Wie Atmosphäre klingt…

Seit nun schon 150 Jahren spielt das Göttinger Symphonie Orchester (GSO) Geschichte und trotz der namhaften Dirigenten und Solisten internationalen Ranges war ich noch nie zuvor dort. Das mag daran liegen, dass klassische Musik keinen immensen Teil meiner klingenden Gegenwart einnimmt und meine Assoziationen mehr von Klischees als von der Musik an sich geprägt sind. Als Göttinger Studentin verbringe ich meine Abende dann doch eher mit Freunden, einer Boombox und einem Bier auf dem Willi. Doch genau dort, am Wilhelmsplatz in der Aula, spielte am 28. November das Orchester. Klassikhelden wie Prokofjew, Kantscheli, Hummel und Beethoven standen an diesem Donnerstagabend auf dem Programm, und der Norddeutsche Rundfunk hat das Konzert live aufgezeichnet.

Menschen die Musik näherbringen

Der NDR vor der Aula am  Wilhelmsplatz: Die Vorbereitungen laufen. Foto: Christine Bartling

„Denkt immer daran: Die Leute werden euch beim Staubsaugen oder Autofahren hören“, sagt Chefdirigent Nicholas Milton bescheiden und gleichzeitig ermutigend zu den Musikern. Genau einen Tag vor dem großen Konzert bin ich um 10 Uhr morgens auf der Empore des Proberaums des Göttinger Symphonie Orchesters in der Godehardstraße. Woher der Sinneswandel und was macht sie jetzt auf einer Orchesterprobe, werdet ihr euch sicher fragen. Diese Reportage entstand im Kontext eines Uni-Seminars: In meinem Studium der Musikwissenschaft habe ich dieses Semester einen Kurs besucht, in dem wir Studierende verschiedene Projekte zur Musikvermittlung durchgeführt haben. Alle Projekte drehten sich um das besagte Konzert des GSO. Andere Projektgruppen haben zum Beispiel Beiträge fürs Radio oder eine Konzerteinführung für Kinder erarbeitet. So haben wir verschiedene Wege kennengelernt, Musik den Menschen näherzubringen.

Hinter den Kulissen

Intensive Vorbereitung: Das GSO im Proberaum in der Godehardstraße. Foto: Julia F. Pawlak

Es ist spannend einen Einblick hinter die Kulissen zu bekommen. Mit dem Rücken zu mir gekehrt, probt das Orchester hochkonzentriert Prokofjews Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25. Mein Blick schweift nach links aus dem Fenster. Die meisten Leute sind jetzt auf dem Weg zur Arbeit, fahren ins Büro und werden wahrscheinlich einen Kugelschreiber oder ein Telefon in der Hand halten. Hier bestimmen gerade weniger alltägliche Gegenstände das Geschehen: Bogen, Schlegel oder Mundstücke für die Blasinstrumente. Ein typischer Tagesablauf eines Berufsmusikers, so erfahre ich, beginnt morgens um 9:30 Uhr. Bevor es überhaupt zur eigentlichen Probe kommt, spielen sich die Musiker zuerst eine halbe Stunde warm. Danach heißt es für zweieinhalb bis drei Stunden: vollste Konzentration bis zur Pause. Für ein Konzert proben die Musiker nur vier Mal in voller Besetzung. NUR vier Mal! Meine Gedanken werden zurückgerufen, als Milton kritisiert: „Das Horn ganz hinten, viel zu schnell!“ Der Mann entschuldigt sich und weiter geht es. „Die E-Saite der Violine, ein bisschen weicher bitte!“ Milton schaut die Dame erwartungsvoll an, sie nickt und die Passage wird wiederholt. In meinen Ohren klingt das Stück allerdings bereits perfekt. Ein Schüler lehnt sich neugierig über die Tribüne und nutzt die Fragerunde. Er ruft: „Ist es nicht richtig schwer, alle zu dirigieren?“ Nicholas Milton sagt lachend: „Nein, das Orchester ist so gut, dass kann jeder schlechte Dirigent.“

Die Musiker ganz nah

Darf ich vorstellen? Nicholas Milton: Chefdirigent und Komiker Foto: Christine Bartling

In der Pause treffe ich den Pauker Johannes Karl, der mir von den Besonderheiten des Göttinger Symphonie Orchesters erzählt: „Das Schöne am GSO ist, dass wir musikalisch sehr breit aufgestellt sind. Außer Opern spielen wir alles.“ Ich erfahre von den zahlreichen Angeboten und Kooperationen des Orchesters, die vor allem Klassik für das jüngere Publikum zugänglich machen sollen. So gibt es Familienkonzerte und Schülerkonzerte, aber auch Probenbesuche. „Und natürlich spielen wir Filmmusik, wie zum Beispiel James Bond, am 5., 6. und 7. Dezember –  alle lieben James-Bond-Musik.“ Johannes grinst. Als ich ihn frage, ob er wegen des nächsten Abends aufgeregt ist, antwortet er: „Ich bezeichne es eher als freudig angespannt.“ Besonders freut er sich auf Beethovens Symphonie Nr. 7. Das Besondere seien die vielen Emotionen, die der Komponist zum Ausdruck bringe: „Er zeigt alles, von nachdenklich melancholisch bis glücklich heroisch im 4. Satz.“

Castings hinterm Vorhang

Johannes Karl an der Pauke. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Foto: Christine Bartling

Ich treffe auch die Flötisten Bettina Bormuth und Max Lötzsch, die mir von ihrem musikalischen Werdegang erzählen: „Mit fünf habe ich angefangen Blockflöte zu spielen und später, mit elf Jahren, konnte ich dann endlich Querflöte lernen. Danach bin ich auf die Hanns-Eisler-Musikhochschule nach Berlin gegangen. Ab diesem Zeitpunkt war der Weg als Musikerin im Orchester schon fast vorgezeichnet“, erzählt Bettina. Mit „fast“ meint die Flötistin, dass eine sehr gute musikalische Ausbildung und ein kompakter Lebenslauf noch lange keinen Platz im Orchester garantieren. „Man geht zu mehreren Castings, wo die Musiker dann hinter einem Vorhang spielen müssen“, erklärt Max. „Wenn man Glück hat, ist man dann einer von 200 Mitbewerbern. Da man nicht wissen kann, ob der neue Musiker in das Team passt, bekommt man erst einen einjährigen Vertrag“, ergänzt er. Für das GSO stehen nämlich Teamplay und Chemie an erster Stelle. Die Proben seien nicht nur zeitaufwändig, sondern auch sehr intensiv. „Letztens erzählte mir ein Kollege, dass er seine Mitspieler öfter sieht als seine Frau“, lacht Bettina.

Die Generalprobe

„Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“: Chefdirigent Nicholas Milton. Foto: Christine Bartling

Generalprobe: Die Mikrofone für die Live-Aufnahme werden eingerichtet. Foto: Christine Bartling

Am Vormittag des großen Tages besuche ich das Orchester in der Pause der Generalprobe. Sie findet immer im eigentlichen Aufführungssaal statt. Ich darf ein paar Fotos von der Aula machen. Mit Blick auf die Königswand, die goldenen Bildrahmen und die hohen Marmorsäulen erscheint mir der Saal sehr prächtig. Dennoch ist mein Blick eher auf die aufgeregten Musiker, Manager und Techniker gerichtet. Ich fiebere mit ihnen mit.

It’s Showtime

Einlass: Kartenkontrolle im Foyer der Aula. Foto: Christine Bartling

Heute ist der große Tag des Konzerts mit Aufzeichnung durch den NDR. Leider darf ich heute nicht fotografieren. Ich sitze auf die Minute genau auf Platz 509 der Galerieebene als Sergei Prokofjews Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 im Aulasaal ertönt. Heiter und beschwingt erklingt der erste Satz, die Oktavhüpfer der Geige füllen den Raum mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Der Herr neben mir schließt seine Augen und seine Gesichtszüge entspannen sich allmählich. Eine Frau imitiert den Rhythmus mit ihren Kopfbewegungen, welche mich an mein letztes Wochenende im Stilbrvch erinnern. Und der Student im roten Kapuzenpullover schräg gegenüber, liest interessiert das Programmheft. Es ist verrückt, wie unterschiedlich Menschen auf Klänge reagieren.  Durch die Raumakustik der Aula wird das Orchester mächtiger und größer. Durch die Lücken des verzierten Galeriegeländers entdecke ich den Pauker Johannes Karl, gestern noch in Shirt und Jeans, heute im weißen Hemd und schwarzen Anzug. Seine Erscheinung, die prächtige Aula, das gemischte Publikum und das Orchester – alles hört sich anders an als gestern in der Hauptprobe. Jetzt klang es nicht „nur“ perfekt, sondern auch nach Atmosphäre.

Lachen im Saal

Prächtiger Anblick: Die Säulen, die Königsbilder in vergoldeten Rahmen. Foto: Christine Bartling

Nach Prokofjews Symphonie begrüßt Nicholas Milton das Publikum und lädt alle Menschen herzlich dazu ein zum Neujahreskonzert in die Lokhalle zu kommen: „Wir haben einen wunderbaren Solisten, spielen Strauß, Tschaikowsky, Dvořák, Smetana und so weiter. Und wenn Sie kommen, wenn ich merke, dass alle da sind, werde ich sogar selbst einen slawischen Tanz auf dem Podest…“, der Satz wird von lautem Lachen im Saal übertönt. Auch Gija Kantschelis „Eine kleine Daneliade“ zaubert allen ein Lachen ins Gesicht. Als Gastspielerin performt heute Abend die Österreicherin Selina Ott und spielt Hummels Trompetenkonzert in E-Dur. Als Beethovens Symphonie Nr. 7 erklingt, wandert mein Blick auf die prächtige pastellfarbene Decke, in deren Muster sich meine Gedanken verlieren. Ich weiß jetzt, warum dieses Werk Johannes‘ Lieblingsstück ist. Vom Rhythmus geleitet, fangen Konzertbesucher an, mit unterschiedlichen Körperteilen zu dirigieren.

Wilhelmsplatz mal anders

Beleuchtet: So schön sieht das Aulagebäude abends und von außen aus. Foto: Christine Bartling

Es ist 21:49 Uhr und ich bin wieder draußen auf dem Willi. Vor ein paar Tagen dachte ich, dass ich den Platz schon in- und auswendig kennen würde. Hier begegnet mir sonst der Geruch leerer Bierflaschen, die poppige Musik und das laute Gelächter junger Menschen. Vor ein paar Tagen dachte ich auch, dass ich eine dieser Nächte nicht gegen einen Abend im Göttinger Symphonie Orchester eintauschen wollen würde. Doch als die Musik erklang, war ich irgendwo anders, versetzt in eine Welt zwischen Fantasie und Kunst. Ich würde jetzt gerne nochmal in das rotblaue Muster der Decke abtauchen, die schick gekleideten und verträumt konzentrierten Menschen beobachten und über Miltons Witze lachen. Ich meine, ich würde jetzt gerne nochmal Atmosphäre klingen hören.

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