der fleißigen Insekten anschaulich nahe. Beim Herbstfest haben Hannes und die vielen anderen Kinder einen Riesenspaß am gemeinsamen Kartoffelroden und es entbrennt immer ein regelrechter Wettkampf wer die meisten Knollen mit nach Hause nehmen kann. Stark besucht ist auch das Lichterfest im Oktober, mit Rentierlager, Laternenbasteln, Live-Musik und Feuershow. Die hier genannten Feste sind aber nur ein kleine beispielhafte Auswahl.

Besucherfreundlich: Der Eingangsbereich wurde 2018 neu gestaltet. Foto: Christoph Mischke

Riesenspaß für die Kinder: Kartoffelroden mit historische Traktoren. Foto: Christoph Mischke

Beliebt bei jung und alt: Vorführung alter landwirtschaftlicher Techniken. Foto: Christoph Mischke

Weite und Artenvielfalt

Jeder muss für sich entscheiden, ob er mehr den Trubel der Veranstaltungen sucht oder an den Tagen ohne jegliche Festivität die Weite und Artenvielfalt im Park genießen möchte. Auch oder gerade ohne actionreiches Tam-Tam und übermäßig viele Besucher ist auf dem weitläufigen Areal genug zu erleben. Für Kinder ist es ohnehin eher enttäuschend, wenn die Wellensittiche die erwartungsvoll hingehaltene Kolbenhirse, die im Shop zu erwerben ist, verschmähen, weil sie am frühen Mittag bereits satt sind. Mit der Gelassenheit der Jahreskartenbesitzer nicht alles an einem Tag sehen zu wollen „wenn man schon einmal da ist“, bestimmt meist unser Sohn das Tempo und die Reichweite des Tages. Da kommt es mitunter vor, dass wir nach dem Beobachten der Bennett-Kängurus, der Kaninchen oder der Waschbären, den Rest des Tages auf dem großen Spielplatz verbringen. Im Sommer ist mindestens eine zweite Garnitur Klamotten fürs Kind angeraten, denn auf dem angrenzenden Wasserspielplatz geht es meist ordentlich zur Sache. Wer seine Verpflegung für einen langen Parktag mitbringen möchte, kann das hier gerne tun. An vielen Stellen des Tierparks stehen hölzerne Tische und Bänke, die zum Picknick mit Aussicht einladen – auf die friedlich grasende imposante Wisentherde zum Beispiel. Wir verpflegen uns meistens direkt im Park. Das Restaurant „Thiergarten“ am Parkeingang ist für seine gute Küche bekannt und bietet von hausgebackenen Kuchen bis zu exzellenten Steaks eine reichhaltige Auswahl. Bratwurst, Pommes, Burger, Eis und allerlei sonstige „Quengelware“ für die Kurzen gibt es im Tierpark-Kiosk, vor dem Museum, am Kinderzoo und an der Elch Lodge. Als Lastenesel für längere Strecken bringen wir unseren eigenen Bollerwagen mit. Wer kein solches Gefährt besitzt kann sich an der Station am Eingang für 2 Euro pro Tag und ein Pfand einen Wagen ausleihen. Wer nicht so gut zu Fuß ist, kann auch für ein paar Euro mit der erdgasbetriebenen Parkbahn fahren. Eine komplette Runde dauert etwa 45 Minuten. Wer mag, kann am entferntesten Punkt, der Elch-Lodge, aussteigen und mit einer späteren Bahn zurückfahren.

Neugierige Gesellen: die Humboldt-Pinguine. Foto: Christoph Mischke

Umweltfreundlich: die erdgasbetriebene Parkbahn. Foto: Christoph Mischke

Nachwuchs: Bennent-Känguru mit Joey. Foto: Christoph Mischke

Erdmännchen sind ein Muss

Ein absolutes Muss bei jedem unserer Besuche sind die putzigen Erdmännchen. Sie sind für unseren Sohn auch die Namensgeber für den gesamten Park. Sein Kuscheltier-Erdmännchen heißt nämlich „Eddie“. Wenn es warm ist, flitzen die Mangusten durch ihr Gehege, die Nase meist dicht am Boden, denn es könnte sich zwischen den Steinen ja noch einen Leckerei von der letzten Fütterung verbergen. Zwischendurch wittern sie immer wieder, ob Gefahr droht, in dem sie sich auf den Hinterpfoten stehend aufrichten und den Kopf ruckartig in alle Himmelsrichtungen drehen. Auch nach oben, denn Greifvögel gehören zu ihren Hauptfeinden. Auf diese „Mach-Männchen-Pose“ warten vor allem die Hobbyfotografen. Mit viel Glück erwischt der geduldige Knipser den ganzen Familienclan in dieser Haltung und das sieht dann auch wirklich witzig aus, wenn acht oder zehn spitze Schnuten mit den darüber liegenden, pechschwarzen Knopfaugen in dieselbe Richtung blicken.

Mach-Männchen-Pose: die witzigen Erdmännchen. Foto: Christoph Mischke

Greifvogelstation und Flugschau

Wenn es zeitlich passt sind wir auch gerne bei den lehrreichen Schaufütterungen dabei. Die Tierpfleger zeigen dann, was beispielsweise bei den Humboldt-Pinguinen, den Fischottern oder den Kattas, einer Lemurenart, auf dem Speisezettel steht. Geduldig beantworten sie dabei auch gerne die Fragen der Besucher, vor allem der Kids, die alles ganz genau wissen wollen. Die Fütterungszeiten sind jeweils im aktuellen Park-Faltplan verzeichnet. Auch einen Besuch der Greifvogelstation am Burgberg können wir nur empfehlen. Hier sind Weißkopfseeadler, Sakerfalken, Steppenadler, Bartkauz, Schnee-Eule, Uhu und viele andere Raubvögel zuhause.

Lehrreich: die Greifvogel-Flugschau am Burgberg. Foto: Christoph Mischke

Vom 1. März bis zum 31. Oktober zeigen die Sababurg-Falkner ausgewählte Vögel dreimal täglich während einer Flugschau. Jeweils um 11.30 Uhr, 14 Uhr und 16.15 Uhr heben „Joker“ „Henry“ und „Alaska“ mit ihren gefiederten Kumpels ab und zeigen, was sie können. Tatsächlich haben fast alle Tiere im Park Namen und die Tierpfleger und Falkner können sie augenscheinlich auseinanderhalten. Das wird auch beim x-ten Mal nicht langweilig und wir erfahren während der kurzweiligen Vorführung viel Wissenswertes über die Lebensweise und das unterschiedliche Jagdverhalten der Greife. Hannes ist jedes Mal beeindruckt von der Größe und Schnelligkeit der Vögel und wir ziehen immer noch die Köpfe ein, wenn Weißkopfseeadler-Männchen „Baby“ nur Zentimeter über uns hinweggleitet.

Lautloser Jäger: Bartkauz „Henry“ im Anflug. Foto: Christoph Mischke

Imposant: Weißkopf-Seeadler „Baby“ zeigt, was er kann. Foto: Christoph Mischke

Elche sehen lustig aus

Wenn wir bereits am frühen Vormittag im Park sind, nehmen wir uns gerne auch längere Strecken vor. Meistens biegen wir bei den Fischottern links ab, schlendern an der Teichanlage entlang zu den Mufflons und den Steinböcken. Entlang des Weges findet Hannes dann auch stets Tiere, die nicht im Parkplan verzeichnet sind. Je nach Jahreszeit bunte Schmetterling etwa, große Libellen oder kleine Frösche – der Weg ist das Ziel lautet dann unser Motto. Ein mächtiger Felsblock gegenüber dem idyllischen Steinbock-Gehege fordert unseren Sohn immer wieder heraus, es den Wildziegen nachzumachen. Da heißt es für die Eltern: Nerven behalten und dem jungen Kletterer ruhig etwas zuzutrauen. Nach einer Vesper-Pause im Bauernhof, wo viele alte und zum Teil vom Aussterben bedrohte Haus- und Nutztierrassen gezeigt werden, laufen wir unter großen alten Eichen zum Rondell und von dort aus an den Luchsen und Vielfraßen vorbei zur Wolfsanlage. Hier benötigt man je nach Tageszeit schon ein wenig Glück und Geduld um eines oder mehrere der dämmerungsaktiven Tiere zu erspähen. Dafür sind die Überreste der Wolfsmahlzeiten in Form von mehr oder weniger skelettierten Huftieren deutlich zu sehen und, je nach Windrichtung, auch zu riechen. Macht aber nichts, das gehört dazu. Entlang der historischen Sandsteinmauer, die nahezu den gesamten Park umschließt,  geht es weiter zur Elch-Lodge. Elche sehen irgendwie lustig aus, finden wir. Mit ihrem massigen Körper und den relativ langen Beinen wirken sie wie ein Mix aus Pferd, Okapi und Buckelrind. Von der Terrasse der Lodge lassen sich die majestätisch wirkenden Tiere meist ausgezeichnet beobachten, wenn sie, augenscheinlich völlig unbeeindruckt von den Besuchern, durch ihr Areal streifen.

Urwüchsig: Die Steinböcke haben ihr Gehege am Steilhang. Foto: Christoph Mischke

Kapital: Elche sind die größten in der Familie der Hirsche. Foto: Christoph Mischke

Besucher müssen etwas Glück haben, sie zu entdecken: Wölfe. Foto: Christoph Mischke

Sanierungsarbeiten an der Sababurg

Die nur einen kurzen Fußweg oberhalb des Parks gelegene Sababurg ist grundsätzlich auch einen Besuch wert. Seit April dieses Jahres sind allerdings umfangreiche Sanierungsmaßnahmen im Gang und ein Teil des „Dornröschenschlosses“ ist eingerüstet. Bis Ende Oktober sind die Außenanlage inklusive Mauerrundgang und Terrasse für die Besucher samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 18 Uhr kostenlos zugänglich. Jeden Sonntag um 14 Uhr können Jung und Alt im Palas, dem ehemaligen Rittersaal, das Märchen vom Dornröschen live und kostenlos miterleben. Ein Imbisswagen im Innenhof stellt die Bewirtung der Besucher sicher, da Hotel und Restaurant derzeit geschlossen sind.

Wird derzeit saniert: das Dornröschenschloss Sababurg. Foto: Christoph Mischke

Wechselvolle Geschichte

Der Tierpark Sababurg ist der älteste, bis heute in seinem ursprünglichen Areal erhaltene Tiergarten Deutschlands. Im Jahr 1571 begann Landgraf Wilhelm IV., der stark an Naturwissenschaften interessiert war, am Fuße seines Jagdschlosses Sababurg den Tiergarten einzurichten. Im Laufe seiner rund 445-jährigen Geschichte hat der Tiergarten wechselvolle Nutzungen erfahren. Er war Jagdrevier, in dem heimisches und fremdländisches Wild gehalten wurde oder diente im Laufe der Jahrhunderte auch als Pferde- oder Jungviehweide. Viele Zeugnisse seiner Historie sind bis heute erhalten. Die Tierparkmauer und die Teiche stammen aus der Entstehungszeit des Parks. Das Rondell und die schnurgeraden Alleen wurden im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert, die großzügigen Weiden mit den alten Huteeichen und die Heuwiese wurden im 19. und 20. Jahrhundert für Pferde, Jungvieh und Schafe angelegt.

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