Unsere Galaxis zu Fuß: der Planetenweg

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200…“. Mit diesen Worten begann jede der 79 Folgen der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“, die ab 1972 im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Während die Enterprise „in Galaxien vordrang, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“, war ich vor kurzem in unserer Galaxis unterwegs, genauer gesagt in unserem Sonnensystem. Und zwar zu Fuß – von der Sonne bis zum Pluto. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, einmal den ganzen Planetenweg zu gehen und nun hat es endlich gepasst. Folgt mir auf meiner Reise durch einen Teil der Milchstraße.

Maßstab 1:2 Milliarden

Von Stele zu Stele: zu Fuß durch unser Sonnensytem. Foto: Christoph Mischke

Der Planetenweg Göttingen ist eine Nachbildung der Sonne und der sie umkreisenden neun Planeten im Maßstab 1:2 Milliarden. Eigentlich sind es nur noch acht, denn Pluto wurde inzwischen als Zwergplanet eingestuft. Zwei Milliarden Kilometer im Weltall entsprechen einem Kilometer auf dem Planetenweg. Der Weg beginnt vor Gebhards Hotel in der Goetheallee und endet am Bismarckturm hoch oben im Hainberg. Bronze-Stelen, die von den Göttinger Künstlern Karin und Reinhold Wittig gestaltet wurden, stellen die Sonne und die Planeten dar, ebenfalls im selben Maßstab. Textinfos auf jeder Stele liefern Wissenswertes zu dem jeweiligen Himmelskörper. Träger des Wegs ist der Förderkreis Planetarium Göttingen e.V..

Den Kindern gewidmet

Der erdnächste Stern: Die Sonnen-Stele. Foto: Christoph Mischke

Schwülwarm ist es an diesem Donnerstag im Juni. Ich stehe vor der „Sonne“ in der Goetheallee. Im Gegensatz zu allen anderen, ist ihre Stele dreiseitig. Goldgelb leuchtend, thront ihre Kugel mit 70 Zentimetern Durchmesser auf der Säule. Neben zahlreichen Infos zu unserem erdnächsten Stern, fällt mir vor allem die Inschrift auf der Westseite auf. Über einem Bild des polnischen Astronomen Nikolaus Kopernikus steht geschrieben, dass der Weg, ihm zu Ehren, unserer Partnerstadt Toruń, und vor allem den Kindern gewidmet ist. Sehr sympathisch. Neben dem Steckbrief mit wissenschaftlichen Daten zu dem jeweiligen Himmelskörper, ist auf der dritten Seite auch ein Hinweis auf Goethes ehemalige Wohnung hier in der Straße zu lesen. Samt dem Lob auf die Sonne, aus seinem wohl berühmtesten Werk, dem Faust.

Fünf Stelen in der Goetheallee

In Sichtweite: der Merkur und die Sonne. Foto: Christoph Mischke

Zwischen Fahrrad, Auto und Parkscheinautomat: die Erde. Foto: Christoph Mischke

Durchblick: Die Venus als kleine Stahlkugel zwischen Glasscheiben. Foto: Christoph Mischke

Ich freue mich, dass sich die Stelen auf meinem heutigen Weg sehr sauber zeigen. Mitunter kommt es vor, dass irgendwelche Schmierhansel meinen, die Säulen mit Klebchen, Filzstift oder Sprühdose „verzieren“ zu müssen. Die ersten vier Planeten kreisen relativ dicht um die Sonne und deshalb liegen auch ihre Stelen sehr nahe beieinander. Merkur, Venus, Erde und Mars sind alle in Sichtweite an der Goetheallee aufgestellt. Das war mir vorher noch nicht so bewusst. Da auch das Größenverhältnis der Planeten selbst sich am genannten Maßstab orientiert, sind die Größeren erhaben aus der Stele herausgearbeitet. Die kleinen, bei denen das keinen Sinn gemacht hätte, sind durch Stahlkugeln unterschiedlichen Durchmessers zwischen Glasscheiben symbolisiert. Das verschafft mir ganz reizvolle Fotomotive, da ich ja hindurchsehen kann. Die Erde misst hier beispielsweise nur 6,5 Millimeter Durchmesser.

Zwergplanet Sedna in Diemarden

Am Rande des Planetenwegs: Spiegelung im Leinekanal. Foto: Christoph Mischke

Wer bekommt mehr Aufmerksamkeit? Jupiter vs. „Der Tanz“. Foto: Christoph Mischke

Wissen quasi im Vorbeigehen: Jupiters Steckbrief. Foto: Christoph Mischke

Die Außengastronomie in der Goetheallee ist heute sehr gut besucht, trotz Corona-Zeit. Die Menschen, die während ihrer Besorgungen durch die Stadt gehen, nehmen kaum Notiz von den Planetensäulen. Erst als sie mich fotografieren sehen, werden einige aufmerksam und schauen genauer hin. Auch die wunderschöne Spiegelung im Leinekanal, die mir gerade von einer Ente zunichtegemacht wird, beachten sie nicht. Zwischen der alten SUB und dem Michaelishaus, beide sind mehr als einen flüchtigen Blick wert, laufe ich weiter. Der Jupiter in der Prinzenstraße steht, nur wenige Meter vom Nabel entfernt, ein wenig im Aufmerksamkeits-Schatten der zentralen Skulptur „Der Tanz“. Auch hier sind übrigens fast alle Plätze vor den Gaststätten belegt. Die Dame, die mich anspricht, während ich den größten Planeten unseres Sonnensystems ablichte, entpuppt sich als Mitglied des Trägervereins. Dessen Vorsitzender, Dr. Thomas Langbein, ist mein Nachbar. Ach, die Welt, und insbesondere Göttingen, ist doch ein Dorf. Frau Kiang weist mich auf den Zwergplaneten Sedna hin, ebenfalls ein Bestandteil des Planetenwegs. Die Stele, die seinen geringsten Abstand zur Sonne maßstabsgerecht markiert, befindet sich allerdings am Mühlendamm in Diemarden.

Steckbriefe der Planeten

Schmuck: Portal des Verlagshauses Vandenhoeck & Ruprecht. Foto: Christoph Mischke

Glänzend: Das goldene Pferd über der Garageneinfahrt. Foto: Christoph Mischke

Ring verbogen: Saturn-Stele vor dem Deutschen Theater. Foto: Christoph Mischke

Auf dem Weg zur nächsten Planetenkugel schlendere ich die Theaterstraße hoch, bahne mir eine Lücke durch die lange Schlange der wartenden Kunden vor Eislust. An der Kreuzung zur Oberen Karspüle fällt mir das Verlagsgebäude von Vandenhoeck & Ruprecht mit seinem wunderschönen Eingangsportal auf. Rechts daneben, im Verlauf der Straße, glänzt das goldene Pferd über der Einfahrt zu den Kulpschen Garagen in der Sonne. Man muss einfach noch mehr zu Fuß gehen, denke ich mir, so entdeckt man die schönsten Dinge. Kurz darauf stehe ich vor dem Deutschen Theater und dem prächtigen Kandelaber auf seinem Rondell. Auf dem Fußweg neben der Bushaltestelle ist die siebte Station meines heutigen Planetenwegs installiert, der Saturn. Neben den Abmessungen und Entfernungen, nennt der Steckbrief auch seine fünf größten Monde: Titan, Rhea, Iapetus, Dione und Thetis. Seine berühmten Ringe sind allerdings leicht verbogen. Vermutlich hat sich mal jemand darauf gestellt, um den Start zum Altstadtlauf besser verfolgen zu können.

Wunderschöne Stadtvillen

Wuchtige Architektur: das Max-Planck-Gymnasium. Foto: Christoph Mischke

Ostviertel: vielfältige Giebelarchitektur in der Planckstraße Foto: Christoph Mischke

Mit Erker und Türmchen: das Haus der „Blauen Sänger“. Foto: Christoph Mischke

Richtung Osten geht es für mich weiter. Das Ehrenmal für gefallene Weltkriegs-Soldaten ist mit einem schwarzen Anarcho-A besprüht und fällt daher erst recht ins Auge. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber ich wäre froh, wenn sie sich nicht auf Denkmälern, Hauswänden und Kunstwerken äußern würde. Beim Blick zurück aus der Planckstraße fällt mir die bauliche Wucht des Max-Planck-Gymnasiums, des ältesten Gymnasiums der Stadt, erstmals so richtig auf. Das hat man nicht einmal im letzten Göttingen-Tatort so gesehen. Ich passiere wunderschöne alte Stadtvillen mit hölzernen Wintergärten und vielfältiger Giebelarchitektur. Am Ende der Straße, an der Kreuzung zum Düstere-Eichen-Weg, blicke ich auf ein wunderschönes Haus mit Erker und Türmchen. Es ist die Heimat der „Blauen Sänger“, der – nach eigenen Angaben – ältesten studentischen Kulturorganisation Göttingens.

Uranus am Eichendorffplatz

Farbenfroh: Der Uranus am Blumenbeet. Foto: Christoph Mischke

Neben einem Symphonieorchester bietet die musikalische Vereinigung auch einen gemischten Chor, ein Theaterensemble und eine Big Band. „Leider ist momentan fast gar nichts möglich, weder Proben, noch Auftritte“, berichtet mir Sophie, die hier wohnt und gerade den Rasen mäht. Ich muss weiter, denn einige Meter weiter wartet der Uranus am Eichendorff-Platz auf mich. Die Stele ist auf dem kleinen begrünten Areal direkt vor einem üppig und farbenfroh bepflanzten Beet aufgestellt – ein schöner Platz.

Details entdecken

Bronze auf Sandstein: des Lyrikers Konterfei am Eichendorff-Platz Foto: Christoph Mischke

Allerdings bemerke ich, so schön ich diese Planetensäulen auch finde, dass dieser Weg viel mehr ist. Im Verlauf meines Spaziergangs beginne ich mehr und mehr zu beobachten. Ich achte auf Kleinigkeiten, auf Details und entdecke Dinge, die ich ohne diesen Streckenverlauf wahrscheinlich nie oder erst viel später, durch Zufall, bemerkt hätte. Vielleicht ist das ja sogar gewollt. Ein paar Meter von Uranus entfernt, eine zweite Stele, aus Sandstein. Sie zeigt das Konterfei von Joseph Freiherr von Eichendorff, der zu den bedeutenden deutschen Lyrikern der Romantik zählt. Niemand weiß genau, ob Eichendorff jemals in Göttingen war, aber seine Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ kann ich jedem nur empfehlen.

Sattgrün leuchtende Linden

Unter sattem Grün: Linden in der Brüder-Grimm-Allee. Foto: Christoph Mischke

Es ist immer noch drückend, über der Stadt ziehen einige dunkle Wolken heran. Die Luft ist feucht, genau wie mein T-Shirt inzwischen auch, obwohl ich eher einen gemütlichen Gang pflege. Es geht aber auch ab der Weender Straße stetig bergauf. Genau wie in der Brüder-Grimm-Allee, die ich jetzt hinauf gehe. Nicht am Rand auf dem Bürgersteig, sondern schön in der Mitte, auf dem Kiesweg unter den sattgrün leuchtenden Linden, die augenscheinlich in Göttingen häufig gepflanzt wurden. Das habe ich ja vor kurzem auf meinem Wall-Rundgang schon festgestellt. Sehr angenehm: Wildfremde Menschen, denen ich hier begegne, grüßen mich. Als ich die Ewaldstraße erreiche, biege ich rechts ab.

Platanen-Revier

Gnubbelig: Wülste an mächtigen Platanen-Stämmen. Foto: Christoph Mischke

Bizarre Natur: Platanen stoßen ihre Borke regelmäßig ab. Foto: Christoph Mischke

Irgendetwas ist hier anders, als auf meinem bisherigen Marsch. Es dauert ein wenig, bis mir auffällt, dass hier keine Linden an der Straße stehen. Hier ist Platanen-Revier in seiner ganzen Vielfalt. Mit knorrigen und teils bizarr geformten Stämmen säumen sie die Straße. Ich weiß, dass Platanen alle paar Jahre ihre Borke abstoßen, weil sie wachsen wollen. Hier sind alle Zustände zu sehen. Glatt und spröde, wellig, gnubbelig, mit Wülsten und Beulen und in allen Farbschattierungen von Graugrün bis Rostrot.

Neptuns Triton, der „Störenfried“

Erinnerung an Göttinger Dichterbund: das Hainbund-Denkmal. Foto: Christoph Mischke

Hat 14 bekannte Monde: der Neptun. Foto: Christoph Mischke

Vor lauter Bäumen übersehe ich fast meine neunte Station, den Neptun. Die Stele steht schräg gegenüber vom Hainbund-Denkmal, kurz vor der 180-Grad-Kehre der Herzberger Landstraße. Warum der Steckbrief seinen Mond Triton als „Störenfried“ und „planetarischen Geisterfahrer“ bezeichnet, erschließt sich mir in diesem Moment nicht. Ist mir aber gerade auch egal, weil der erste Blitz über den Himmel zuckt. Als der Donner grollt, fallen auch schon die ersten dicken Regentropfen und ich sehe zu, dass ich flugs wieder in Richtung Stadt komme. Bei Gewitter durch den Wald bis zum Pluto am Bismarckturm wäre wohl auch unklug. Das hole ich dann an einem anderen Tag nach.

Nur noch Zwergplanet: Plutos Tafel am Bismarckturm. Foto: Christoph Mischke

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