Von Erhardt bis Tatort: Filmstadt Göttingen

Am 3. Februar dieses Jahres flimmerte mit „Das verschwundene Kind“ der erste Göttingen-Tatort über die Bildschirme. Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ermittelte nach ihrer „Strafversetzung“ aus Hannover erstmals in der Universitätsstadt. Inzwischen sind in der Stadt und der näheren Umgebung zwei weitere Tatort-Folgen entstanden, die vermutlich 2020 ausgestrahlt werden. Wo heute nur sporadisch gedreht wird, entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, zwischen 1948 bis in die 60er-Jahre hinein, fast 100 Kino-Spielfilme.

Modernstes Filmatelier Deutschlands

Luftbild von 1957: die Göttinger Filmateliers. Foto: Städtisches Museum

Hans Abich und Rolf Thiele gründeten 1946 mit der Filmaufbau GmbH Göttingen das seinerzeit modernste Film-Atelier Deutschlands. Beide wollten einen filmischen Gegenpol zu den Propaganda- und Durchhaltefilmen der Universum Film AG (UFA) setzen. Allerdings mussten Abich und Thiele das firmeneigene Atelier bald verkaufen, nachdem ihr erster Film gefloppt war. Die Hamburger Vereinsbank übernahm den modernen Studiokomplex, gründete die Filmatelier Göttingen GmbH. Auf dem ehemaligen Flugplatzgelände war nach den Entwürfen des Architekten Walter Haag, eine Art „Klein Hollywood“ entstanden: drei Ateliers mit einer Gesamtfläche von 1500 Quadratmetern. Nahezu pausenlos wurden hier deutsche Kino-Klassiker wie „Liebe 47“, Frauenarzt Dr. Prätorius“, „Der tolle Bomberg“ oder „Rosen für den Staatsanwalt“ produziert. Die damaligen Stars der deutschen Kino-Szene wie Willy Fritsch, Theo Lingen, Hilde Krahl, Curt Goetz, Dieter Borsche, Ruth Leuwerik oder Walter Giller gaben sich quasi die Klinke der Studiotüren in die Hand. Allen voran Starkomiker Heinz Erhardt. Er drehte zwischen 1956 und 1960 allein acht erfolgreiche Spielfilme in der Stadt. Darunter auch die heute noch beliebten Streifen „Natürlich die Autofahrer“, „Drillinge an Bord“, „Witwer mit fünf Töchtern“ oder „Der müde Theodor“.

 „Tatort ist Geschenk des Himmels“

Tatort: Florence Kasumba (Anais Schmitz) und Maria Furtwängler (Charlotte Lindholm) am Set…

… und beim Eintrag in das Goldene Buch der Stadt während der Preview. Fotos: Christoph Mischke

Ich habe mich mit dem Göttinger Hörspiel- und Filmproduzenten Sven Schreivogel getroffen. Er ist nicht nur Erhardt-Fan, sondern hat sich als Kenner der Göttinger Filmvergangenheit einen Namen gemacht. Mehr noch: Sven brennt für seine Filmstadt und möchte sie in Zukunft wieder als Drehort für Filme und Fernsehserien aufbauen und vermarkten. „Dass der Tatort nun auch in der Stadt, die Wissen schafft, gedreht wird, ist ein Geschenk des Himmels“, sagt er mir und seine Augen leuchten. „So ein Dreh, der dann auch noch zur Primetime gesendet wird, ist schon ein Ritterschlag.“ Aufgrund seiner geografischen und topografischen Lage erachtet er die Universitätsstadt als idealen Drehort. „Göttingen ist nicht nur malerisch und auch so viel mehr als das niedliche Fachwerkstädtchen“, sagt der Filmkenner. „Ich möchte die Stadt als Drehort, Kulisse und Handlungsort nachhaltig etablieren.“ Für den überzeugten Göttinger geht es darum, Stoffe mit Tiefe zu entwickeln, die zwar göttingenspezifisch, aber von überregionaler Bedeutung sind.

Thema Nummer eins: Göttingen als Kulisse

Natürlich die Autofahrer: Heinz Erhardt dreht am Theaterplatz und am…

…Weender Tor, wo sein Denkmal steht. Fotos: Karl-May-Archiv und Heinzerhardtfreun.de/Helfrich

Svens Begeisterung für die Filmstadt Göttingen hat ihren Ursprung bereits in seiner Jugendzeit. 1972 im Stadtteil Grone geboren, wuchs er in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Filmstudios auf. Er erinnert sich noch ganz genau an den 20. Februar 1984. An jenem Montag zeigte das ZDF um 20.15 Uhr die Heinz-Erhardt-Komödie „Natürlich die Autofahrer“. „Am folgenden Tag war der Film bei uns in der Lutherschule das Gesprächsthema Nummer eins. Göttingen war im Fernsehen zu sehen gewesen. Und das nicht nur in irgendwelchen Studioaufnahmen. Nein, die Stadt selbst diente als Kulisse. Der Theaterplatz, die Kreuzung am Weender Tor oder auch ein entstehendes Wohngebiet im Osten der Stadt waren in dem erfolgreichen Streifen zu sehen.“ Von da an hatte es ihn gepackt. Schul-Projekttagen am Max-Planck-Gymnasium (MPG), die sein Lehrer und heutige Leiter des Göttinger Karl-May-Archivs, Michael Petzel, seinerzeit initiierte, folgte eine Film-AG. Sven ließ sich am Deutschen Theater (DT) zum Schauspieler ausbilden. 1993 gründete er mit der „Filmwerkstatt Göttingen“ einen Verein zur Vernetzung von Filmschaffenden. 1996/97 drehte er den Spielfilm „Der Seelenspiegel“ in Göttingen und Umgebung. 1999 erhielt er vom NDR eine Drehbuchförderung für die Dokumentation „Hollywood an der Leine – Die Geschichte der Filmstadt Göttingen“. Sein Filmbüro Göttingen arbeitet, wenngleich nicht wissenschaftlich, aber historisch korrekt, die cineastische Vergangenheit der Stadt auf.

Cineastische Kostbarkeiten

Kulissenskizze von Walter Haag für „Natürlich die Autofahrer“. Foto: Städtisches Museum

Sven ist ein Füllhorn an Wissen über diese Zeit, hat zahllose Daten, Geschichten und Anekdoten parat – ein lebendiges Lexikon der Göttinger Film-Szene. Er weiß so viele Dinge über meine Heimatstadt, von denen ich nicht ansatzweise geahnt habe. Für den Antikriegsfilm „Hunde wollt ihr ewig leben“ aus dem Jahr 1959, die größte Göttinger Produktion, war die komplette Kulisse des Roten Platzes von Stalingrad auf dem Göttinger Studio-Areal aufgebaut worden. „Da wurde sogar scharf geschossen“, weiß Sven, „und der geniale Berliner Filmarchitekt Walter Haag, der inzwischen in Göttingen wohnte, ist für die Ausstattung des Klassikers mit dem Deutschen Filmpreis in Silber geehrt worden. Leider ist diese Auszeichnung abhanden gekommen und wir suchen noch nach ihr.“ In Haags ehemaliger Unterkunft in Grone wurden allerdings andere cineastische Kostbarkeiten entdeckt. 30 bis 40 Kartons mit seinen Originalzeichnungen und Entwürfen zu diversen Dekorationen und Filmausstattungen. „Die gilt es jetzt zu digitalisieren, um sie der Nachwelt zu erhalten. Genauso wie die über 2.000 Abbildungen, die bereits gescannt worden sind, darunter Stand- und Werkfotos, Plakate und Werbung.

 Die Ostsee am Kiessee

Gedreht im Wassertank: dramatische Szene auf der Wilhelm Gustloff. Foto: Städtisches Museum

Manchmal muss ich Sven ein wenig bremsen, denn er könnte stundenlang über die Kinohelden und Drehorte von damals sprechen. Am Kiessee filmte das Team um Regisseur Frank Wisbar die Anfangsszene von „Nacht fiel über Gotenhafen“ von 1959, wie er berichtet. Stundenlang mussten die Darsteller von Toten und Verwundeten des von der Roten Armee in der Ostsee versenkten Lazarett- und Truppentransportschiffs „Wilhelm Gustloff“ nachts im Wasser des Sees und angestrahlt von Suchscheinwerfern aushalten, bis die Szenen im Kasten waren. Oder die Sache mit Heinz Erhardt und Trude Herr bei der Produktion von „Drillinge an Bord“. Beide Protagonisten mussten extrem lange auf ihre Szene warten und überbrückten diese Zeit in der Atelierkantine. Dort sprachen sie Erhardts Tagebuch zufolge wohl so heftig dem Alkohol zu, dass sie am Ende ziemlich betrunken waren. „Gedreht wurde anschließend aber trotzdem“, sagt Sven lachend.

Denkmal gestohlen

Großes Medieninteresse: Neuaufstellung der Heinz-Erhardt-Stele. Foto: Christoph Mischke

„Überhaupt, Heinz Erhardt“, erzählt Sven, „er ist das Gesicht der Göttinger Filmgeschichte. Kein anderer hat hier so viele Filme gedreht, wie er.“ Eine Metall-Plexiglas-Stele am Weender Tor erinnert seit 2003 an den 1979 verstorbenen Schauspieler. Sie zeigt ihn in seiner Rolle als Polizeihauptwachtmeister Eberhard Dobermann in „Natürlich die Autofahrer“, wie er an ebendieser Kreuzung im Film den Verkehr regelt. Groß und überregional war der mediale Aufschrei, als Unbekannte Mitte September dieses Jahres die Figur vom Sockel gerissen und gestohlen haben. Ausgerechnet im 60. Jubiläumsjahr der Entstehung des Films. Wochen später wurde sie von einer Spaziergängerin wundersamerweise ganz in der Nähe wiedergefunden. Ein Göttinger Unternehmen hat die Stele repariert und mit wirkungsvollen Maßnahmen gegen erneuten Diebstahl gesichert. Am 5. November wurde das Denkmal, dessen Patenschaft übrigens das Polizeikommissariat Göttingen übernommen hatte, abermals unter großem Interesse der Medien, wieder am alten Platz aufgestellt. Klar, dass Sven da nicht gefehlt hat.

Der Kreis schließt sich

Tatort: Maria Furtwängler bei Dreharbeiten am Iduna-Zentrum. Foto: Christoph Mischke

Von der Schule zur Polizeiwache: nächtlicher Blaulicht-Dreh am MPG. Foto: Christoph Mischke

„Erhardt war brillant in der Beobachtung, sein Humor war zeitlos, wie sein filmisches Schaffen von Mitte der 50er-Jahre bis in die Siebziger beweist“, sagt Sven. „Seine Filme sind heute noch beliebt und manche seiner Sprüche sind inzwischen zum geflügelten Wort geworden.“ So lustig seine Filmfiguren auch waren, privat war der Schauspieler eher ein introvertierter, ernster Mensch. „Er war ein hervorragender Musiker und wollte eigentlich Pianist werden“, weiß Sven und zieht Parallelen zu Helge Schneider. Auch ein brillanter Musiker, der in einem anderen Gewerk berühmt geworden ist. Das wird mit Maria Furtwängler wohl nicht passieren, denke ich, obwohl sie inzwischen ein paar Mal als Gesangspartnerin von Udo Lindenberg aufgetreten ist. Und schon schließt sich der Kreis. Witzigerweise wurde der letzte Tatort unter anderem am MPG, Svens ehemaliger Schule, und nur ein paar Meter entfernt vom Kandelaber am Theaterplatz gedreht, wo Erhardt in seiner Polizisten-Rolle wiederum Dreharbeiten zu einem Kriminalfilm stört, weil er die flüchtenden Verbrecher für echt hält. Ein Zeichen für die Zukunft von Göttingen als Filmstadt? Vielleicht.

Initiative Drehort Göttingen

NDR-Doku: Teile der Filmateliers sind bis heute erhalten geblieben. Foto: Filmbüro Göttingen

Sven verfügt über zahllose Kontakte zur Film- und Fernsehszene und ist ein Meister im Netzwerken. „Natürlich geht so etwas nicht im Alleingang“, sagt er. Seit August dieses Jahres hat er mit der „Initiative Drehort Göttingen“ ein namhaftes Kreativteam zusammengebracht. Dabei sind unter anderen Patrick Caputo, Regisseur der Telenovela „Rote Rosen“, Schauspielerin Natalie O’Hara („Der Bergdoktor“), TV-Journalist Ekkehard Sieker („Die Anstalt“), Produzentin Silke Winter (Talpa Germany, Berlin) und einige Göttinger Medienschaffende. Anfang November traf sich die elfköpfige Gruppe zu einer zweitägigen Kreativwerkstatt. „Im Fokus stand das Zusammentragen von möglichen Film- und Serienstoffen, die für Göttingen typisch und geeignet sind“ berichtet mir Sven. Auf ihrer Tour durch die Stadt, zu Fuß und mit dem Bus, besuchte die Gruppe, die von einem Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks begleitet wurde, zahlreiche ehemalige und zukünftige potenzielle Dreh- und Handlungsorte in der Stadt. Wie es der Zufall wollte, konnte die Gruppe auch einen Blick auf die Dreharbeiten zum dritten Göttingen-Tatort erhaschen. Ein Zeichen – wer weiß? „Eines jedenfalls ist sicher“, sagt Sven bestimmt, „am 21. August 2023 werden wir in Göttingen eine Ausstellung mit zahlreichen Exponaten aus der Göttinger Filmgeschichte eröffnen. Wir wissen nur noch nicht wo. Dann feiern wir 75 Jahre Eröffnung der Göttinger Filmatelier.

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