Wie entsteht die Göttinger Perle?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin bekennender Leitungswasser-Trinker und ebenso meine Familie. Wir trinken es pur oder mit etwas frischer Minze und nennen es liebevoll „Göttinger Perle“. Schon als Kind habe ich, weil es zwischen dem Spielen schneller ging, häufig unter dem Wasserhahn gehangen. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die stets predigte, ich solle doch bitte ein Glas benutzen. Doch wo kommt unser Göttinger Wasser eigentlich her und wie funktioniert die Versorgung der Stadt mit dem frischen Nass? Wer könnte das besser wissen als Fredi Kunkel, Wassermeister bei den Göttinger Stadtwerken.

Glasklares Wasser im Quellteich

Glasklar: Das Wasser im Teich der Gronequelle. Foto: Christoph Mischke

Relikt: Ein alter Springbrunnen auf dem Parkgelände. Foto: Christoph Mischke

Ich treffe den Wassermeister an der Groner Springmühle ganz im Westen des Stadtgebiets, neben der Stegemühle und Weendespring, eine von drei Göttinger Wassergewinnungsanlagen. Hier zeigt er mir exemplarisch und ausführlich wie die Stadtwerke Göttingen die Wasserversorgung für die Bewohner Göttingens und der Umgebung sicherstellen. Wir stehen oberhalb der Gronequelle und blicken auf den Quellteich. Der Teich befindet sich in einer wunderschönen Parkanlage, die als Wasserschutzzone I ausgewiesen, und daher für die Öffentlichkeit, außer bei Sonderführungen, unzugänglich ist. Das ist verständlich, aber auch sehr schade. Früher wurde dieses idyllische Gelände sogar gastronomisch bewirtschaftet. Die älteren Göttinger erinnern sich bestimmt noch an die beliebten Tanzveranstaltungen im Gasthaus „Springmühle“. Das Wasser im Quellteich ist glasklar. Ich sehe, wie sich die Unterwasserpflanzen in der Strömung sanft bewegen. Der Teichboden sieht an einigen Stellen fast unnatürlich türkisfarben aus. „Das liegt an den Sedimenten, die mit dem Wasser aus dem Muschelkalk des Gesteins nach oben geschwemmt werden“, erklärt mir der Experte.

500 Kilometer langes Wasserrohrnetz

Es blubbert: Sauerstoffblasen steigen mit dem Wasser auf. Foto: Christoph Mischke

Beeindruckend: Schautafel der Göttinger Wasserversorgung. Foto: Christoph Mischke

Ich beobachte eine Weile die Sauerstoffblasen, die, einer natürlichen Choreografie folgend, mit dem Wasser aus der Tiefe nach oben blubbern. Ich könnte das rund 7 Grad kalte Wasser aus dem Quellteich direkt trinken, erfahre ich. Für die Versorgung der Bevölkerung wird das Wasser allerdings nicht an der Oberfläche gewonnen. „Wir entnehmen das Wasser hier in Grone mit fünf Brunnen, von insgesamt 22 im Stadtgebiet, in Tiefen zwischen 25 und 120 Metern“, sagt Kunkel. „Das hat den Vorteil, dass es so rein ist, dass wir es nicht weiter aufbereiten müssen.“ Fünf der Göttinger Brunnen sind sogenannte artesische Brunnen. Durch die geologischen Gegebenheiten steht das Wasser dort unter einem Überdruck und dringt so an die Oberfläche. Pumpen sind allerdings dennoch nötig, um das Wasser in die dazugehörigen Behälter zu fördern. Anhand verschiedener Schautafeln erläutert mir der Wassermeister die unterschiedlichen Druck- und Versorgungszonen im Stadtgebiet und den umgebenden Ortschaften wie beispielsweise Hetjershausen, Knutbühren, Esebeck oder Nikolausberg. Ich staune über die beeindruckenden Zahlen. Rund 500 Kilometer ist das Wasserrohrnetz lang und über circa 19.000 Hausanschlüsse werden rund 133.000 Bewohner mit dem köstlichen Nass versorgt. Ungefähr 127 Liter Wasser verbraucht jeder Göttinger Haushalt pro Tag.

Weiches Harzwasser aus der Sösetalsperre

So funktioniert ein Tiefbrunnen: Wassermeister Fredi Kunkel. Foto: Christoph Mischke

Ausgrabungsfundstück: Historische Wasserleitung aus Eichenholz. Foto: Christoph Mischke

Das in Göttingen gewonnene Wasser macht aber nur 20 Prozent der Gesamtmenge aus. 80 Prozent beziehen die Stadtwerke seit 1980 aus der Sösetalsperre im Harz, die von den Harzwasserwerken (HWW) bewirtschaftet wird. Über eine 40 Kilometer lange Rohrleitung gelangt das Harzwasser mit 12 bar Druck nach Göttingen. Erstaunlicherweise völlig ohne technische Hilfe und weiteren Energieaufwand, sondern nur durch Eigendruck, denn der Wasserbehälter in Osterode liegt 120 Meter höher als der Zielort Weendespring. Im Gegenteil: Es wird sogar noch Energie erzeugt. Die rund 25.000 Kubikmeter Harzwasser, die täglich durch die 80 Zentimeter dicke Leitung rauschen, treiben seit 2001 eine Rohrturbine an, die pro Jahr 700.000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Das nenne ich mal Effizienz. Im Betriebsgebäude zeigt mir Kunkel den einzigen oberirdischen Brunnen, an dem ich zumindest die Technik sehe, die sonst tief in der Erde verbaut ist. Eine weitere Tafel veranschaulicht mir den Aufbau und die Funktionsweise eines solchen Brunnens. Das geförderte Göttinger Wasser hat übrigens eine Wasserhärte von 23 bis 26 Grad deutscher Härte (dH). Durch die Mischung mit dem Oberflächen- oder auch Niederschlagswasser aus der Harzer Sösetalsperre können sich die Göttinger Kunden eines weichen Wassers mit nur 7 Grad dH erfreuen. Die entnommene Wassermenge von rund 1,6 Millionen Kubikmetern jährlich aus allen Göttinger Brunnen wird mit Zählern genau dokumentiert. Von den dafür fälligen Abgaben an das Land Niedersachsen wird ein gewisser Prozentsatz, der sogenannte „Wassergroschen“, dafür verwendet, Landwirte zu unterstützen, die ihren Betrieb in Wasserschutzgebieten führen. Sie dürfen dort nämlich weniger düngen und müssen in Folge dessen auch mit weniger Ertrag rechnen.

Die Mischung macht‘s

Oberhalb der Quelle: Eine von drei Göttinger Mischstationen. Foto: Christoph Mischke

Ich frage mich, was passiert, wenn die Technik versagt. Fällt Göttingen dann trocken? Fredi Kunkel kann mich beruhigen. „Wir haben vor vier Jahren ein Notfallkonzept erarbeitet“, berichtet er. „Selbst bei einem totalen Stromausfall kann die Wasserversorgung über Wochen sichergestellt werden. Das ist sehr beruhigend. Bleibt die Frage zu klären, wo jetzt die beiden Wässer miteinander vermischt werden, da wie der Wasserexperte erklärt, jeder Göttinger exakt dasselbe Gemisch aus 80 Prozent Harzwasser und 20 Prozent Eigenwasser erhält. Das geschieht in der Mischstation, die auf demselben Areal oberhalb der Springmühle liegt. Sie ist nur eine von insgesamt drei Stationen. Die anderen befinden sich am Weendespring und an der Schillerwiese. Kunkel öffnet die schwere Edelstahltür. Uns schlägt eine erfrischende Kühle entgegen. Der Blick in die 30 Jahre alte, noch mit zahlreichen analogen Instrumenten ausgestattete Schaltanlage ist nicht sonderlich spannend. „Die meisten und wichtigen Werte werden uns heute direkt auf den PC übertragen“, sagt Kunkel, „wir können also direkt vom Schreibtisch aus eingreifen, wenn es nötig ist.“ Sämtliche Steuer- und Überwachungsprogramme sind dabei redundant, also mehrfach vorhanden, falls einmal eines ausfallen sollte.

Trinkwasser wird am besten kontrolliert

Stunde der Wahrheit: Wasserprobe mit Fredi Kunkel. Foto: Christoph Mischke

Anzeige: Stellung der Regelklappen in den Rohrleitungen. Foto: Christoph Mischke

Im Untergeschoss erblicke ich ein für mich unübersichtliches Gewirr dicker Rohre. „Hier laufen alle Leitungen zusammen, die wir für das Mischen brauchen“, erklärt mir der Wassermeister. Mir fällt ein schnarrendes Geräusch auf. Eine Regelklappe in einem der Rohre schließt sich gerade, wie mir der Fachmann erklärt. Kurz darauf öffnet sich eine andere, mit demselben Geräusch. Wenn man es weiß, dann kann man es sogar sehen, denn die Klappen sind mit einer entsprechenden Anzeige versehen. „Die Steuerung des immer gleichen Mischungsverhältnisses läuft nämlich mengenabhängig und vollautomatisch“, sagt der Experte. Hier unten, im Keller der Mischstation, schlägt für mich auch die Stunde der Wahrheit. Der Wassermeister zapft für mich aus unterschiedlichen Leitungen jeweils einen Becher Harz- und Göttinger Wasser. Ich soll beide geschmacklich vergleichen. Nun ja, ich bin kein Wasser-Sommelier und, ehrlich gesagt, schmecke ich keinen gravierenden Unterschied. Beide kühl und lecker. Trinkwasser ist ja das am besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland und auch Kunkel bestätigt mir, dass die Wassergewinnungs- und Brunnenanlagen sowie die Wasseraufbereitungs- und Wasserleitungssysteme regelmäßig, zum Teil sogar täglich, überprüft werden. Dabei werden 30 bis 40 verschiedene Parameter nach einem festen Plan untersucht. Ein Trinkwassertest des Verbrauchermagazins Ökotest in 69 deutschen Städten bescherte dem Göttinger Wasser 2014 mit dem 1. Platz eine überragende Qualität.

Tagesbedarf beträgt rund 25.000 Kubikmeter

Sprudelt: Strahlapparate reichern das Wasser mit Luft an. Foto: Christoph Mischke

Verhältnis 80:20: In Edelstahlbehältern werden die Wässer gemischt. Foto: Christoph Mischke

Inzwischen stehen wir im Obergeschoss des Gebäudes. Auch hier herrscht eine feuchte Kühle. Harzwasser und Göttinger Wasser rauschen aus unterschiedlichen Rohren und Strahlapparaten, die das Wasser mit Luft anreichern, um ihm Kohlensäure zu entziehen, lautstark durch die derzeit zwei aktiven Mischbecken aus Edelstahl. Hier oben ist alles aus Edelstahl, was mit Wasser in Berührung kommt. Es tost in einer Art und Weise um uns herum, dass eine Verständigung nur noch durch Brüllen möglich ist. Die Anlage läuft im Moment auf rund 70 Prozent, wie Kunkel erklärt, denn es ist Mittagszeit und in ganz Göttingen laufen verstärkt die Geschirrspülmaschinen.“ Bei noch stärkerem Verbrauch kann noch ein drittes Mischbecken dazu geschaltet werden. Sprudelnd und gurgelnd durchläuft das nun gemischte Wasser in hohem Tempo eine breite Rinne, in der verschiedene Loch- und Schlitz-Bleche installiert sind. Diese dienen einzig und alleine dazu, die beiden Wässer durch die Verwirbelungen noch besser zu vermengen. Durch ein Fenster lässt mich der Wassermeister in den Trinkwasserbehälter schauen, in den sich der Wasserschwall unablässig ergießt. Eher schemenhaft erkenne ich einen riesigen sehr dunklen Raum. Sechs Meter hoch und über 20 Meter lang fasst er 3000 Kubikmeter feinstes Trinkwasser. Eine spezielle Strömungstechnik sorgt dafür, dass das Wasser an allen Stellen des Behälters ständig in Bewegung ist, und kein stehendes Wasser vorkommen kann. Im Moment ist der Tank zu rund 60 Prozent gefüllt. Das Volumen sämtlicher 22 Behälter im Stadtgebiet fasst rund 25.000 Kubikmeter, was ungefähr dem Tagesbedarf der Stadt entspricht. „Der ist zurzeit aber deutlich geringer“, weiß Kunkel, „denn die rund 30.000 Studierenden der Universität haben Semesterferien, und das spüren wir im sinkenden Verbrauch ganz deutlich.“

„Göttinger Entdeckungstouren“

Lochbleche sorgen für eine gründliche Durchmischung….

…bevor sich der Wasserschwall in den Trinkwasserbehälter ergießt. Fotos: Christoph Mischke

Wer jetzt neugierig geworden ist und selbst erleben möchte, wie die Wassergewinnung in Göttingen funktioniert, hat am Donnerstag, den 29. August, um 13 Uhr, im Rahmen des Göttinger Stadtführungs-Festivals die seltene Gelegenheit dazu. Bereits zum neunten Mal veranstaltet die Tourist-Information Göttingen vom 16. August bis 28. September 2019 die „Göttinger Entdeckungstouren“. Sechs Wochen lang gibt es wieder ungeahnte Möglichkeiten, die Stadt, ihre Geschichte und ihre Geschichten bei den unterschiedlichsten Rundgängen auf besondere Weise zu entdecken. Während der zahlreichen „Blicke hinter die Kulissen“ öffnen sich wieder viele Türen, die sonst für die breite Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Dabei gibt es viel Neues zu entdecken: neben der Wassergewinnungsanlage Springmühle das Trainingszentrum der Basketball-Profis der BG Göttingen, die Heilsarmee und das neue Quartier des Jungen Theaters am Wall, um nur einige Highlights zu nennen. Programmhefte und Tickets für die Führungen sind in der Tourist-Information am Alten Rathaus erhältlich. Sämtliche Informationen gibt es unter Stadtführungsfestival Göttinger Entdeckungstouren.

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